Problemfall Hauptschule Sammelbecken der Gewalt

Aggressive Schülercliquen, Mobbing gegen Lehrer, Zerstörungswut: Vor allem an Hauptschulen eskaliert die Gewalt, jeder fünfte Schüler prügelt dort Opfer krankenhausreif. Lehrer wie Eltern schauen oftmals ohnmächtig zu.

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Bewaffnet in die Schule: Brutale Attacken nehmen zu
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Bewaffnet in die Schule: Brutale Attacken nehmen zu

Wer wen zuerst provoziert, ist oft unklar. Bei Gewaltexzessen unter Schülern sehen viele Lehrer aus Hilflosigkeit weg oder schweigen aus falsch verstandener Sorge um den Ruf der Schule. Gerichte können schwerer eingreifen, weil die Täter unter das Jugendstrafrecht fallen. Und Schulleiter konstatieren in solchen Fällen gerne Einzelfälle, spielen die Gewaltattacken als Fehlverhalten einzelner Schüler herunter. Erst wenn es gar nicht mehr anders geht, werden Vorfälle an Schulen öffentlich gemacht, wie im Fall des verzweifelten Notrufs der Berliner Rütli-Schule.

Die Eskalation an Gewalt, Respektlosigkeit und Ohnmacht ist kein Einzelfall. Jeder fünfte Hauptschüler hat schon einmal so hart zugeschlagen, dass sein Opfer zum Arzt musste. Immer wieder sorgen gewaltsame Übergriffe an Schulen für Aufsehen. Einige Beispiele der letzten Monate:

  • Vergangene Woche stach ein 15-jähriger Hauptschüler in Lurup einem Gleichaltrigen ein Messer in den Bauch. Das Opfer schwebte kurzzeitig in Lebensgefahr und musste notoperiert werden.
  • Vor zwei Wochen wurde ein Lehrer im Werkraum einer Gewerbeschule in Hamburg-Wilhelmsburg hinterrücks niedergeschlagen. Die Täter hatten so lange auf ihr Opfer eingeprügelt, bis der 59-jährige das Bewusstsein verlor.
  • Im Dezember sprang ein 15-jähriger Hauptschüler arabischer Herkunft auf einem Schulhof in Berlin-Moabit seiner schwangeren Ex-Freundin immer wieder auf den Bauch, um das ungeborene Leben darin zu töten, das er gezeugt haben soll.
  • In Niedersachsen sollen sieben Hauptschüler zwischen 13 und 16 Jahren wiederholt Mitschüler geschlagen haben, um hinterher mit den per Handy aufgenommenen Gewaltbildern anzugeben.

  • Auf Usedom in Mecklenburg-Vorpommern entsetzte ein 16-jähriger Gymnasiast die Öffentlichkeit, indem er eine Todesliste von Lehrern und Schülern erstellte und die Munition berechnete, die er für die Hinrichtung benötigen würde.

Zwar zeigen verschiedene Studien, dass Schulhof-Gewalt bundesweit nicht zunimmt, doch die Angriffe sind demnach merklich brutaler geworden. Einzelne Bundesländer wie Brandenburg und Berlin registrieren außerdem seit Jahren eine Zunahme der polizeilich gemeldeten Fälle von Jugendgewalt. Etwa fünf Prozent der Jugendlichen an Hauptschulen sind extrem aggressiv und quälen regelmäßig Mitschüler.

Gewalt wird zum Trendsport

Dabei geht es oft um verletztes Ehrgefühl. "Die Schüler sind empfindlicher für Ehrverletzungen", sagt Kriminologie-Professor Thomas Feltes, der 4000 Bochumer Achtklässler für eine Studie zu Jugendgewalt befragte. Bei den Schlägereien gerät demnach kaum ein Schüler ausschließlich in die Opferrolle. Wer an einem Tag Prügel einsteckt, teile am nächsten aus, so Feltes: "Es gibt nur ganz wenige, die permanent Opfer von Gewalt und Schikanen sind."

Grafik: Ausländische Schüler
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Grafik: Ausländische Schüler

Auch seelische Gewalt ist an der Tagesordnung. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der Ludwig-Maximilian-Universität in München gibt es Mobbing in nahezu jeder Schulklasse. Etwa ein Kind von 25 kann der Untersuchung zufolge als ernstes Opfer von Mobbing bezeichnet werden, das ein oder mehrmals in der Woche Attacken über sich ergehen lassen muss. Das entspricht bei rund zehn Millionen Schülern in Deutschland knapp einer halben Million Mobbing-Opfer.

Die Inszenierung von Gewaltattacken gerät geradezu zum Trendsport: Gruppen von Jugendlichen schlagen immer häufiger ihre Mitschüler oder Zufallsopfer ("Happy Slapping") zusammen, um die Misshandlungen mit der Handy-Kamera zu filmen und über das Internet zu verbreiten.

Großen Einfluss auf die Gewaltbereitschaft hat die Zugehörigkeit zu Cliquen: Sogenannte "Bullies" sind Jugendliche, die andere regelmäßig attackieren und quälen. Kinder von Arbeitslosen oder Geschiedenen werden demnach leichter zu Bullies, deutlich stärker wirke sich jedoch eine strenge oder widersprüchliche Erziehung ohne emotionale Wärme aus.

Hauptschule besser abschaffen?

Die Gewalt ist Resultat einer problematischen Schulpolitik und der Klimakatastrophe in den Klassenzimmern. Die Hauptschulen gelten als Sammelstelle für Schulversager. Weil aus den Grundschulklassen die schwierigsten Kinder in die Hauptschule gesteckt werden, wird diese zur Restschule degradiert. Eine Schulform wurde selbst zum Problemfall, die Abbrecherquoten sind extrem hoch.

Durch die Auflockerung von Schulgesetzen wird vielerorts versucht, die Fusion von Haupt- und Realschulen zu erleichtern, um eine bessere Durchmischung zu erreichen. Im Saarland wurde die Hauptschule durch die Erweiterte Realschule ersetzt. In Sachsen und Thüringen gibt es nur Gymnasien und Mittelschulen, auf denen sowohl der Hauptschul- als auch der Realschulabschluss möglich ist.

Auch im Schul-Wirrwarr Hamburgs mit bislang sechs Schulformen gab es bereits Überlegungen, die Hauptschule abzuschaffen. Dort könnte eine Möglichkeit die "Quartier-Schule" sein, in der Haupt-, Real- und Gesamtschule zusammengeführt werden, sie soll bis zum Abitur führen.

Der Ausländeranteil verschärft besonders in Großstädten die Hauptschul-Problematik: An Berliner Hauptschulen sind 40 Prozent der Schüler nichtdeutscher Herkunft, in Neukölln 68, an der Rütli-Schule 83 Prozent, darunter mehr Schüler libanesischer als türkischer Herkunft. Wenn wie an der Rütli-Schule keine Lehrer aus anderen Kulturkreisen arbeiten, können sie oft schon die sprachlichen Barrieren kaum überwinden.

Eine Realschule im Problembezirk Berlin-Wedding verpflichtet deshalb kürzlich Schüler, auch auf dem Pausenhof ausschließlich Deutsch zu sprechen, schließlich sind 90 Prozent der Schüler an der Hoover-Schule keine deutschen Muttersprachler und sprechen zuhause Türkisch, Arabisch, Polnisch, Serbisch. Seit einem Jahr steht in der Schulordnung der Realschule deshalb: "Jeder Schüler ist verpflichtet, sich im Geltungsbereich der Hausordnung nur auf Deutsch zu verständigen."

Diesen Satz haben Schulleitung, Eltern und Klassen diskutiert und vor einem Jahr gemeinsam beschlossen. Die Schüler akzeptieren die Regelung und finden sie gut – schließlich müssen sich Türken und Araber auf dem Schulhof irgendwie verständigen.



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