Experiment in Berlin Wedding Die 30-Euro-Privatschule

Im bildungsfernen Berliner Wedding hat eine Privatschule eröffnet - für Kinder aus benachteiligten Familien. Schulgeld kann kaum jemand zahlen, die Macher setzen auf Sponsoren und den Staat. Kann das gelingen?

Patrick Desbrosses

Von Daniel Kastner


Sie schwenken giftgrüne Schultüten und nuckeln an Lollis: 24 Schüler rennen oder schlurfen am Nachmittag aus einem stillgelegten Postamt in Berlin-Wedding. Hinter ihnen liegt der erste Schultag an der neuen, privaten "Quinoa"-Sekundarschule - und dieser Tag ist, wenn es nach Schulgründerin Fiona Brunk geht, "nichts weniger als ein Bildungsaufbruch".

Denn der Stadtteil gilt als arm und bildungsfern. 60 Prozent der Drittklässler und immer noch ein Drittel der Achtklässler im Wedding können kaum lesen, sagt der Berliner Bildungsbericht 2013. Von den 24 Quinoa-Schülern kommen 20 aus Familien, die Hartz IV oder andere Sozialleistungen beziehen, 18 von ihnen sprechen zu Hause eine andere Sprache als Deutsch.

Das bildet zwar "den Wedding möglichst genau ab", wie es die Schule für sich in Anspruch nimmt - es ist aber nicht unbedingt das Umfeld für eine Privatschule, wo normalerweise Kinder betuchter Eltern für viel Geld eine ausgezeichnete Bildung erhalten.

Für 30 Euro auf die Privatschule

Deshalb finanziert sich die Schule fast nur durch staatliche Förderung und Spenden. Etwa eine halbe Million Euro braucht sie im ersten Jahr. Unternehmen, Privatleute und Stiftungen übernahmen Patenschaften für die Schüler und bezahlen die drei Lehrer und eine Sozialarbeiterin. Die meisten Eltern geben nur 30 Euro im Monat zum Schulessen dazu. Gebühren wie an "richtigen" Privatschulen bezahlen nur die, die es können - und die orientieren sich an den Berliner Kita-Gebühren, liegen also je nach Einkommen zwischen knapp 50 und etwas über 100 Euro im Monat.

Hinter der Schule steckt das Sozialunternehmen Quinoa. Es ist nach dem Getreide aus den Anden benannt, das hierzulande fast nur Reformhauskunden kennen und das als unterschätzt gilt - genau wie die Schüler, die Quinoa fördern will. Die Gründer, Fiona Brunk und Stefan Döring, haben an einer Hauptschule im Wedding als Aushilfslehrer unterrichtet. Danach stand für beide fest: Wir gründen eine Schule.

Aus der Hauptschule kennen sie auch Anke Woitkowitz. Sie machte dort ihr Referendariat - heute ist sie die erste Klassenlehrerin der Quinoa-Schule. An diesem Morgen hat sie ihre Schützlinge zum ersten Mal gesehen, sie sind zwischen zwölf und 16 Jahre alt. "Es war schön, wie diese noch etwas schüchternen Kinder langsam aufgetaut sind", erzählt die 35-Jährige. Im Lehrerzimmer steigt sie über Kartons und Luftballons von der Einschulungsfeier.

Anke Woitkowitz wird die Schüler unter anderem in Deutsch und Geschichte unterrichten. Nach der Einschulungsfeier vereinbarte sie erst einmal Regeln mit den Siebtklässlern: "Man darf seine Mitmenschen nicht bloßstellen, beleidigen oder verletzen!!!" steht in Kinderschrift auf einem orangefarbenen Zettel. Andere haben Verbotsschilder gemalt: keine Zigaretten, keine Drogen, keine Waffen.

"Anfangs ein Alptraum"

Feste Regeln und klare Ansagen gehören zum Schulkonzept, außerdem Wertschätzung und Selbstvertrauen. Ihr Referendariat an der Hauptschule war "anfangs ein Alptraum", sagt Anke Woitkowitz. "Ich kam von der Uni und konnte nichts von dem umsetzen, was ich gelernt hatte." Als sie die Schüler fragte, warum sie ihr nicht zuhörten oder mitten im Unterricht aus der Klasse liefen, erhielt sie die knappe Antwort: "Sie sind zu nett." Das hat sie sich gemerkt.

So wie die Klassenlehrerin lernen auch die Schulgründer noch täglich dazu. Es war ein langer Weg bis zur Eröffnung: Brunk und Döring verhandelten mit dem Bezirk Mitte über ein Schulgebäude und gewannen die Montessori-Stiftung als Schulträger. Weil die staatlich anerkannt ist, finanziert das Land Berlin die Schule von Anfang an zu etwa einem Viertel. Brunk und Döring schickten Fundraiser los - und Florentina Limaj. Die 21-Jährige ist ein halbes Jahr lang durch die Grundschulen des Stadtteils getingelt und hat für die Quinoa-Schule geworben. Sie drückte den Schülern Broschüren in Deutsch und Türkisch in die Hand - und vorfrankierte Postkarten, mit denen die Eltern ihre Kinder anmelden konnten.

Nette Lehrer, keine Gebühren, keine Hausaufgaben - damit lockte Florentina Limaj die Kinder. "Und ich bin ja selber erst seit vier Jahren aus der Schule raus, das macht mich glaubwürdig", sagt sie. Und wohl auch der Umstand, dass sie selbst als Kind mit ihren Eltern aus dem Kosovo nach Deutschland kam und hier den mittleren Schulabschluss schaffte - an jener Hauptschule im Wedding. Danach hat sie sich zur OP-Assistentin ausbilden lassen, jetzt will sie Abitur machen.

Erfolgreich gearbeitet haben Florentina Limaj und die Fundraiser jedenfalls - das erste Schuljahr ist finanziell erst einmal gesichert. Danach allerdings muss die Schule neue Räume finden, denn im alten Postamt darf sie nur ein Jahr bleiben. Quinoa verhandelt gerade mit dem Bezirksamt über ein verlassenes städtisches Schulgebäude, doch die Schulpioniere haben Mitbewerber, die ebenfalls ein Auge auf die Immobilie geworfen haben.

Einer der Konkurrenten will gern eine Privatschule gründen - mittendrin im bildungsfernen Wedding.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
brux 27.08.2014
1. --------
Schaden kann diese Initiative nicht, aber nutzen wird sie auch nicht viel. Wenn die Eltern nicht den Willen haben, ihren Kindern mehr Bildung zu geben als die selbst haben, haben nur wenige Kinder eine Aufstiegschance. Ich sage das als Nachkomme von Menschen aus dem Berliner Proletariat und von ländlichen Tagelöhnern. Die hatten aber wenigstens den Willen, ihren Kindern irgendwie ein besseres Leben zu ermöglichen. Den Willen sehe ich bei einem guten Teil der Weddinger Bevölkerung nicht.
karo_nutzerin 27.08.2014
2.
In Berlin sind die Kitakosten nicht nur 50-100 Euro! Es gibt durchaus auch Familien, die die tatsächlichen Kosten eines Ganztagsplatzes - ca 500 EURO im Monat zahlen.
gekreuzigt 27.08.2014
3. Letztlich läuft es darauf hinaus,
auch medial so Druck auszuüben, dass die Finanzierung über Steuergelder erfolgt. Dieser Artikel ist schon ein schönes Beispiel.
haralambos 27.08.2014
4. Diskriminierend...
finde ich schon den ersten Satz: "Im bildungsfernen Wedding...". Wann war der Journalist zuletzt im Wedding? Der Wedding ist nicht nur von Idioten bevölkert. Ist "bildungsnah" nur für vornehme Stadtteile wie Zehlendorf reserviert? Es gibt hier viele Kleinunternehmer die Ausbilden, die Grundschulen zeigen inzwischen teils bessere Ergebnisse als in "bildungsnahen" Stadtteilen. Der Wedding hat inzwischen gut aufgeholt. Das sieht man daran, das z.B. unser Bischof oder Mitglieder des Bundestages im Wedding wohnen, oder viel Kleingewerbe und Künstler immer häufiger sich hier ansiedeln. Daher passt zum aufkommenden Stadtteil auch die Schule hier gut rein. Zu tun ist noch einiges, aber auch in anderen Stadtteilen.
taschengeldparagraph 27.08.2014
5. Konzept?
Mir ist das Konzept der Schule überhaupt nicht klar geworden beim Lesen des Artikels. Wofür steht die Schule denn? Feste Regeln und klare Ansagen, außerdem Wertschätzung und Selbstvertrauen. Aha, für jemanden, der seit 3 Jahren an einer Sekundarschule im Wedding unterrichtet, ist das überhaupt nichts neues. Das sollte das Grundkonzept jeder pädagogischen Einrichtung sein. Inwiefern ist diese Privatschule nun besonders und hat dadurch eine Geltungsberechtigung? Die öffentlichen Fördermittel wären entweder in einer klassischen Einrichtung oder aber in einer Schule, die neue Wege zu gehen versucht, besser angelegt gewesen. Die massiven Inklusions- und Integrationsprobleme, die es im Wedding selbstverständlich gibt, werden durch unausgegorene Projekte jedenfalls nicht bekämpft. Mir ist auch nicht klar, wie erst völlig korrekt dargelegt wurde, dass zu nette Lehrer absolut nicht geeignet sind, im Wedding zu unterrichten, gleichzeitig die Schule aber mit netten Lehrern, die dazu noch keine Hausaufgaben aufgeben, wirbt. "18 von ihnen sprechen zu Hause eine andere Sprache als Deutsch" -> dieser Satz spiegelt das eigentliche Problem, dazu die kurz vorher angedeutete soziale Homogenität. Ich liebe multikulturellen Austausch, aber der findet im Wedding doch nur zwischen türkischen und arabischen Kulturkreisen statt. Die deutsche Kultur wird allenfalls noch durch ohnehin verhasste Lehrkräfte verkörpert und wird damit spätestens in der rebellischen Phase der Pubertät abgelehnt. Daraus resultiert regelmäßig ein "Wir-gegen-euch" zwischen Lehrkräften und Schülerschaft und das ist Gift für Pädagogik.
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