Studie So kurz kommt Politik im Schulunterricht

Wie viel Politikunterricht bekommen Schüler im Durchschnitt? Dieser Frage sind Forscher aus Bielefeld nachgegangen - und haben gewaltige Unterschiede zwischen den Bundesländern gefunden.

Unterricht an einem Gymnasium in Bayern
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Unterricht an einem Gymnasium in Bayern

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Ein mündiger Bürger ist "ein erwachsener Mensch, der zu einem eigenen Urteil und selbstständigen Entscheidungen fähig ist". So formuliert es der Duden. Aber was muss ein Kind lernen, um als mündiger Bürger die Schule zu verlassen? Darüber gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen. Und sie zeigen sich nirgends so deutlich wie im Wettstreit zwischen den Schulfächern Politik und Wirtschaft.

Sozialwissenschaftler mahnen, dass Wirtschaftsthemen im Unterricht immer mehr Raum bekommen - auf Kosten der politischen Bildung: Aktiensparpläne statt Auschwitz. Ist das Panikmache oder berechtigte Sorge? Wer diese Frage beantworten will, steht zunächst vor einer anderen: Wie viel Politikunterricht haben Schüler in Deutschland denn überhaupt?

Ein Forscherteam der Uni Bielefeld ist dieser Frage nachgegangen. Das Ergebnis: Es gibt gewaltige Unterschiede zwischen den Bundesländern. Lehrer an Gymnasien in Hessen und Schleswig-Holstein haben acht Mal mehr Zeit, ihren Schülern politische Bildung nahezubringen als Lehrer an Gymnasien in Bayern.

Die Sozialwissenschaftler haben für alle 16 Bundesländer die Stundentafeln für Gymnasien und nicht gymnasiale Schulen analysiert und ausgewertet, wie viele Unterrichtsstunden für ein Fach der politischen Bildung in der Sekundarstufe I vorgesehen sind. Keine leichte Aufgabe, denn das Fach heißt in jedem Bundesland anders.

So heißt das für die politische Bildung vorgesehene Unterrichtsfach an Gymnasien

Gern wird es auch in sogenannte Sammelfächer verpackt, zum Beispiel Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung/Wirtschaft in Sachsen oder Politik/Gesellschaft/Wirtschaft in Hamburg. In diesen Fällen haben die Forscher nur die Stundenanteile für die politische Bildung berücksichtigt. Waren diese nicht explizit in den Stundentafeln aufgeführt, gingen sie von einer Gleichverteilung aus.

So ergibt sich für jedes Bundesland eine Quote, die den prozentualen Anteil politischer Bildung an den Gesamtwochenstunden in der Sekundarstufe I anzeigt. Und vor allem für den Unterricht an Gymnasien fällt diese sehr unterschiedlich aus:



"In Bayern hält das Kultusministerium politische Bildung offenbar für nicht besonders wichtig", sagte Studienleiter Reinhold Hedtke. Bayern stelle an Gymnasien nicht mal ein Viertel der Lernzeit zur Verfügung, die alle anderen Bundesländer der politischen Bildung widmen. Nur ein Jahr lang, in der zehnten Klasse, stehe dort mit Sozialkunde überhaupt ein eigenständiges Fach für politische Bildung auf dem Stundenplan.

Das Argument, dass politische Bildung ja auch in anderen Fächern wie zum Beispiel Geschichte oder Erdkunde vermittelt wird, lässt Hedtke nicht gelten. "Wenn politische Bildung nicht als eigenständiges Unterrichtsfach vorgesehen ist, sagt das doch etwas über den Wert aus, der ihr beigemessen wird. Politikunterricht ist ein Symbol der Demokratie. Und ich finde es schon bemerkenswert, wie unterschiedlich die Landesregierungen damit umgehen."

In Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein startet der Politikunterricht an Gymnasien schon ab der fünften Klasse:

Über die Qualität des Unterrichts sagt dies allerdings wenig aus, darauf weist auch Studienleiter Hedtke hin: "Wir haben die formalen Vorgaben analysiert, aber wie diese im Unterricht umgesetzt werden, ist noch mal eine andere Frage."

Wie eine weitergehende Analyse aussehen könnte, haben er und seine Kollegen am Beispiel Nordrhein-Westfalen gezeigt: Für dieses Bundesland schauten sie sich nicht nur die Stundentafeln, sondern auch die konkreten Lehrpläne an. Das Ergebnis: Für politische Themen bleiben im Unterricht in der Sekundarstufe I (Klasse 5 bis 10 bei Gesamt- und Realschulen und Klasse 5 bis 9 bei Gymnasien) pro Woche nur 17 bis 20 Minuten. Und kein anderes Fach wird so oft von fachfremden Lehrern unterrichtet wie "Politik" und "Politik/Wirtschaft".

insgesamt 35 Beiträge
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kleinsteminderheit 31.01.2018
1. Prioritäten
Politisches Grundwissen ist wichtig, kein Zweifel. Tatsache ist aber auch, dass alle schulische Bildungsgänge derzeit Schüler in Studium oder Ausbildung entlassen, denen die geforderten Basiskompetenzen schmerzlich fehlen. Grundrechenarten, Basiswissen Naturwissenschaft, Rechtschreibung, die Fähigkeit, sich gefordertes Wissen anzueignen, Durchhaltevermögen, Fsrustrationstoleranz etc. Bildung schafft Freiheit durch Entfaltung der individuellen Fähigkeiten. Momentan stellen jedes Jahr zu viele junge Menschen fest, dass die Schule ihnen nicht das beigebracht hat, was sie brauchen um in Studium, Ausbildung und Arbeit bestehen zu können. Diesen Menschen hätte auch mehr Politikunterricht nichts genützt. Sie sind durch fehlende Basiskompetenzen in ihrer persönlichen Entfaltung gehemmt, nicht durch fehlendes politisches Bewusstsein. Die Priorität muss wieder auf ein solides Basiswissen und auf die Grundfertigkeiten gelegt werden. Solides politisches Grundwissen kann auch der Geschichtsunterricht effektiv vermitteln.
unzensierbar 31.01.2018
2. Politikunterricht
Wie schon festgestellt wurde, findet Politikunterricht kaum statt. Was die Studie aber wie auch schon im Artikel genannt nicht bewertet hat ist die Qualität dieses Politiksunterrichts. Und diese ist einfach misserabel. Ich kann mich noch an einen Lehrer den ich in Sozialkunde/Politik/ wie auch immer man es nennen will, erinnern, der Geschichte und Politik so absolut vereinfacht, verwässert und verfälscht hat, dass es im Prinzip hieß (im Kontext zum Kalten Krieg und Politik): Westen/Kapitalismus = Demokratie, gut; Kommunismus = Diktatur, schlecht. Sämtlicher andere Unterricht in Politik und von anderen Lehrern war in den restlichen Jahren auch nicht sehr viel besser. Wie schon genannt geht es meist nur um Wirtschaft und dann auch nur um die kapitalistische Marktwirtschaft. Man soll ja bloß nicht außerhalb des Systems denken und auf dumme Ideen kommen. Das will der Staat aber auch so und wird sich nie ändern.
marty_gi 31.01.2018
3. Hessen vs Bayern
Dass man in Bayern keine politische Bildung benoetigt, ist doch logisch. CSU ist nunmal CSU. Das wiederum Hessen ganz oben steht, wundert mich. Ich bin in Hessen zur Schule gegangen, bis Anfang der Neunziger. Und hatte Null Unterricht ueber politische Verhaeltnisse in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Die Zeit bis dahin wurde mehrfach abgeklappert, aber alles danach - totales Schweigen. Wobei ja aber gerade diese Zeit fuer eine Meinungsbildung und Sitiuationseinschaetzung sehr wichtig gewaesen waere. Keine Ahnung, ob das heute anders laeuft - Geschichte wird ja im Lauf der Zeit nicht weniger, wo laesst man also was weg und wo gehoert es dann zur politischen Bildung?
Sibylle1969 31.01.2018
4.
Ich bin in den 80er Jahren in NRW zum Gymnasium gegangen. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wir in der 9-jährigen Schulzeit in vier Schuljahren Politikunterricht. Allerdings immer nur mit einer Wochenstunde und grundsätzlich von fachfremden Lehrern unterrichtet.
runningstar 31.01.2018
5. Wirtschaft
Lange Zeit war Wirtschaft genau null Thema in den Schulen. Deshalb liegen etwa 2 Billionen Euro auf Girokonten, Tagesgeldkonten und Sparbüchern rum. Deutschland hat mit die niedrigste Aktienquote von allen Industrienationen. Während in anderen Ländern die Mitarbeiter deutlich mehr Durchschnittsbürger von Aktiengewinnen und Renditen profitieren, schauen unsere aufgrund komplett mangelhafter Bildung in dem Bereich in die Röhre. Da macht es schon Sinn, dass ein wenig zu ändern und das im Unterricht näher zu bringen. Die politische Bildung darf natürlich in Grundzügen auch nicht fehlen. Aber ich sage es mal so: Der Staat soll Sozial sein, der Staat soll viele Aufgaben übernehmen. Damit er diese Aufgaben überhaupt übernehmen kann (ein armer Staat hat nichts zu verteilen), braucht es eine starke Wirtschaft. Da ist es nicht verkehrt, genau das den Schülern zu vermitteln, damit sie das Zeug dazu haben, dafür zu sorgen, dass Deutschland auch in Zukunft eine starke Wirtschaft hat. Mit einer starken Wirtschaft im Rücken kann man sich dann viele soziale Dinge leisten.
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