Prozess 16-Jährige gewinnt Klage gegen Rechtschreibreform

Eine Oldenburger Schülerin setzt sich mit ihrer Beschwerde gegen die neue Rechtschreibung durch: Die Richter bescheinigten Josephine Ahrens, 16, dass ihre alten Schreibweisen nicht als falsch gewertet werden dürfen.


Reform-Debakel: Teeei, Tee-Ei oder Teei?
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Reform-Debakel: Teeei, Tee-Ei oder Teei?

Das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht (OVG) in Lüneburg hat nach Informationen des SPIEGEL einer Schülerin in der Sache Recht gegeben, die gegen die Rechtschreibreform geklagt hat. In ihrem jetzt vorliegenden Beschluss eines Eilverfahrens bescheinigen die Richter der 16-jährigen Josephine Ahrens aus Oldenburg, dass in ihren Schularbeiten die "herkömmliche Rechtschreibung" weder beanstandet noch als falsch gewertet werden dürfe. Außerdem habe sie Anspruch darauf, in der "von ihr bevorzugten" alten Orthografie unterrichtet zu werden.

Das OVG begründet seinen Beschluss damit, dass die allgemein akzeptierte Rechtschreibung auch die richtige sei. Es sei aber "höchst zweifelhaft", ob das auf die neugeregelte Orthografie zutreffe. "Erhebliche Teile im deutschen Volke" lehnten die Reform der Kultusminister ab, und in Presse und Literatur würden "zunehmend" wieder die alten Regeln gelten.

Hart kritisieren die Richter auch das Rechtschreiburteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1998: Einerseits gehe Karlsruhe davon aus, eine Schreibweise müsse im Land allgemein üblich sein, um verbindlich sein zu können. Andererseits bestätige das Urteil selbst, dass die neue Schreibweise den Unterricht einer erst noch zu erwartenden Änderung anpasse. Das sei "denkgesetzlich unmöglich".

Dennoch habe das Verfassungsgericht den Kultusministern erlaubt, die Reform an Schulen und Behörden einzuführen. Eine einstweilige Anordnung an den niedersächsischen Kultusminister, die alte Rechtschreibung gelten zu lassen, wollten die Lüneburger Richter allerdings nicht erteilen. Die Schülerin müsse auf ein Urteil warten, mit dem aber vor "Ende der Schulzeit der Antragstellerin" nicht zu rechnen sei.

Josephine Ahrens hatte 1998 erstmals gegen die Einführung der neuen Rechtschreibung geklagt und durchgesetzt, nach den alten Regeln unterrichtet zu werden. Diese Entscheidung hob das Oberverwaltungsgericht Lüneburg im Juni 2001 wieder auf.



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Matthias Künzer, 11.04.2005
1. Staatlich verordnete Legasthenie
Nur zur Erinnerung. Stefan Aust wollte die "staatlich verordnete Legasthenie" mit Pauken und Trompeten abschaffen. http://www.faz.net/s/RubF7538E273FAA4006925CC36BB8AFE338/Doc~E9C9DA711EA9D46708D4E058FB5E624BE~ATpl~Ecommon~Scontent.html FAZ, Welt, Bild haben vorgemacht, daß das geht. Der Spiegel eiert herum. Gelegentlich finden sich Passagen in normaler Schreibung, wie http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,350434,00.html, gelegentlich findet sich "gefühlte Rechtschreibung" wie in http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,350646,00.html ("Mit Sorge mußten auch Parteifreunden in den letzten Wochen feststellen, dass Fischer sich unter dem öffentlichen Beschuß mehr und mehr in sich zurück zog."). Steht zu hoffen, daß sich Zehetmaier möglichst weitgehend durchsetzt. http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID4234322_REF1,00.html Die armen Schweine, die sich an den Reformtorso halten müssen, der - zwecks Gesichtswahrung der verantwortlichen Experten - wohl stehenbleiben wird, sind gleichwohl nicht zu beneiden. Offen bleibt: Warum das alles?
DJ Doena 11.04.2005
2.
Na inzwischen darf man ja " er war wohl[ ]informiert" wieder zusammen schreiben, wenn man meint, dass er gut informiert war.
Karsten Bolz, 11.04.2005
3. Die Abrißbirne ist am Werk
Jetzt ist die Katze also endlich aus dem Sack: Der Rat für deutsche Rechtschreibung reformiert die Rechtschreibreform. Kein Wort mehr der Reformer von "Präzisierungen" oder "noch eindeutigerer Umsetzung des Regelwerks", sondern offen zugegebene Änderungen, die das gesamte Reformwerk in seine Bestandteile zerlegen. Die Abrißbirne wird mit voller Kraft geschwungen, kein Stein des Werkes bleibt auf dem anderen. Die gesamte Getrennt- und Zusammenschreibung steht als erstes zur Disposition, gefolgt von der Kommasetzung sowie der Trennung am Zeilenende. Grammatische Schnitzer wie "es tut mir Leid" oder "die Firma geht Pleite" sind damit demnächst wieder passé, ebenso "hier zu Lande" statt "hierzulande" oder "eine Hand voll" statt "eine Handvoll" sowie viele weitere Torheiten der Reform. Offen wird nun vom Rat eingestanden, daß eine Revision aller Wörter- und Schulbücher erforderlich wird, die eine Einhaltung des Endes der Übergangsfrist zum 1. August 2005 unmöglich macht. Diese Notwendigkeit war von den Reformern in der Vergangenheit immer als ein Kernargument gegen ein Ende der Reform ins Feld geführt worden, wenngleich mit der Zeit zahllose Änderungen, in Wahrheit Rückbauten zur bewährten Rechtschreibung, unterderhand Eingang in die Wörterbücher gefunden haben. Alle reformierten Wörterbücher, egal um welche Ausgabe es sich handelt, sind nun mit einem Schlage Makulatur und müssen demnächst überarbeitet werden. Mit dieser Einsicht des Rates ist für die Zukunft wieder alles offen. Es ist nicht einzusehen, warum die Torheiten der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Trennungen am Zeilenende und der Interpunktion beseitigt werden sollen, andere aber, von der Groß- und Kleinschreibung über die Augstschen Etymologien bis zur offensichtlich fehlerträchtigen s-Schreibung beibehalten werden sollen. Vielleicht dämmert es dem Rat und dann auch der Kultusministerkonferenz endlich, daß die Rückkehr zu der normalen deutschen Orthographie nicht mit der Wiederherstellung des alten Dudenprivilegs verbunden sein muß. Die Weichen sind in die richtige Richtung gestellt, der Weg muß jetzt nur noch zielstrebig zu Ende gegangen werden.
Eva-Maria, 11.04.2005
4.
Habe ich das aus dem Zwiebelfisch, oder treibt mich die Frage einfach nur so um: Warum ist 'aufwendig' jetzt 'aufwändig' weil von 'Aufwand' kommend, und 'sprechen' immer noch 'sprechen' obwohl von 'Sprache' kommend? Hat das was mit Logik zu tun, oder nur mit Durchsetzbarkeit? Denn Durchsätzbarkeit hätte ja eine völlig andere Bedeutung. Ich finde, die Rechtschreibreform ist so ein richtig gutes Thema, wenn einem bei einem fürchterlich langweiligen Stehempfang sämtliche Wettervariationen ausgegangen sind. Dann beginnt die Stunde der Sprachfilosofen. Dieses letzte Wort schauf geschrieben einfach sch***e aus.
Matthias Künzer, 12.04.2005
5.
> Warum ist 'aufwendig' jetzt 'aufwändig' weil von 'Aufwand' > kommend, und 'sprechen' immer noch 'sprechen' obwohl von 'Sprache' > kommend? Und warum nicht "einwänden" (-> Einwand)? Dazu kommt, daß die Reformmmullahs behaupten, es mache in der Aussprache keinen Unterschied. Die neue Schreibweise des Wortes "warum" ist übrigens "sowieso". > Hat das was mit Logik zu tun, oder nur mit Durchsetzbarkeit? Es hat etwas mit unausgegorenen Ideen zu tun. Der Kardinalfehler der verantwortlichen Professorchen aber ist, Sprache aktiv formen zu wollen, anstatt bescheiden zu bleiben und nur bestehenden Sprachentwicklungen eine Form zu geben.
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