Proteste in Taiwan Schüler belagern das Bildungsministerium

In Taiwan haben Schüler das Bildungsministerium gestürmt. Sie wollen die Einführung prochinesischer Schulbücher verhindern. Ein Suizid hatte die Proteste eskalieren lassen.

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REUTERS

Das Stroboskop flackert, seine Lichtblitze zucken durch die Dunkelheit. Die Umrisse von Polizisten sind zu erkennen, sie haben Schüler umzingelt, Buben fast noch, mit Brille und Bürstenschnitt, kaum älter als 18 Jahre. Hysterische Schreie von allen Seiten. Dann kippt die Kamera, eine Rangelei entsteht.

Ein taiwanischer Journalist hat diese Szene vor etwas mehr als einer Woche festgehalten. Sie zeigt, wie 33 Schüler und Studenten, unter ihnen elf Minderjährige, nachts in das Bildungsministerium in der Hauptstadt Taipeh eindringen. Und sie zeigt, wie die Polizei versucht, den Journalisten, der das dokumentiert, am Filmen zu hindern.

"Wünscht mir alles Gute!"

Taiwans Schüler sind wütend. Sie protestieren gegen neue Lehrpläne. Sie wollen die Einführung neuer Schulbücher verhindern, die - so sehen sie es - China und die taiwanische Regierungspartei Kuomintang (KMT) verherrlichen. Das Bildungsministerium nennt die Reform "geringfügige Korrekturen". Feintuning sozusagen. Die Schüler nennen sie "Gehirnwäsche". Immer wieder ist es in den vergangenen Wochen zu Protesten gekommen, mal größeren, mal kleineren, bis die Demonstranten dann vor rund einer Woche in das Bildungsministerium einbrachen. Seit vergangenem Freitag aber belagern die Schüler das Ministerium. Ein Unglück hat Taiwan erschüttert, und die Stimmung aufgeheizt: der Suizid eines Schülers.

Lin Kuan-hua war einer der Sprecher der Northern Taiwan Anti-Curriculum Changes Alliance. Er gehörte zu der Gruppe, die vor etwas mehr als einer Woche in das Bildungsministerium eingestiegen war. Er wurde festgenommen, seit seiner Freilassung drohte ihm eine Anzeige des Ministeriums. Wenige Tage nach dem Einbruch erzählte er in einer taiwanischen Talkshow, dass Lehrer seiner Berufsschule ihn gedrängt hätten, aus Rücksicht auf seine berufliche Zukunft von den Protesten Abstand zu nehmen. Drei Tage später fand ihn seine Mutter tot in seinem Zimmer. Nach Polizeiangaben soll er Holzkohle verbrannt haben und an Kohlenmonoxidvergiftung gestorben sein. Sein Todestag war Lins 20. Geburtstag. Auf Facebook schrieb er kurz vor seinem Tod: "Wünscht mir alles Gute! Ich habe nur einen Wunsch: Dass unser Bildungsminister die Lehrplan-Reform zurückzieht."

In der Nacht nach Lins Tod stürmten etwa 700 Schüler das Bildungsministerium. Seitdem belagern sie das Ministerium, sie haben Hocker aufgestellt und Zelte errichtet, etwa 200 verbrachten die Nacht vor dem Gebäude. Auf einem Banner, das vor dem Eingang des Ministeriums hängt, steht die an den Minister gerichtete Botschaft: "Hör auf mit dem falschen Mitleid, entschuldige dich und tritt zurück."

"Die Bücher sind doch schon gedruckt"

Chu Chen ist ein anderer Anführer der Anti-Curriculum Changes Alliance. Als die Schüler am Freitag das Bildungsministerium besetzten, führte Chu den Protest mit einem Mikrofon in der Hand an. Er ist gerade 18 Jahre alt geworden, trägt eine Hornbrille und einen Pferdeschwanz. Auf den schwarzen T-Shirts, die Chu in der Öffentlichkeit trägt, stehen Slogans wie: "Fuck The Government" oder "An injury to one is an injury to all". Chu ist Schüler an der Jianguo High School, der renommiertesten Jungenschule Taiwans. Wer hier einen Abschluss macht, muss sich keine Sorgen um seine Zukunft machen.

Es sei schwer zu sagen, was genau Lin Kuan-hua in den Suizid getrieben habe, sagt Chu SPIEGEL ONLINE am Telefon. Lin habe seit Längerem an Depressionen gelitten. Die Unnachgiebigkeit des taiwanischen Bildungsministeriums hätte ihn zusätzlich frustriert. Chu und die Anti-Curriculum Changes Alliance haben sich hohe Ziele gesetzt: "Wir machen mit der Belagerung weiter, bis die Reform zurückgenommen wird."

Doch das Ministerium will nicht nachgeben. Bildungsminister Wu Se-hwa stellte sich am Freitag den Demonstranten, verteidigte aber die Lehrplan-Reform. "Die Bücher sind doch alle schon gedruckt", soll er einem Medienbericht zufolge während eines Treffens mit Parlamentariern gesagt haben (Artikel auf Chinesisch). Taiwan ist eine selbstverwaltete Demokratie, die von China als abtrünnige Provinz betrachtet wird. China behält sich vor, die Vereinigung mit Taiwan militärisch durchzusetzen. Die Lehrplan-Reform wurde von einem zehnköpfigen Komitee erarbeitet, dessen Vorsitzender auch Vizevorsitzender der Polit-Gruppierung "Alliance for the Reunification of China" ist. Der Name ist Programm, die Allianz wirbt für die Wiedervereinigung Taiwans mit China.

Bereits im vergangenen Jahr haben Studentenproteste die taiwanische Politik lahmgelegt. Studenten besetzten rund drei Wochen lang das Parlament. Die regierende KMT hatte versucht, ein Handelsabkommen mit China durch das Parlament zu peitschen. Bei Kommunalwahlen Ende des Jahres musste die KMT daraufhin eine krachende Niederlage einstecken.

Im Januar 2016 wird Taiwan einen neuen Präsidenten wählen. "Wir Schüler wollen endlich einen Präsidenten, der uns zuhört", sagt Chu.

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Circular 02.08.2015
1. Und welche Farbe hat diese Revolution?
Jetzt warte ich darauf, dass demnächst auch in Deutschland gefordert wird, auf Karten wie Deutschland in den Grenzen von 1937 einzuzeichnen.
LDaniel 02.08.2015
2. mhh
Das Wichtigste ist die Frage, ob es im Januar noch freie und faire Wahlen geben wird
Klaus's Meinung 03.08.2015
3. Ddp
Die DDP liegt nach Umfragen weit vorne. kMT verliert diesesmal. Der aktuelle Präsident hat das Land fast schon an China verkauft. Fast.
wortmacht 03.08.2015
4.
Politisch denkende und handelnde Jugendliche. Was für ein Glück für dieses Land! Man muss den Einbruch nicht gutheissen, aber wenn der Vorsitzende einer Gruppe mit so einem politischen Ziel Geschichtsklitterung betreibt, betreiben darf, dies kann man nur annehmen da der Text darauf nicht eingeht, ist auch so ein Mittel akzeptabel. Ich frage mich gerade wann wir das selber denken in Verbindung mit Demokratie hier begraben haben? Ich glaube spätestestens mit der präsidial nichtstuenden Raute.
dg753 03.08.2015
5. @ Circular: Artikel falsch verstanden
Sie haben den Artikel offenbar falsch verstanden oder ich Ihren Post. Die Regierung will genau das tun, was sie befürchten und die Schüler und Studenten wehren sich dagegen. In den neuen Schulbüchern soll z.B. stehen, dass der höchste Berg der "Republik China" (also Taiwans), der Mount Everest ist und die offizielle Hauptstadt Nanjing. Mal abgesehen davon, dass die Gewaltherrschaft der Kuomingtang während der Kriegsrechtsjahre (bis 1987) in Taiwan verharmlost wird... Das hat nichts mit der Realität und den Erfahrungen der Menschen hier in Taiwan zu tun. Ich hoffe jedenfalls, dass diese Schulbücher nächstes Jahr aus dem Verkehr gezogen werden. Übrigens gibt es auch Artikel auf Englisch http://www.taipeitimes.com, falls sich jemand noch weiter informieren möchte. Im Gegensatz zu China (und Russland) ist die Presse hier noch relativ frei und nicht so stark regierungsgesteuert.
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