Rechtschreibkunde für Grundschüler Teddy erklärt das kurze i

Um die Orthografie steht es schlecht in Deutschland, klagen Schulexperten. Softe Achtundsechziger-Methoden hätten viel kaputt gemacht, schon ab der ersten Klasse mangele es an Struktur und Regelkunde. Teil des Problems: Viele Lehrer haben selbst zu wenig Ahnung von der deutschen Sprache.

SPIEGEL ONLINE

Von Heike Sonnberger


Vorne neben der Tafel, auf zwei zusammengerückten Grundschulstühlen, steht ein Spielzeugboot aus Holz. Darin sitzen sechs Teddybären mit selbstgestrickten Pullis. Sie haben sechs Buchstaben um den Hals: f-i-n-d-e-n. Lehrerin Barbara Pagel, 30, hebt das Boot in die Luft, schwenkt es hin und her.

"Welche der beiden Silben in dem Wort ist betont?", fragt Pagel. Ihre Klasse klatscht zweimal in die Hände: Patsch-patsch. Fin-den. "Die erste!", ruft Zweitklässler Paul*. "Und ist das 'i' in der ersten Silbe lang oder kurz?" Viele kleine Arme sausen in die Luft. "Kurz, weil der Matrose Max dabei ist und der Kapitän auf See nur kurz arbeiten muss", sagt ein anderer Junge.

Der Kapitän ist ein Teddy mit rotem Pulli. Er sitzt an zweiter Stelle im Boot und steht für das "i". Der Matrose Max sitzt daneben, trägt einen blau-weißen Pulli und ein Schild mit dem Buchstaben "n" um den Hals. Und weil Max mit in der vorderen Hälfte des Bootes sitzt, schreibt man "finden" mit kurzem "i". Und nicht "fienden" oder "fihnden".

Die Regel funktioniert für die meisten deutschen Wörter mit "i" in der ersten Silbe - bis auf Ausnahmen wie etwa "Tiger". Da muss Kapitän "i" lange arbeiten, weil Matrose Max nicht im vorderen Teil des Bootes sitzt, und man müsste ihm ein helfendes "e" zur Seite stellen: ein "Tieger" mit "ie".

"Wirklich repräsentative Studien gibt es nicht"

"Doch eigentlich ist die deutsche Sprache regelmäßiger als viele denken", sagt Pagel. An der Schule Iserbrook in Hamburg vermittelt sie ihren Schülern ab der ersten Klasse die Orthografie nach festen Regeln. Mitentwickelt und wissenschaftlich begleitet hat das Konzept die Sprachdidaktikerin Inge Blatt von der Uni Hamburg.

Demnach identifizieren die Kinder betonte und unbetonte, offene und geschlossene Silben, erkennen lange und kurze Vokale. Überfordert scheinen sie nicht zu sein: "Das mit den Bären hat uns geholfen, so haben wir es leichter gelernt", sagt der achtjährige Finn*. Und die sieben Jahre alte Yara* sagt stolz: "Ich habe das seit der ersten Klasse begriffen." Pagel setzt das um, was Experten verstärkt fordern: Einen Rechtschreibunterricht, der Schülern genauer vermittelt, wie die deutsche Sprache aufgebaut ist. Das Ziel: Kinder in Deutschland sollen wieder besser schreiben lernen.

Aber steht es wirklich so schlimm um die Orthografie? Eine Antwort ist nicht leicht zu finden. Für eine Ergänzungsstudie zur Iglu-Leseuntersuchung 2006 wurde bundesweit das Rechtsschreibvermögen von Grundschülern abgefragt. In einem Test mit 35 Wörtern schrieben die Kinder im Durchschnitt beinahe die Hälfte falsch. Die Ergebnisse waren geringfügig besser als die der ersten Iglu-Studie fünf Jahre zuvor. "Bei der ersten Untersuchung waren wir etwas schockiert", erinnert sich die pensionierte Schulforscherin Renate Valtin, die damals dem Iglu-Wissenschaftlerteam angehörte.

Im Rahmen der Iglu-Studie 2011 wird Rechtschreibung nicht wieder getestet. Stattdessen haben die Bundesländer eigene Tests in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse sie im kommenden Jahr vorstellen wollen, teilt die Kultusministerkonferenz mit. Mindestens bis dahin aber bleibt die Datenlage mau. "Wirklich repräsentative Studien, die für ganz Deutschland verallgemeinerbar sind, gibt es nicht", sagt Valtin.

Mit bunten Bildchen zum Wort

Erziehungswissenschaftlerin Christa Röber von der Pädagogischen Hochschule Freiburg ist dennoch sicher: "Um die Rechtschreibung steht es absolut nicht gut." Und die Wurzel des Übels liege in der Art, wie Orthografie gelehrt werde. Rechtschreibregeln würden in der Grundschule vernachlässigt. Röber hat, ähnlich wie ihre Kollegin Blatt von der Uni Hamburg, eine silbenanalytische Methode zum Schreibenlernen für Grundschüler entwickelt. Statt mit zweigeteilten Schiffchen arbeitet sie mit Häusern und Garagen. In ihrer Analyse sind sich die beiden einig: Die Strukturen der Rechtschreibung dürfen nicht zu kurz kommen.

Es gibt aber auch Pädagogen, die halten Rechtschreibregeln ab Klasse eins für weniger wichtig. Zu ihnen gehört Cornelia Kastel, 56. Sie unterrichtet seit mehr als 20 Jahren nach der Methode "Lesen durch Schreiben". Ihre Schüler üben nicht gemeinsam das ABC, sondern sie schreiben von Anfang an Wörter und Texte. Dafür hören sie auf die Klänge der Buchstaben und schreiben dann die passenden Buchstaben von einer Anlauttabelle mit bunten Bildern ab. So sollen sie die Laute und die dazugehörigen Buchstaben verinnerlichen und nebenbei auch lesen lernen, in ihrem eigenen Tempo, sagt Kastel.

In Kastels Lerngruppe aus Erst- und Zweitklässlern sitzt Martin*. In seiner fünften Schulwoche beugt er sich über sein Heft, daneben liegt die Anlauttabelle mit den erklärenden Bildchen. "Ich schreibe das Wort Lupe", sagt er. "L - und jetzt ein B wie Banane? Ein E wie Ente?" Martin überlegt. Dann strahlt er: "Ein U wie Hut!" Und schreibt "Lh…", weil "Hut" mit "h" beginnt und die Bilder in der Tabelle nach ihren Anfangsbuchstaben ausgewählt sind. Kastel unterbricht ihn und erklärt den Fehler. "Er kann noch nicht lesen, was er geschrieben hat", sagt sie. Manchmal helfen sich ihre Schüler auch gegenseitig.

Kastels Schüler tasten sich selbstständig schreibend an die Orthografie heran. Werde es zu regelhaft, gehe die Kommunikation unter, sagt die Lehrerin. Noch mehr Regeln, das müsse nicht sein. "Sprache ist wie ein tanzender Tausendfüßler", sagt sie. "Er tanzt wunderschön, bis jemand fragt: Mit welchem Fuß fängst du eigentlich an?"

Forum - Überfordern wir unsere Kinder?
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Seite 1
Peter-Freimann 15.10.2011
1.
Die verkürzte Gymnasialzeit ist eine Katastrophe: 1.) Deutschland ist nichts, das Ausland ist alles. Wenn die Portugiesen es mit 8 Jahren schaffen, dann sollten wir deren Methode übernehmen, damit wir hier den Bildungsstand Portugals erreichen. 2.) Das Lernergebnis ist nur in einem kurzen Intervall proportional zur Anzahl der Wochenstunden. Ist eine gewisse Anzahl Wochenstunden jedoch überschritten, dann verhält sich das Lernergebnis umgekehrt proportional zur Anzahl der Stunden. Ergebnis: Kinder werden für ideologischen Blödsinn (Selbstaufgabe der Bildungsautonomie unseres Landes) mißbraucht, geplagt und zugleich verdummt.
Berg 15.10.2011
2.
Zitat von sysopKürzere Schulzeit, mehr Unterrichtsstunden, dazu teils anstrengende Freizeitaktivitäten von Sport bis Kultur: Es gibt Kinder, die ein managergleiches Tagespensum zu absolvieren haben. Lehrer und Eltern handeln natürlich aus besten Absichten, schließlich soll dem Nachwuchs ein förderndes Angebot unterbreitet werden. Aber überfordern wir mit diesen Pflichten und Möglichkeiten unsere Kinder nicht zu sehr?
Eltern- und Lehrerschaft haben bereits erkannt, dass nicht alle Möglichkeiten von allen genutzt werden können. Und diese Erkenntnis sollte auch den Kindern beigebracht werden. - Und besonders vielseitig Begabte müssen auch lernen, Rangfolgen über Wichtigkeit und Bedeutung zu erkennen und Prioritäten zu setzen.
deus_ex_machina 15.10.2011
3.
Zitat von Peter-FreimannDie verkürzte Gymnasialzeit ist eine Katastrophe: 1.) Deutschland ist nichts, das Ausland ist alles. Wenn die Portugiesen es mit 8 Jahren schaffen, dann sollten wir deren Methode übernehmen, damit wir hier den Bildungsstand Portugals erreichen. 2.) Das Lernergebnis ist nur in einem kurzen Intervall proportional zur Anzahl der Wochenstunden. Ist eine gewisse Anzahl Wochenstunden jedoch überschritten, dann verhält sich das Lernergebnis umgekehrt proportional zur Anzahl der Stunden. Ergebnis: Kinder werden für ideologischen Blödsinn (Selbstaufgabe der Bildungsautonomie unseres Landes) mißbraucht, geplagt und zugleich verdummt.
Da muss ich ihnen Recht geben; die kausalen Zusammenhänge zwischen Problem und Antwort, die die Bildungspolitik zu erkennen glaubt, bewegen sich weit jenseits der Grenze zum Absurden, und können so wohl nur deutschen "Spitzen"politikern schlüssig erscheinen: 1.) Die Erkenntnis, Bildung sei der wichtigste Rohstoff Deutschlands, führt zur Einführung eines verkürzten Not- und Kriegsabiturs. 2.) Die Erkenntnis, dass die Bildungsgerechtigkeit in keinem anderen Industrieland so miserabel ist wie in Deutschland, wird mit der Einführung von Studiengebühren beantwortet. 3.) Der Wunsch nach größerer, wissenschaftlicher Kompetenz der Unis führt zur Drittmittelorientierung, mit der die Universitäten endgültig zu einer Ausbildungsabteilung für "Nieten in Nadelstreifen" degradiert werden. Doch wenn wir das andauernde Totalversagen der Bildungspolitik einmal Beiseite lassen: haben unsere Eltern von uns früher wirklich gar nichts verlangt? Haben wir früher neben der Schule keine Sportvereine besucht und musiziert? Haben wir in der Schule früher keine Noten bekommen? Kann es nicht vielmehr sein, dass die Bedingungen sich weit weniger geändert haben als die Erwartungshaltung? Dass die jetzige Elterngeneration eine unsägliche Tandenz zum Jammern und Klagen potenziert auf ihre Kinder übertragen hat? Liebe Eltern: wenn ihr Kind es _nicht_ in die Hochbegabtenförderung schafft, liegt das nicht zwangsläufig an der Schule - vielleicht ist ihr Kind einfach nicht hochbegabt. Wenn ihr Kind beim Sport keine olympiareifen Leistungen erbringt, ist das kein Zeichen von schlechtem Training; und wenn ihr Kind nicht mit 10 Jahren Etüden von Chopin in Konzertqualität abliefert, liegt das weder am schlechten Klavierlehrer noch an mangelnder, ritalinwürdiger Konzentrationsschwäche. Auch wenn es schwerfällt, das zu akzeptieren: der weitaus größte Teil der Menschen wird immer duchschnittlich sein, weil eine herausragende Begabung - nun ja - eben herausragend und damit selten ist.
Peter-Freimann 15.10.2011
4.
Zitat von deus_ex_machinaDa muss ich ihnen Recht geben; die kausalen Zusammenhänge zwischen Problem und Antwort, die die Bildungspolitik zu erkennen glaubt, bewegen sich weit jenseits der Grenze zum Absurden, und können so wohl nur deutschen "Spitzen"politikern schlüssig erscheinen: 1.) Die Erkenntnis, Bildung sei der wichtigste Rohstoff Deutschlands, führt zur Einführung eines verkürzten Not- und Kriegsabiturs. 2.) Die Erkenntnis, dass die Bildungsgerechtigkeit in keinem anderen Industrieland so miserabel ist wie in Deutschland, wird mit der Einführung von Studiengebühren beantwortet. 3.) Der Wunsch nach größerer, wissenschaftlicher Kompetenz der Unis führt zur Drittmittelorientierung, mit der die Universitäten endgültig zu einer Ausbildungsabteilung für "Nieten in Nadelstreifen" degradiert werden. Doch wenn wir das andauernde Totalversagen der Bildungspolitik einmal Beiseite lassen: haben unsere Eltern von uns früher wirklich gar nichts verlangt? Haben wir früher neben der Schule keine Sportvereine besucht und musiziert? Haben wir in der Schule früher keine Noten bekommen? Kann es nicht vielmehr sein, dass die Bedingungen sich weit weniger geändert haben als die Erwartungshaltung? Dass die jetzige Elterngeneration eine unsägliche Tandenz zum Jammern und Klagen potenziert auf ihre Kinder übertragen hat? Liebe Eltern: wenn ihr Kind es _nicht_ in die Hochbegabtenförderung schafft, liegt das nicht zwangsläufig an der Schule - vielleicht ist ihr Kind einfach nicht hochbegabt. Wenn ihr Kind beim Sport keine olympiareifen Leistungen erbringt, ist das kein Zeichen von schlechtem Training; und wenn ihr Kind nicht mit 10 Jahren Etüden von Chopin in Konzertqualität abliefert, liegt das weder am schlechten Klavierlehrer noch an mangelnder, ritalinwürdiger Konzentrationsschwäche. Auch wenn es schwerfällt, das zu akzeptieren: der weitaus größte Teil der Menschen wird immer duchschnittlich sein, weil eine herausragende Begabung - nun ja - eben herausragend und damit selten ist.
"Bildungsgerechtigkeit" kann es niemals geben. Wie soll das denn gehen? Kinder, die gewollt wurden, deren Mütter während der Schwangerschaft nicht geraucht haben, die nicht kurz nach der Geburt gleich in Staatsverwahrung gegeben werden, weil sie unserem Ideal der totalen Arbeit im Wege stehen, deren Eltern sich nicht gleich wegen dem erstbesten Nerv scheiden lassen, haben zwangsläufig viel mehr Chancen als andere. Die "Erkenntnis" gibt es gar nicht. Die PISA-Studie zeigt, daß zum Beispiel in Finnland die Einwanderer im Vergleich zu den Nichteinwanderern schlechter abschneiden als das in Deutschland der Fall ist. England hat astronomische Studiengebühren, in England würde ich als erklärter Gegner dieser ganzen Neid- und Klassenkampfhetze sofort auf die Straße gehen, denn dort haben Kinder aus finanziell nicht so gut gestellten Familien fürwahr keine Chance. Ansonsten siehe meinen vorangegangenen Beitrag: "Ausland, Ausland, über a-al-les, Über alles in de-er Welt!" Nicht die akademischen Bildungsexpert_Innen vergessen und die Lehrstühle für gender studies. Fragen Sie mal Coca Cola oder BMW oder MacIrgendwen, ob die bereit sind, auf ihr Markenzeichen zu verzichten. Sie werden einen Korb erhalten. Fragen Sie Schilda/Deutschland: Dankbar ist man für Ihren Rat, das Diplom kommt in die Tonne, die modernen Batschelohren müssen her.
matthias schwalbe, 15.10.2011
5. Rangfolgen...Wichtigkeit...Prioritäten= Überforderung?
Zitat von BergEltern- und Lehrerschaft haben bereits erkannt, dass nicht alle Möglichkeiten von allen genutzt werden können. Und diese Erkenntnis sollte auch den Kindern beigebracht werden. - Und besonders vielseitig Begabte müssen auch lernen, Rangfolgen über Wichtigkeit und Bedeutung zu erkennen und Prioritäten zu setzen.
Könnten Sie diese "Zuschrift" evtl. noch erläutern, präzisieren oder gar belegen?
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