Flüchtlinge und deutsche Frauen Eine Armlänge Unsicherheit

Die Polizei in Bad Oldesloe will jungen männlichen Flüchtlingen den richtigen Umgang mit deutschen Frauen beibringen. Die Botschaft: Haltet euch besser fern. Das Resultat: noch mehr Verunsicherung.

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20 junge Afghanen sitzen in einem Haus auf dem norddeutschen Land zwischen Pferdeweiden und Äckern. Sie sitzen im Esszimmer auf Stühlen mit dünnen Metallbeinen. Die Stühle haben sie zu einem Ei zusammengeschoben, für einen Kreis ist es zu eng. Sie sind dunkelhaarig, dunkeläugig, männlich, alleinstehend.

Sie machen manchen Deutschen Angst.

Wegen dieser Angst sitzt vor den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die in einem ehemaligen Seniorenheim in Klein Hansdorf, Schleswig-Holstein, untergekommen sind, die Polizei. Petra Gegner, 48, und ein Kollege, Kriminalinspektion Bad Oldesloe, wollen die Jugendlichen aufklären, wie man mit deutschen Frauen umgeht.

"Die Bevölkerung reagiert sehr empfindlich"

"Ihr habt sicherlich mitbekommen", sagt Petra Gegner bedächtig, die Stirn gerunzelt, die Hände über ihrem Klemmbrett gefaltet, "dass sich die Einstellung zu Flüchtlingen in der Öffentlichkeit ein bisschen geändert hat." Sie macht eine Pause für den Übersetzer. Die Jugendlichen lauschen ernst, die Arme eng am Körper.

Gegner sagt: "Die Bevölkerung reagiert sehr empfindlich auf das Thema Flüchtlinge. Jeder einzelne von euch trägt mit seinem Verhalten dazu bei, diese Furcht zu verstärken oder zu nehmen." Die Flüchtlinge nicken nicht, sie sagen nichts, sie hören nur zu.

Die Polizei ist nicht hier, weil es in ihrem Revier ein Problem mit jungen, männlichen Afghanen gibt. "Wir beobachten überhaupt keine Unterschiede zwischen deutschen Jugendlichen und jungen Flüchtlingen", sagt Gegner.

Sie ist hier, weil sie unter Druck steht. Im Januar erließ das Amtsgericht in Ahrensburg Haftbefehl gegen einen 17-Jährigen aus Eritrea, der versucht haben soll, eine 18-Jährige in einem Parkhaus zu vergewaltigen. Hinzu kam ein halbes Dutzend Anzeigen gegen afghanische Jugendliche in Bad Oldesloe wegen sexueller Beleidigung.

Solche Vorfälle gehören eigentlich zum Polizeialltag. Gegner: "Daran ist nichts auffällig."

Der Ministerpräsident informierte persönlich

Aber da sei eben die "politische Brisanz", sagt Gegner. Die versuchte Vergewaltigung war sogar Thema im Kieler Landtag. Ministerpräsident Torsten Albig informierte die Abgeordneten persönlich über den "Straftäter, der sich auf die übelste Art und Weise gegen unsere Werte und gegen das Recht dieser jungen Frau, unbehelligt ihr Leben zu leben, gestellt hat".

Daraufhin begann die Kriminalinspektion, Vorträge zu halten. Fünf einstündige "Präventionskurse" vor insgesamt 80 minderjährigen, männlichen Flüchtlingen. "Es ist ja eigentlich gar nicht unbedingt meine Aufgabe, diese Gespräche zu führen", sagt Gegner.

Sie tut es trotzdem, und sie tut es, so gut sie kann. Ihre Worte klingen ein bisschen mütterlich und ein bisschen unbeholfen, wenn sie sagt: "Es kann sein, dass ihr vorher geschmust habt. Aber in dem Moment, wo das Mädchen stopp sagt, ist es ganz wichtig, dass ihr dann auch aufhört." Die Jugendlichen lauschen in Kapuzenpullis, Jeans, Jogginghosen.

"Wenn ihr ein Mädchen noch nicht so gut kennt", sagt Gegner und wartet, bis der Übersetzer ausgesprochen hat, "dann haltet eine gewisse Distanz. Nicht näher als so": Sie streckt den Arm stockgerade von der Brust weg, die Handfläche zeigt nach vorn, die Fingerspitzen zur Decke, das Klemmbrett balanciert auf ihren Beinen.

Loslassen, aufhören, fernbleiben. "Wir wollen euch aufklären, damit ihr nicht in Gefahr kommt", sagt Gegner. "Das geht manchmal schneller, als man denkt." Natürlich gebe die Polizei nicht automatisch den Migranten die Schuld. Sie sei "Freund und Helfer", auch für Flüchtlinge.

Aber es gibt auch andere Geschichten: In Kiel kam gerade heraus , dass die Polizei Falsches kommunizierte, als es um mutmaßlich "massive sexuelle Belästigung" in einem Einkaufszentrum ging. Zwei junge Afghanen filmten ihre Opfer, drei Mädchen, angeblich mit dem Handy, ein Mob aufdringlicher Migranten schaute angeblich zu. Doch es gab gar keinen Mob - und keine Handybilder.

Kaum denkbar, dass sie sich ausprobieren

Gegner weiß, dass ihr Vortrag eine Gratwanderung ist. Die Jugendlichen sollen sich nicht fühlen, als stünden sie unter Generalverdacht. Sie sollen sensibilisiert werden, aber nicht verunsichert. Sie sollen Frauen respektieren, aber nicht meiden.

Nach dem Vortrag sagt Noorullah, 17, aus Kabul, nur halb im Scherz: "Wenn wir ein Mädchen sehen, laufen wir ab jetzt schnell weg." Gegner schaut ihn an und seufzt: "Nein, so soll es ja auch nicht sein."

Zum Schluss fügt sie etwas hinzu, das die Stimmung im Raum endlich wieder löst. "Mädchen können auch launisch sein." Einige Jungs lachen und nicken.

Die jungen Männer kommen aus einem Kulturkreis, in denen manche Frauen sich verhüllen. Aber was bedeutet das für ihre Integration? "Wenn ein Mädchen etwas nicht mag, werde ich es nicht tun", sagt Omid, 17, aus der afghanischen Provinz Wardak. Das kenne er von zu Hause auch so.

Für junge, männliche Flüchtlinge wäre es besonders hilfreich, eine deutsche Freundin zu finden. Sie würden schneller Deutsch lernen und sich vermutlich schneller integrieren.

"Ich möchte mich auf die Schule konzentrieren"

Doch Noorullah und Omid halten Abstand. "Es gibt ein Mädchen, dem ich manchmal im Bus begegne", sagt Noorullah mit dem kantigen Kinn und den ernsten Augen. "Ich weiß, dass sie mich mag." Er respektiere sie und unterhalte sich gern mit ihr. Aber mehr möchte er nicht. Er fühle sich unsicher.

Omid hätte auch schon eine Freundin haben können. "Ein Mädchen aus der Schule hat mir gesagt, dass sie mich liebt", erzählt er leise, die Augen verborgen hinter einem buschigen Pony. Doch er wollte keine Beziehung. "Ich möchte mich auf die Schule konzentrieren."

Omid hat gelernt, dass nicht nur die Frauen in Deutschland mehr Rechte haben als zu Hause. Dasselbe gilt auch für ihn. Er werde ernst genommen und dürfe Dinge entscheiden, die zu Hause seine Familie für ihn entschieden hätte. "Ich habe hier das Recht, einem Mädchen zu sagen, dass ich nur eine Freundschaft möchte", erzählt er und klingt froh. "In Afghanistan hätten sie sofort eine große Hochzeit für uns organisiert."

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