Pro & Contra Muss es in der Schule Noten geben?

Noten gehören zur Schule wie der Tüv-Bericht zum Auto - muss das so sein? Ja, meint Josef Kraus, Präsident des Lehrerverbandes: Ohne Noten sei Leistung nicht messbar. Nein, meint Lehrerin und Buchautorin Sabine Czerny: Noten machten blind gegenüber den individuellen Fähigkeiten der Schüler.

Zeugnisvergabe: Jeden Sommer bibbern viele Schüler vor dem Tag der Wahrheit
dapd

Zeugnisvergabe: Jeden Sommer bibbern viele Schüler vor dem Tag der Wahrheit


PRO

Josef Kraus

Schulen ohne Noten, vor allem weiterführende Schulen ohne Noten – das ist naive Romantik, das ist biedere Gefälligkeitspädagogik.

Festzuhalten ist: Das Gros der Schüler und Eltern hat keinerlei Probleme mit Schulnoten. Und selbst Schüler mit schwächeren Leistungen zeigen ihre Noten oft genug wie Trophäen herum. Auch sehen die allermeisten Eltern in Noten ganz nüchtern nichts anderes als eine transparente Bilanz dessen, was der eigene Sprössling gerade geleistet oder eben nicht geleistet hat.

Vor allem sollte man nicht vergessen: Jede einzelne Schulnote ist nicht nur blanke Ziffer, sondern dahinter stecken oft genug endlos viele Korrekturzeichen und viele Verbesserungsvorschläge, so dass daran der individuelle Förder- und Nachholbedarf erkennbar wird. Nur werden aus solchen Orientierungshilfen seitens der Schüler und deren Eltern nicht immer Konsequenzen gezogen. Denn eigentlich dürfte es keinen Vater und keine Mutter überraschen, was im Jahreszeugnis der Töchter und Söhne steht. Man müsste nur ehrlich sein, sich kontinuierlich um die Schullaufbahn des eigenen Nachwuchses kümmern und an seiner Leistungsentwicklung Anteil nehmen. Schließlich gilt: Es gibt keine Bildungsoffensive ohne Erziehungsoffensive.

Noten entfalten eine motivierende Wirkung

Ansonsten entfalten Noten in aller Regel eine motivierende Wirkung: Erfolgreiches Arbeiten wird damit im Sinne eines "Weiter so!" bestärkt. Schwächere Schulnoten sind demgegenüber eine mehr oder weniger massive, oft auch notwendige Aufforderung an alle Beteiligten, über die zukünftig richtige Schullaufbahn und über zukünftiges Lern- und Arbeitsverhalten nachzudenken. Hinter schlechten Noten steckt nämlich neben Unaufmerksamkeit im Unterricht zumeist ein gewachsenes Wissensdefizit, das sich bei Fortsetzung des bisherigen Arbeitsverhaltens oder des bisherigen Bildungsweges weiter zu vergrößern droht.

Zum Popanz werden Noten und in der Folge Zeugnisse nur, wenn Eltern, Schüler oder Lehrer etwas, zum Beispiel ein Persönlichkeitsurteil, hineinprojizieren, was Noten und Zeugnisse nicht beinhalten. Zum Popanz werden Noten und Zeugnisse sodann, wenn Eltern Zuwendung von Noten abhängig machen und wenn bereits für die knapp befriedigende Einzelnote reichlich materielle Belohnung bis hin zum 50-Euro-Schein "rüberwächst".

Die vielfach proklamierten Alternativen zu Ziffernnoten sind keine echten Alternativen, denn entweder sind es geschönte Verbalgutachten, oder sie sind in einer Sprache gehalten, die Eltern und Schüler postwendend zur Frage an die Lehrer veranlassen: Welche Note wäre das denn jetzt? Ansonsten haben Jahrzehnte pädagogischer Forschung Zeugnisse und Noten nicht überflüssig gemacht. Es gibt dazu zwar international mehr als tausend Abhandlungen, vielerlei Modellversuche und eine unüberschaubare Zahl an Pilotprojekten. Aber die in schier undurchdringbarem Fachchinesisch geführte Diskussion um "Rasterzeugnisse", "Bausteinzeugnisse", "Berichtszeugnisse", "Briefzeugnisse", "zuwachsorientierte Leistungstests", "relative Notengebung" und dergleichen mehr - diese Diskussion konnte nicht verbergen, dass all dies oft nur Notenattrappen sind.

Ingesamt gilt: Schule kann keine Schule ohne eindeutige Leistungsbilanzen sein, sonst befände sich Schule in einem Elfenbeinturm - und das inmitten einer Leistungsgesellschaft.

Josef Kraus, geboren 1949, ist seit 23 Jahren Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Er ist ausgebildeter Sport- und Deutschlehrer für Gymnasien und arbeitet an einer Schule in der Nähe von Landshut. Kraus schrieb drei Bücher, darunter: "Spaßpädagogik, Sackgassen deutscher Schulpolitik". Er ist ein Mann markanter Sprüche. Vor kurzem etwa polterte er nach der Veröffentlichung der neuen Pisa-Studie: "Wir haben in Deutschland zu viel dümmliches, auch von Politikern und sogenannten Bildungsforschern verbreitetes Stammtischgerede über Lehrer."

CONTRA

Sabine Czerny

Richtig ist: Für den Erhalt dieses ungerechten, diskriminierenden Schulsystems braucht es die Notenvergabe. Denn nur mit Noten kann den Menschen eine unvereinbare Unterschiedlichkeit in den Fähigkeiten, Kompetenzen und Ausrichtungen der Kinder und Jugendlichen suggeriert werden.

In der Praxis, in zahlreichen Untersuchungen, aber selbst anhand der für Lehrer verbindlichen Vorgaben für die Notengabe ist nachweisbar, dass Schulnoten keine Aussage über die tatsächliche Kompetenz und die Leistung eines Schülers machen. Noten werden relativ zu der beurteilten Gruppe und dem erteilten Unterricht gegeben. Es gibt jedoch keinen objektiven Maßstab, der einer bestimmten Kompetenz eine bestimmte Note zuordnet, beziehungsweise an dem sich die Schüler messen können. Schulnoten stehen ja noch nicht einmal im Zusammenhang mit dem Erreichen der vorgegebenen Bildungsstandards. Noten haben daher keine inhaltliche Aussagekraft.

Noten dienen stattdessen, unabhängig vom absoluten Fähigkeitsstand, lediglich dazu, eine Verteilung vorzunehmen, die bestimmte Bevölkerungsgruppen, allen voran die finanziell schlecht gestellten und die Kinder mit Migrationshintergrund, klar benachteiligt. In der Folge schließen wir Kinder schon früh von höherer Bildung aus und wundern uns dann über die Bildungsunterschiede unserer Jugendlichen.

Die Vorgabe der Notenverteilung bedingt, dass es Verlierer gibt

Die Vorgabe der Verteilung bedingt unweigerlich, dass es Verlierer gibt. Diese Kinder sind oft schon im Alter von acht, neun Jahren so demoralisiert und demotiviert, dass sie sich und das Lernen aufgeben. Damit rutschen sie mit den entsprechenden Folgen in den damit verbundenen Teufelskreis: Verlust der Lernfreude, Verlust der Anstrengungsbereitschaft, Stress und Angst, Streit in den Familien, negative Überzeugungen bezüglich ihres Potentials bei allen Beteiligten, einschließlich ihnen selbst.

Der Blick auf jedes Kind und sein tatsächliches Potential ist mit der Notenvergabe, die ja nur ein Ausdruck für eine von Anfang an vergleichende Leistungsmessung ist, völlig verloren gegangen.

Wir sehen nicht nur nicht mehr, dass es ungeachtet aller Aspekte, wie Entwicklungs- und Altersunterschiede, persönlichen und häuslichen Rahmenbedingungen höchstens eine Frage von – recht wenig – Zeit ist, in der alle Kinder diese Fähigkeiten und Kompetenzen erwerben könnten und selbst derzeit auch oft erwerben, ohne dann jedoch die notwendige, da motivierende und bestärkende Erfolgsrückmeldung zu erhalten.

Wir sehen insbesondere aber nicht mehr die individuellen Fähigkeiten, Neigungen und Interessen unserer Kinder und fördern Kinder nicht individuell. Stattdessen ist unser Lern- und Leistungsbegriff auf sehr eng gesetzte, zeitlich reglementierte Bereiche ausgerichtet. So wird aus Lernen Lernpensum, aus Leistung Leistungsdruck, aus Lernfreude Prüfungsangst und aus Interesse an der Sache die Notwendigkeit des Erfüllens von Kriterien. Folge ist, dass zwar kriterial und kurzfristig aber nicht substantiell und nachhaltig Leistung erbracht und Kompetenzen erworben werden. Selbst die Kinder mit guten Noten erhalten so nicht die Bildung, die ihnen gerecht wird und sie wirklich bereichert.

Noten und die vergleichende Leistungsmessung hängen eng mit unserem derzeitigen Schulsystem zusammen, sie bedingen sich gegenseitig. Beides gehört gleichzeitig verändert. Noten beziehungsweise die vergleichende Leistungsmessung müssen abgeschafft werden, damit wir ein Schulsystem ermöglichen können, in dem es wieder um echtes Lernen und Leisten geht.

Und das Schulsystem muss verändert werden, damit wir diese unsinnige, selektierende Form der Leistungsmessung nicht mehr benötigen. Sie erstickt jegliches echtes Lernen und ist lediglich auf kurzfristige Zeitpunkte ausgerichtet.

Eine nachhaltige hohe Bildung und die individuelle Förderung jedes Kindes sind nur in „Einer Schule für alle“ möglich. Nur sie kann der Vielfalt des Leistungspotentials unserer Kinder gerecht werden, da dort ein sinnvoller und nicht dieser falsche, mit Noten begründete und aufrechterhaltene Lern- und Leistungsbegriff lebt und daher Freiraum für die individuelle und optimale Förderung jedes Kindes vorhanden ist.

Sabine Czerny, geboren 1972, arbeitet seit über zehn Jahren als Lehrerin an Grundschulen in Bayern. Dabei geriet sie mehrmals mit den Schulämtern in Konflikt: Ihre Schüler wurden besser und besser, deren Noten damit auch. Czerny weigerte sich, die Notenstufen zu verschieben; mehr Schülern als üblich empfahl sie entsprechend das Gymnasium. Die Behörden versetzten Czerny, das machte sie bekannt - eine Lehrerin, versetzt wegen zu guter Noten. Inzwischen hat Czerny ein Buch geschrieben, in dem sie unter anderem erklärt, warum es in der Schule keine Noten braucht.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 245 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zulthak 29.12.2010
1. .
Wenn ich den Kommentar von Sabine Czerny lese, komme ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. Weichgespülte linke, wischi-waschi Aussagen wie: "Die Vorgabe der Verteilung bedingt unweigerlich, dass es Verlierer gibt." Meine Güte, wie Recht Dieter Nuhr gestern Abend im ZDF hatte als er sagte:"Wettbewerb, ach nee, da könnte ja jemand verlieren" Das Kinder nicht die nötige Förderung erhalten und Begabungen nicht erkannt werden liegt keinesfalls am Notensystem, sondern an der Massenabfertigung die sich Schule nennt. Wenn nur 20 Schüler in einer Klasse sind kann man deutlich besser Früherkennung leisten als bei 30-35, ist doch ganz klar. "Eine Schule für alle". Meine Güte. Die Dummbratzen mit den schlauen zusammenpacken hilft ungemein, wo es doch schon Studien darüber gibt, das ab einem gewissen Verhältnis von lernschwachen und lernstarken Schülern das Gesamtniveau der Klasse abrutscht in Richtung der lernschwachen. Typisch deutsch mal wieder: Orientiert euch an den Dummen/Schwachen. 68er lassen grüßen.
Seifen 29.12.2010
2. jeder Mensch will wissen, wie seine Leistungen
eingeschätzt werden und wo er sich befindet. Richtig aufbereitet, motivieren sie zur Beseitigung von Lücken und motivieren zur Arbeit. Das was Noten für außenstehende nicht beschreiben, sollte ein guter Lehrer erkannt haben. Da liegt sein Betätigungsfeld. In Wirklichkeit bemängelt Frau Sabine Czerny also die Unfähigkeit vieler Lehrer.
Fackus 29.12.2010
3. ohne is nich
Natürlich brauchts Noten. Wer in der Schule nur so aus Spaß an der Freude rumspielt, rennt dann an der Uni oder spätestens im Beruf an die Wand. Ich hab da zwar selber drunter gelitten (mit dem zweitschlechtesten Abi unter mehr als hundert Abgängern in dem Jahr :-) - aber ohne Noten hätt ich grad gar nix mehr gemacht ausser allen meinen Nebeninteressen. Laßt doch mal einfach die Schule wie sie vor Jahrzehnten war und hört auf, dauernd mit irgendwelchen Änderungen rumzuspielen! Die Ergebnisse sieht man ja heute. Diplom statt diesem Schwachsinns-Master wird ja hoffentlich auch wieder auferstehen.
HansGusto 29.12.2010
4. Realitätsferne Lehrer
Leider kennen die meisten Lehrer die Arbeitswelt ausserhalb der Schulen nur vom Hörensagen. Es herrscht ein Kampf um Arbeitsplätze und dabei wird man vom Arbeitgeber bewertet. Ohne Noten macht man es ihm schwieriger aber dann findet er eben andere Möglichkeiten. Z.B ein Profiling à la Schufa Auskunft. Die Ungerechtigkeit wird deshalb nicht mit den Noten verschwinden, sondern eher verstärkt. Alle die gegen Noten argumentieren, sollten auch Alternativen für die Bewertung durch den Arbeitgeber erklären.
augustdummer 29.12.2010
5. Noten müssen sein.
nicht nur die Leistungen der Schüler sondern auch die der Lehrer lassen sich an den Noten messen. Sollte beispielsweise der Notenschnittsich gegenüber dem der Parallelklasse erheblich unterscheiden bei gleichen Bedingungen mus das doch zumindest erkennbar sein und man wird fragen dürfen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.