Preis für Rechen-As Schülerin stellt klügste Mathefrage

Scheinbar simple Frage: Ist 0,999 Periode kleiner als 1? Das wollte Lina Elbers vor Jahren wissen und schrieb an einen Berliner Professor. Der fand das Mathe-Problem so verzwickt, dass er Kollegen um Hilfe bat. Jetzt erhält die Essener Schülerin einen Preis für die schlaue Frage.


Lina Elbers hat eigentlich nur das getan, was sich jeder gute Lehrer von seinem Schüler wünscht - zuhören, mitdenken, nachfragen. Sie hakte nach, als ihre Mathelehrerin steif und fest behauptete, dass 0,9 Periode das Gleiche sei wie 9/9, also 1.

Abiturientin Lina Elbers: Belohnt für eine simple, kluge Frage
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Abiturientin Lina Elbers: Belohnt für eine simple, kluge Frage

Lina wollte es nicht glauben. Als zwölfjährige Schülerin schrieb sie eine Mail an den Berliner Mathematiker Ehrhard Behrends. Das war 2002. Der Professor an der FU Berlin war über die Wissbegier der Sechstklässlerin so verblüfft wie verzückt. Er bemühte sich intensiv um eine Antwort, bewahrte Linas Mail auf. Und am Samstag, sechs Jahre später, bekommt Lina im Jahr der Mathematik einen ungewöhnlichen Preis - für die klügste Frage, die Schüler in den letzten Jahren Mathematik-Professoren gestellt haben.

Zur Belohnung wird die Schülerin, inzwischen 18 und kurz vor dem Abitur an der Essener Goetheschule, nach Berlin eingeladen und von der Deutschen Mathematiker-Vereinigung ausgezeichnet. Für Lina kommt das schon ein wenig überraschend. Bei der Mail an Ehrhard Behrends hatte sie sich damals nicht viel gedacht: "Ich bin in der sechsten Klasse, wir haben gerade periodische Dezimalbrüche durchgenommen", schrieb sie. Und argumentierte gegen die mathematische Erkenntnis "0,999 Periode ist gleich 1": "Das kann aber doch nicht sein", das sei "ein Unendlichstel kleiner als 1".

Mit der Mathelehrerin hatte Lina ebenso diskutiert wie mit ihrer Mutter, einer Physiklehrerin - und fand die Antworten unbefriedigend. Also musste Ehrhard Behrends 'ran, als die Mail der Schülerin in seinem Postfach landete. Er hat das Portal Mathematik.de gegründet und bekommt täglich bis zu 15 digitale Hilferufe von jungen Leuten, die an mathematischen Fragen verzweifeln: "Mal meldet sich jemand einen Tag vor der Mathearbeit. Und mal will der Lehrling eines Gartenbaubetriebes wissen, wie man ein bestimmtes Feld mit drei Rasenmähern möglichst optimal mäht", erzählte Behrends SPIEGEL ONLINE.

Überall zermarterten Mathematiker sich den Kopf

Das mathematische Problem, das Lina Elbers ansprach, ist viel verzwickter, als es auf den ersten Blick scheint. Es hatte bereits Mathematiker mehr als 200 Jahre lang beschäftigt, bevor sie im 19. Jahrhundert die Lösung fanden - für die Zahlengelehrten ist ein Unendlichstel nichts anderes als Null, 0,999 Periode somit das Gleiche wie 1. Im Rahmen der Berliner Feierstunde wird Lina nicht nur für ihre Neugier geehrt, sie soll auch jungen Berliner Schülern die Lösung erklären.

Und was tat der Professor vor sechs Jahren? Er setzte alle Hebel in Bewegung, um das Matheproblem seiner jungen Fragestellerin aus Essen befriedigend zu beantworten. In einer Mathematiker-Fachzeitschrift berichtete er von der "tollen Anfrage" und bat Kollegen um Vorschläge, wie man jungen Schülern das Grenzwertproblem möglichst verständlich vermitteln könne - und Lina auf nette Art beibringen, dass sie Unrecht hat, weil zwischen 0,9 Periode und 1 keine weitere Zahl liegt. Forscherkollegen aus ganz Deutschland zerbrachen sich daraufhin ihren Kopf und schickten Vorschläge.

Die Sechstklässlerin hatte sich artig für die Mühen bedankt. Irgendwie außergewöhnlich kam ihr die Sache nicht vor: "Ich habe meine Frage damals nicht als so bedeutend empfunden", sagt Lina Elbers heute. Die elfte Klasse übersprang sie mühelos und steckt gerade mitten im Abitur, ihre Leistungskurse sind Mathe und Physik. Und Physik will sie auch im Ruhrgebiet studieren. "Ich mag, dass Rechnen so logisch ist und sich sehr komplexe Dinge damit lösen lassen", so die 18-Jährige.

wie/dpa



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