Gerichtsurteil US-Kleinstadt muss Rassentrennung an Schulen beenden

Schwarze und weiße Schüler können sich in Cleveland, Mississippi, an jeder Schule anmelden - machen es aber nicht. Ein Gericht entschied nun: Da hilft nur eine Zusammenlegung.

Hautfarbe egal: Schule für alle, bald auch in Cleveland
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Hautfarbe egal: Schule für alle, bald auch in Cleveland


Theoretisch gibt es an US-amerikanischen Schulen seit 1954 keine Rassentrennung mehr. Theoretisch. Denn nun bedurfte es doch eines richterlichen Beschlusses: Mehrere Schulen in der Kleinstadt Cleveland im Bundesstaat Mississippi sollen schnell zusammengelegt werden.

Es verstößt gegen die US-Verfassung, Schüler nach ihrer Hautfarbe zu trennen. Dennoch ist es in Cleveland de facto so. Auf die Schulen östlich des alten Bahndamms gehen so gut wie ausschließlich schwarze Schüler, im Westen fast nur weiße.

Am Montag nun entschied ein Bundesgericht, dass dieser Zustand durch die Zusammenlegung mehrerer Schulen beseitigt werden soll. Der Schuldistrikt hat sechs Wochen, um dafür einen Zeitplan vorzulegen.

Erstmals waren Eltern aus Cleveland 1965 vor Gericht gezogen - elf Jahre, nachdem die Rassentrennung in US-Schulen als Verstoß gegen die Verfassung verboten worden war. Den Vertretern des Schuldistrikts wird vorgeworfen, die Desegregation - so das Stichwort in der Debatte - bewusst hinausgezögert zu haben.

Seit den Neunzigerjahren haben die Behörden immer wieder Programme aufgelegt, die Weiße davon überzeugen sollen, sich in den Schulen im Osten der Stadt anzumelden. Sie betonen deshalb, dass die Situation nicht böswillig herbeigeführt wurde: Die Schüler suchen sich ja aus, in welche Schule sie gehen. Allerdings fürchten wohl viele Schwarze, an einer Schule mit ausschließlich weißen Mitschülern eben doch diskriminiert zu werden - im Februar 2015 beschrieb ein Artikel des Magazins "The Atlantic" ausführlich die Lage in der Stadt.

Endlich beherzt Eingreifen

In anderen Staaten hat man schon vor Jahrzehnten durch Zusammenlegungen eine bessere Durchmischung der ethnischen und sozialen Gruppen an den Schulen erreicht, allerdings gibt es Missstände wie in Cleveland noch immer in sehr vielen Schuldistrikten. Meist liegen Schulen mit uniformer Schülerschaft in einem Einzugsgebiet, das entsprechend wenig durchmischt ist, sodass sich die Verhältnisse selbst reproduzieren. Wer das ändern möchte, muss beherzt in die Strukturen eingreifen.

So verwarf das Gericht zwei Alternativvorschläge, die der Schuldistrikt Cleveland gemacht hatte. "Dass das Ende der Rassentrennung so lange verschleppt wurde, hat ganze Generationen von Schülern ihres verfassungsmäßig garantierten Rechts auf integrierte Bildung beraubt", heißt es in einer Erklärung des US-Justizministeriums. "Kein Richter kann diesen Schaden wiedergutmachen, aber es ist die Pflicht des Distrikts dafür zu sorgen, dass kein einziger weiterer Schüler diesen Zustand ertragen muss."

Probleme mit Vorurteilen

Zeugen und Kläger hatten in Anhörungen in den vergangenen drei Jahren beschrieben, wie sich die Verhältnisse in Cleveland auswirken: Die Abgänger schwarzer Schulen sähen sich mit Vorurteilen konfrontiert, es herrsche der Eindruck vor, dass für Weiße bessere Schulen bereitstünden. Diese Einschätzungen wurden nicht allein von Schwarzen vorgebracht. Die Mehrheit der Befragten hielt es für wünschenswert, dass die Zusammensetzung der Schülerschaften vielfältiger werde.

Nun wird der Distrikt die D.M. Smith Middle School im schwarzen Osten der Stadt mit der Margaret Green Junior High School zusammenlegen, sowie die schwarze East Side High School mit der weißen Cleveland High School. Außerdem sollen die Kursangebote der Schulen und die Besetzungspläne vor diesem Hintergrund überarbeitet werden. Insgesamt hat der Schuldistrikt 3700 Schüler, mit 66 Prozent schwarzen, 30 Prozent weißen und 4 Prozent hispanischen Schülern.

mamk/afp



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