Rassenideologe als Patron Ein Problem namens Petersen

Er galt als fortschrittlicher Reformpädagoge, in ganz Deutschland sind Schulen nach ihm benannt. Jetzt enthüllte ein Forscher: Peter Petersen war strammer Rassenideologe und Antisemit. Doch manche Schulleiter hängen am Namenspaten und wehren sich gegen eine Umbenennung.

Pädagoge Petersen (1934): "Es gibt rassische Hochwertigkeit. Sie verpflichtet!"
Peter Petersen Archiv

Pädagoge Petersen (1934): "Es gibt rassische Hochwertigkeit. Sie verpflichtet!"

Von Markus Wanzeck


"Der kleine Jena-Plan" von 1927 ist ein Text, der Peter Petersen international bekannt und zu einem Klassiker der deutschen Erziehungswissenschaft machte. Gruppenarbeit statt Frontalunterricht, altersgemischte "Stammgruppen" statt Klassen, selbständiges Denken und Mitverantwortung, das waren die Grundgedanken - fortschrittliche Reformpädagogik.

"Es gibt rassische Hochwertigkeit. Sie verpflichtet!" ist der Titel einer Veröffentlichung von 1941, für die Petersen bisher nicht bekannt war. Kaum einer wusste von ihr, und wenn doch, so schwieg er.

Seit einigen Wochen herrscht jetzt Sprachlosigkeit in einem ganz anderen Sinne. Der Frankfurter Antisemitismus-Forscher Benjamin Ortmeyer veröffentlichte das Buch "Mythos und Pathos statt Logos und Ethos". Darin: wiederentdeckte Aufsätze von Petersen, die eine frappierende Nähe zur Nazi-Ideologie aufweisen. Sie zeigen den Reformpädagogen als, so Ortmeyer, "üblen" Rassisten und Antisemiten.

Die Enthüllung löste bundesweit Unruhe aus. Von Köln bis Berlin, von Hamburg bis Mannheim sind Schulen nach Petersen benannt. In Jena, wo Petersen rund 30 Jahre lang an der Universität lehrte, gibt es ihm zu Ehren einen Petersenplatz.

Der Pädagoge ist nicht der einzige dubiose Ahne, der einer deutschen Schule seinen Namen leiht. Allein unter den Namenspaten der rund 2000 Schulen in Sachsen finden sich acht ehemalige NSDAP-Parteiangehörige, drei SA-Mitglieder und ein SS-Mann, wie der Chemnitzer Historiker Geralf Gemser ermittelte. Unter den Schul-Namenspaten im Osten wie im Westen sind erstaunlich viele fragwürdige Altlasten, etwa Klaus Riedel, Raketenbauer der Nazis oder dessen Chef Wernher von Braun. Ähnliche Probleme gibt es an deutschen Universitäten - einige sind nach Judenhassern wie Ernst Moritz Arndt, Herzog Ludwig dem Reichen oder Wilhelm II. benannt.

Petersens geistige Nazi-Nähe galt lediglich als kosmetische Kleinigkeit

Petersen, der von 1884 bis 1952 lebte, wurde es bislang meist als biografischer Schönheitsfehler ausgelegt, dass er sich nach 1933 recht reibungslos mit dem NS-Regime arrangiert hatte. Er integrierte das nationalsozialistische Rassenkonzept in seine zuvor so liberale Erziehungslehre. Er fand anerkennende Worte für die Hitlerjugend, die der "Leistungssteigerung des Volkes" dienlich sei. Seine Universitätsprofessur in Jena durfte er während der Nazi-Zeit behalten (und auch nach dem Krieg noch bis 1950).

Sicher, hörte man Petersens Verteidiger in der Vergangenheit sagen, es gebe da eine etwas unappetitliche Anbiederung. Aber von ihren humanistischen Grundzügen her sei die Reformpädagogik schlicht nicht mit der NS-Ideologie kompatibel. Man müsse Petersens Verhalten als politischen Pragmatismus sehen, mit dessen Hilfe er seinen pädagogischen Idealismus und sein Jenaer Reformschulprojekt möglichst unbeschadet durch schwieriges Gewässer schiffen konnte. In einer unmenschlichen Diktatur bleibe niemand frei von Sünde - wer wolle da den ersten Stein werfen?

Mit Ortmeyers Buchveröffentlichung kommt ein Stein angeflogen, und er wiegt schwer. In dem neu entdeckten Artikel über "rassische Hochwertigkeit" schreibt Petersen mit Überzeugung von "Herrenvölkern" und geißelt das liberale "Wahnideal von der 'Gleichheit der Völker'". Es sei "die Pflicht hochwertiger Völker und Rassen, ihr Erbgut rein zu halten!"

Ein anderer bisher unbekannter Text von Petersen ist eine Buchrezension, 1933 für die Zeitschrift "Blut und Boden" geschrieben. Darin heißt es: "Weil es dem Juden unmöglich wird, unsre Art innerlich mitzuleben, so wirkt er in allem, das er angreift, für uns zersetzend, verflachend, ja vergiftend und tritt alles in den Dienst seines Machtstrebens."

Das Volk sei "rassisch verunreinigt", schrieb Petersen - noch 1949

Für Ortmeyer ist klar, dass es sich hierbei nicht um einen Ausrutscher handelt. "Noch in seinem pädagogischen Vermächtnis bedauert Petersen, dass Hitler sein antisemitisches Programm der Vernichtung nicht durchgezogen hat", sagte der Forscher SPIEGEL ONLINE. Ortmeyer bezieht sich dabei auf das Buch "Der Mensch in seiner Erziehungswirklichkeit", in dem Petersen klagte, das deutsche Volk sei "rassisch verunreinigt". Geschrieben hat Petersen das 1949 - im Gründungsjahr der Bundesrepublik, vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Jürgen John, Historiker an der Universität Jena, sieht Ortmeyers Recherchen als "großes Verdienst". Für John ist die neue Quellenlage ein Anlass, "endlich reinen Tisch zu machen". Bislang konnte er bei Petersen-Verehrern wie auch bei manchen nach dem Jena-Plan-Gründer benannten Schulen "Beschönigungs- und Verdrängungstendenzen" feststellen: "Sie blendeten die NS-Zeit einfach aus."

Auch der Braunschweiger Petersen-Experte Hein Retter sieht den Reformpädagogen als heiklen Namensgeber. Angesichts der Tatsache, dass Petersen Vorträge im KZ Buchenwald gehalten habe, schrieb Retter bereits 2007, "kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Kollegium die eigene Schule, ohne ein moralisches Problem zu haben, Petersen-Schule nennt".

Nun stellt sich dieses moralische Problem drängender denn je. Als erste hat die Peter-Petersen-Schule im hessischen Weiterstadt Konsequenzen gezogen. Sie soll künftig Anna-Freud-Schule heißen (nach der Psychoanalytikerin und jüngsten Tochter von Sigmund Freud). "Bisher dachten wir, Petersens Verhalten während der NS-Zeit läge im hellgrauen Bereich", sagt Schulleiter Peter Roßmann. Jetzt aber sei "glasklar, dass der Name nicht geht". Das Peter-Petersen-Gymnasium in Mannheim wird sich demnächst ebenfalls einen neuen Namen geben. Dies sei ohnehin schon länger angedacht gewesen, so Schulleiter Ingo Leichert, da "der Name eines Reformpädagogen für ein Gymnasium kein Programm sein kann".

Manche Schulen stemmen sich gegen einen neuen Namen

Auch die Peter-Petersen-Schule in Frankfurt am Main wird sich mit ihrem Namenspatron erneut auseinandersetzen müssen - sie hatte sich vor einigen Jahren einer Umbenennung widersetzt. Direktorin Christa Schilhabel-Timpe verteidigt diese Entscheidung: "Natürlich sind einige Veröffentlichungen Petersens verachtenswert, aber man muss auch seine Verdienste sehen." Außerdem seien ihre Schüler angehalten, sich kritisch mit Petersen auseinanderzusetzen. "Wir haben ihnen beigebracht: So diktaturunterwürfig wie Petersen darf man sich nicht verhalten", sagte Schilhabel-Timpe SPIEGEL ONLINE. Die Schule nach einem Anti-Vorbild benennen, um die Schüler aufzurütteln - eine sehr spezielle Art der Dialektik.

In Jena hat Oberbürgermeister Albrecht Schröter (SPD) inzwischen beantragt, den Petersenplatz umzubenennen. Zwar sehe er Petersen sehr differenziert und schätze seine Leistungen als Reformpädagoge, so Schröter. "Aber wenn Antisemitismus so offen wie von Petersen ausgesprochen wird, ist für mich eine Grenze erreicht."

Für den 5. Oktober hat Schröter eine öffentliche Podiumsdiskussion zum Problem Petersen angesetzt, auch der "Steinwerfer" Ortmeyer ist eingeladen. Er wird sich mit einer noch immer großen Petersen-Fraktion auseinandersetzen müssen. Unter anderem hat die bekannte Petersen-Schülerin Ingeborg Maschmann ihr Kommen angekündigt. Die emeritierte Pädagogikprofessorin bezeichnete Ortmeyer kürzlich in einem Interview mit der "Ostthüringer Zeitung" als "ideologischen Flaggenhisser", der einen zu einseitigen Blick auf die Geschichte habe und ihrem Lehrer damit Unrecht tue.

Für Oberbürgermeister Schröter indes wäre die erneute Umbenennung des Platzes eine besondere Ironie der Geschichte. 1991, nach der Wiedervereinigung wurden rund zehn Prozent der DDR aus Jenas Stadtbild getilgt. Etwa 60 der über 600 Jenaer Straßen, Gassen und Plätze bekamen einen Nachwende-Namen. Auch der Karl-Marx-Platz musste weichen - an seine Stelle setzte der Umbenennungsausschuss den Petersenplatz. Der Leiter des Umbenennungsausschusses hieß seinerzeit: Albrecht Schröter.

Anmerkung der Redaktion: In diesem Text hieß es zunächst, auch die Ludwig-Maximilians-Universität in München sei nach einem Judenhasser benannt. Tatsächlich geht der Name jedoch auf zwei Personen zurück, Herzog Ludwig der Reiche, und Max IV. Joseph, dem späteren König Maximilian I.. Der Universitätsgründer Ludwig galt als Judenhasser.

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