Regeln für Lehrerinnen 1915 "Sie dürfen keinen Umgang mit Männern pflegen"

Mindestens zwei Unterröcke sollen sie tragen und sich nicht in Eisdielen herumtreiben: Im Netz kursieren skurrile Regeln für Schweizer Lehrerinnen aus dem Jahr 1915. Was ist dran?

Lehrerin in einer Volksschule um 1913
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Lehrerin in einer Volksschule um 1913


Durchs Internet schwirrt eine Liste mit Regeln für Lehrerinnen im Jahr 1915. Sie durften demnach "keinen Umgang mit Männern pflegen", "sich nicht verheiraten" und sich "nicht in den Eisdielen der Innenstadt herumtreiben". Tausende Lehrer und Schüler teilen die Liste - seit Jahren, immer wieder. Am Dienstag postete eine katholische Schule in Südtirol, das Vinzentinum, die Regeln auf seiner Facebook-Seite - und wieder wurden sie fast 200 Mal geteilt:

Aber woher stammt die Liste eigentlich?

Angeblich handelt es sich um einen Auszug aus einem Vertrag der Stadt Zürich für die Anstellung von Lehrerinnen. Andreas Hoffmann-Ocon leitet das Zentrum für Schulgeschichte der Pädagogischen Hochschule Zürich. Er sagt, ein solcher Vertrag sei ihm im Original bei seinen Recherchen nicht begegnet.

Völlig unplausibel sei ein solches Regelwerk aber nicht: Im Jahr 1915 habe in der Schweiz akuter Lehrermangel geherrscht, weil im Ersten Weltkrieg viele Männer eingezogen wurden, um die Landesgrenzen zu schützen. Deshalb hätten plötzlich zahlreiche Frauen in den Lehrerberuf gedrängt.

"Die Konkurrenz war groß und die Schulbehörden konnten es sich leisten, schärfere Bedingungen zu diktieren", sagt der Bildungshistoriker. Dass sie Lehrerinnen den Umgang mit Männern untersagt haben sollen, könnte auf die damalige Angst vor einem Sittenverfall und Kontrollverlust an den Schulen hindeuten.

Ob Lehrerinnen verheiratet sein durften und wie sie sich kleiden sollten, bilde zudem eine Debatte ab, die in dieser Zeit auch in Deutschland geführt wurde, sagt Hoffmann-Ocon. "Offiziell wollte man unverheirateten Frauen den Vortritt lassen, weil sie noch von keinem Mann versorgt wurden."

Es sei außerdem historisch belegt, dass zumindest eine Regel in ähnlicher Form auch für junge Männer im Lehrbetrieb galt: Sie sollten sich aus moralischen Gründen nicht vor Bahnhöfen und in Wirtshäusern herumtreiben. Dass Frauen der Besuch von Eisdielen untersagt wurde, sei also nicht ganz abwegig.

lov

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