Problemkind Christian "Ich habe viel Scheiße gebaut"

Geschwänzt, Speed probiert, unter Brücken geschlafen - Christian, 14, hat schon viel hinter sich. Immer wieder flog er von der Schule, obwohl er nicht dumm ist. Pädagogen und Psychologen zermartern sich den Kopf: Was machen wir bloß mit so einem Jungen?

Von Katrin Schmiedekampf


Bartflaum, zierliche Figur, weiche Gesichtszüge - Christian Schult* sieht auf den ersten Blick aus, als würde er sich noch nicht lange für Mädchen interessieren, als müsse er seine Eltern um Erlaubnis fragen, bevor er ausgeht.

Raus aus der Schule - und dann? "Die haben mich alle genervt", sagt Christian

Raus aus der Schule - und dann? "Die haben mich alle genervt", sagt Christian

Seine grünen Augen sagen etwas anderes. Es sind die Augen eines Erwachsenen.

Christian ist erst 14 und bereits mehrmals von der Schule geflogen. Seine Eltern leben getrennt, nach einem heftigen Streit mit seiner Mutter kam er kurz in die Psychiatrie und wohnte danach drei Monate unter Brücken. Er schnorrte, arbeitete als Tellerwäscher, probierte Speed, Koks und Pilze aus, bis er schließlich am Kölner Hauptbahnhof von der Polizei eingesammelt wurde.

Was passiert mit einem Jungen, der in der Schule viel nachholen muss, seinen Mitschülern aber hundert Erfahrungen voraus hat? Mit einem, der sich nichts sagen lässt - und der gleichzeitig an die Hand genommen werden will? Wo landen Kinder, bei denen Eltern überfordert, Lehrer ratlos und Schulleiter verzweifelt sind?

Gleichaltrige sind ihm zu kreischig, zu unreif

Eine Station: Christian kommt in ein Jugendhilfezentrum, wo er zusammen mit anderen Kindern lebt. Dort hat er ein eigenes Zimmer und ein eigenes Kühlschrankfach. Mit den Leuten in seinem Alter kann er aber nichts anfangen: Sie sind ihm zu laut, zu kreischig, zu unreif.

Um Jugendliche wie Christian kümmern sich in Hamburg die 16 "Rebus"-Beratungsstellen der Behörde für Bildung und Sport. "Zu uns kommen Schüler mit Lern- und mit Drogenproblemen, Schüler, die unter Depressionen leiden, Schüler, deren Eltern gewalttätig sind", sagt Renate Theunißen. Sie leitet eine solche Beratungsstelle im Hamburger Stadtteil Barmbek. Dort sitzen Psychologen, Sozialpädagogen und Lehrer in einem denkmalgeschützten Ziegelsteinbau und bearbeiten über 500 Fälle im Jahr.

Was tun Renate Theunißen und ihre zwölf Mitarbeiter, um Kinder wie Christian für das normale Schulleben wieder fit zu machen? "Bei einem Kind versuchen wir, uns mit den Konfliktparteien an einen Tisch zu setzen. Ein anderes wird allein unterrichtet. Wieder ein anderes werfen wir morgens aus dem Bett, damit es auch wirklich zur Schule geht", sagt der Sonderschullehrer Bernd Schmidt. Manche Kinder betreuen sie ein paar Tage - andere anderthalb Jahre lang.

"Hauptschule ist leicht, da will ich hin"

Christian Schult bekommt Einzelunterricht bei Theunißen und ihren Mitarbeitern. Ein bis zwei Stunden am Tag lernt er nach einem komplett auf ihn zugeschnittenen Lehrplan. In einigen Fächern ist er ziemlich gut, in anderen grottenschlecht. "Wir holen die Kinder da ab, wo sie stehen", sagt Renate Theunißen.

Das klingt nach wetterfestem Pädagogenjargon, aber die "Rebus"-Mitarbeiter meinen es wirklich so. Im Einzelunterricht seien fast alle Kinder voll dabei. Auch die, die sonst immer gestört haben. "Sie bekommen unsere komplette Aufmerksamkeit und werden nach ihrer individuellen Leistung bewertet", so Theunißen. Einigen Kindern würden die ganz privaten Schulstunden sogar Spaß machen.

Für Christian ist Schule ein ganz schwieriges Kapitel. "Als ich etwa acht Jahre alt war, habe ich das Kindermädchen nach den verschiedenen Schultypen gefragt", erzählt er, "danach dachte ich: Auf Haupt ist's am Leichtesten. Da will ich hin." Doch er bekam eine Empfehlung fürs Gymnasium. Er konnte viele Dinge sofort, die sich andere Kinder erst mühsam einhämmern mussten.

Etwa ein Jahr lang war er Gymnasiast, Lust auf Schule bekam er nicht. Irgendwann half auch alle Begabung nicht mehr. Seine Noten wurden immer schlechter. Christian sagt: "Das war mir viel zu viel Arbeit. Ob ich das geschafft hätte, wenn ich mich angestrengt hätte, weiß ich nicht."

Er fliegt wieder von der Schule und haut ab

Christian flog vom Gymnasium ? und landete auf einer Hamburger Gesamtschule. "Die Gegend war nicht gut, der Einfluss auch nicht." Er habe zum ersten Mal geraucht, getrunken, gekifft. "Meine Noten waren zwar immer noch o.k., aber ich habe viel Scheiße gebaut", so Christian. Er ging bekifft in die Schule - oder gleich gar nicht. Er ballerte einen selbstgebastelten Vogelschreck-Patronen-Böller ins Lehrerzimmer ? und flog nach sehr kurzer Zeit zum zweiten Mal raus.

Christian kam auf eine andere Gesamtschule und hielt es dort drei Monate aus. Immer wieder stieg er zu Hause nachts heimlich aus dem Fenster, traf sich mit Leuten von der alten Gesamtschule, "und los ging's auf'n Kiez". Seine Mutter merkte lange nichts. Irgendwann ging Christian dann überhaupt nicht mehr zur Schule.

Aber mit 13 oder 14 ist man schulpflichtig. Jeder. Irgendwann sieht Christian ein, dass Schule ein Muss ist, dass es daran nichts zu rütteln gibt.

Er will sich zusammenreißen. Von heute auf morgen umstellen kann er sein Verhalten nicht. Er hört nicht auf, täglich zu kiffen. Es kostet ihn Überwindung, aufzustehen, zum Unterricht bei der Beratungsstelle wirklich aufzutauchen und mitzuarbeiten. Lust auf Schule hat er weiterhin nicht. Einmal behauptet er mitten in der Stunde, er müsse zur Toilette. Er läuft los, kommt aber nicht zurück, sondern geht einfach nach Hause.

"Christian scheint auf einem anderen Stern zu leben"

"Ich hatte einfach keinen Bock mehr, an diesem Tag. Die haben mich alle genervt. Ich lasse mir nur ungern was sagen", sagt Christian. Doch er wolle sich bemühen, regelmäßig zur Schule zu gehen und bis zum Ende des Unterrichts zu bleiben. "Diese Nächte auf der Straße haben mir gezeigt, dass ich so nicht leben will. Ich muss die Schule irgendwie zu Ende bringen."

Christian ist zuversichtlich, dass er bald in die neunte Klasse kommt - aufs Gymnasium. Renate Theunißen bezweifelt das. "Er scheint auf einem anderen Stern zu leben, wenn er so etwas glaubt", sagt sie. Er habe viel zu viel verpasst.

Auch die drei Wochen Einzelunterricht bei "Rebus" hält Christian nur mit Mühe durch. Danach sagt er zwar, er wolle wieder regulär zur Schule gehen. Aber schon der Versuch, ihn in einer kleinen Vierergruppe zu unterrichten, schlägt fehl. Christian hält nur zwei Tage durch. Die Psychologen und Berater wissen nicht mehr weiter.

Heute lebt Christian in einer Suchthilfe-Einrichtung außerhalb von Hamburg und geht dort zur Schule. Die nächste Station für diesen Jungen, der sich schon mehr angetan hat, als man mit 14 verkraften kann.

(*Name von der Redaktion geändert)



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