Rechte Schülerzeitung Braune Hetze zwischen Freizeittipps

Schon der Name ist Camouflage: "Objektiv" nennt sich Kölns neueste und angeblich "größte Schüler- und Jugendzeitung". In Wahrheit stammt das Blatt aus dem Dunstkreis der rechtsextremen Bürgerbewegung "Pro Köln" - und bedient allerlei dumpfe Klischees.

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"Wir sind eine Gruppe Schüler, Auszubildende und Studenten aus Köln", beginnt die Mail mit der Absenderadresse "koelnobjektiv@gmx.de" ganz harmlos: Man wolle eine Schülerzeitung "nach den Sommerferien an allen Gymnasien und an einigen Schulen im gesamten Kölnerstadtgebiet" (Originalschreibweise) verteilen, Auflage 3000 Stück. Dann folgt das Angebot, für etwa 170 Euro die hintere innere Umschlagseite der Zeitung mit einer Werbeanzeige zu belegen.

Anzeige für Jugend pro Köln in "Objektiv": Wen "Überfremdung" ängstigt, der ist willkommen

Anzeige für Jugend pro Köln in "Objektiv": Wen "Überfremdung" ängstigt, der ist willkommen

Eine "Objektiv"-Werbeofferte nahmen unter anderem zwei Tanzschulen, ein Fahrlehrer und ein Biergartenbesitzer an - und sind mittlerweile entsetzt. Denn das 24-Seiten-Magazin vor mehreren Schulen verteilt hat die "Jugend pro Köln", ein Anhängsel der rechtsextremen "Bürgerbewegung pro Köln". Die Rechtsausleger der Lokalpolitik haben sich zum Beispiel mit Kampagnen gegen Flüchtlingsheime und den angeblichen Neubau von Riesenmoscheen hervorgetan. Die "orientalischen Prachtbuden" würden "Islamisten anziehen", tönten sie in einem Flugblatt. Pro Köln wolle sich dem "multikulturellen Wahn der anderen Kräfte" entgegen stellen.

Im Stadtrat, in dem die Gruppierung derzeit fünf Mandate besetzt, wird Pro Köln von einschlägig bekannten Figuren wie Manfred Rouhs vertreten, der zuvor schon von der NPD zum rechtsorientierten Ring Freiheitlicher Studenten (RFS) und zu den Republikanern tingelte. Der Rechtsanwalt und Pro-Köln-Vorsitzende Markus Beisicht ist ein alter Weggefährte von Rouhs, und Stadtrat Bernd Schöppe war bei der Deutschen Liga für Volk und Heimat aktiv, wo sich das Trio kennengelernt habe, wie der "Kölner Stadtanzeiger" berichtet.

So weit, so braun. Flugblätter sind den Rechten, die sich stets angestrengt um einen bürgerlichen Anstrich mühen, offenbar nicht mehr genug. Eine eigene Jugendzeitung mit "freiheitlich-patriotischen Standpunkten" sollte her. "Objektiv" sei "ein wohltuender Ausgleich zu all den links-ideologisch eingefärbten Jugend- und Stadtmagazinen", erklärte Beisicht in einer Pressemitteilung.

Der Türke als dämliches Baggermonster

Wohltuend? Unverfängliche Freizeittipps zum Klettern und zu einem Aquarium oder ein Rätsel sind nur als Garnitur eingestreut. Die rechte Stoßrichtung im Heft ist unübersehbar: Hier ein Text über "ausländische Jugendkriminalität", dort einer über die "Patriotismus-Welle" und über eine "Großmoschee". Widerwärtig platt, randvoll mit dumpfen Klischees werden etwa im frei erfundenen Artikel "Jessica und Ali" Belästigungen beschrieben, die ein blondes Mädchen nachts in einer U-Bahn-Station durch einen jungen Türken erleidet.

In der "fiktiven Szene aus dem Großstadtleben" tritt Ali, Hauptschüler und Kickboxer, als abstoßendes Sexmonster auf: "Oh Mann, scheiße Alter: geile Braut -, die einmal ficken, man, das wäre geil: Ihr Arsch, die dicken Titten, die Haare, - das geht ab ... Sie ist allein ..., - also ran Alter, worauf wartest du noch." Und so dämmert der armen deutschen Jessica sogleich: "Vielleicht hat Mutter ja doch Recht, wenn sie sagt, dass viele Moslems ihren sexuellen Kohldampf auf unseren Straßen vor sich herschieben und keine Grenzen bei Mädchen akzeptieren, erst recht nicht, wenn sie allein und leicht bekleidet sind." Diesen Schund geschrieben hat angeblich eine Martina Arnold, "Religionslehrerin an einer Schule im Ruhrgebiet".

"Rattenfängertricks" seien das, schimpft Erhard Tillmann, Direktor des Gymnasiums Rodenkirchen, vor dessen Schule die "Objektiv"-Verteiler am Montag überraschend auftauchten: "Die kommen im Gewand einer Schülerzeitung daher, transportieren aber ganz andere Inhalte." Weil es eben keine von Schülern für Schüler gemachte Zeitung sei, durfte das vor Ressentiments strotzende Blatt auch nicht auf dem Schulgelände verteilt werden. "Unsere Schüler waren teilweise sehr erbost über die Inhalte", erzählte Tillmann SPIEGEL ONLINE, zumal es am Gymnasium Rodenkirchen auch zahlreiche ausländische Schüler gebe. Etliche Jugendliche hätten die Hefte sofort in die Papierkörbe geworfen oder demonstrativ zurückgegeben - und Thema im Unterricht war die Verteilaktion danach ebenfalls. Schließlich setzen rechte Gruppen immer wieder auf die Strategie, mit bräunlichen Publikationen oder auch mit der Verteilung von Gratis-CDs vor Schulen neue Anhänger zu ködern.

"Furchtbare Postille", zürnt der Anzeigenkunde

Von wem die Texte sind und ob auch nur ein einziger Schüler oder Jugendlicher einen Artikel beigesteuert hat, lassen die Macher im Dunkeln. Auf Autorennennungen haben sie schamhaft verzichtet (außer bei "Jessica und Ali") und offenbaren auch ihre Nähe zu Pro Köln nur indirekt. Die ist aber leicht zu entdecken: So steht auf Seite 16 eine große Anzeige für die "Jugend pro Köln". Wer sich gegen "steigende Überfremdung" stellen wolle, sei willkommen, denn: "Deutsch ist geil" - mit diesem Slogan auf Flugblättern hatte die Partei im März bereits eine "Jugendoffensive" gestartet. Zwei Seiten vorher kommt in "Objektiv" auch Harald Schmidt-Lonhart zu Wort, Abiturient und Pro-Köln-Jugendbeauftragter. Und serviert die handelsüblichen rechten Mantras - allüberall "Multi-Kulti-Exzesse", "68er-Ideologen" und böse Moscheen.

Cover: Anzeigenkunde "geschockt"

Cover: Anzeigenkunde "geschockt"

Einige Anzeigenkunden, die nicht aus dem rechten Umfeld stammen, fühlen sich angesichts der redaktionellen Inhalte massiv getäuscht. "Wir wurden wegen einer Anzeige in einer Schülerzeitung angesprochen", sagt Patrick Schneider, Geschäftsführer der Tanzschule Schulerecki, "als ich dann das Heft in der Hand hielt, war ich geschockt. Wir lassen uns doch nicht vor einen rechtsextremen Karren spannen!" Er habe den verantwortlichen Redakteur aufgefordert, das Heft nicht mehr im Internet zum Herunterladen anzubieten - bisher ohne Erfolg. Jetzt prüfe er rechtliche Schritte, sagte Schneider SPIEGEL ONLINE.

Auch Fahrschul-Geschäftsführer Uwe Höfs hat sofort nach Erscheinen des Hefts mit einer Presseerklärung reagiert. Auf seiner Homepage macht seit ein paar Tagen ein zerstörtes Hakenkreuz mit der Unterschrift "Neonazis stoppen!" deutlich, dass er mit den "Objektiv"-Inhalten nichts zu tun haben will. "Die Dreistigkeit, mit der Neonazis vorgehen, hat uns schon recht zornig gemacht", heißt es in seiner Erklärung. Eine "furchtbare Postille" sei das, sagt der Fahrlehrer, der sich normalerweise vor Anzeigen in Schülerzeitungen ein Belegexemplar zeigen lässt: "Da es die Erstausgabe war, gab es das hier natürlich nicht."

Herausgeber von "Objektiv" ist der Oberstufenschüler und Pro-Köln-Bezirksvertreter Martin Schöppe. "Besonders stolz sind wir darauf, dass wir das komplett vierfarbige Magazin nur durch Werbung finanzieren und damit kostenlos unters Volk bringen können", erklärt Schöppe. Gedruckt wurde das Heft beim Medienservice von Bernd Schöppe, der mit Manfred Rouhs beruflich wie im Stadtrat eng zusammenarbeitet. Die Werbepartner, das sind außer etwa den arglosen Inhabern der Tanz- und der Fahrschule vor allem: eine Burschenschaft, das rechte Magazin "Nation24" (Verlag Manfred Rouhs) und eine Internetfirma (Verlag Manfred Rouhs).

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