Regisseurin Julie Pfleiderer "Wir machen das so, wie ich will"

Regie-Anfängerin Julie Pfleiderer bekam am Mainzer Theater ihre erste Chance und inszenierte das Erstlingswerk einer 23-Jährigen: eine Inzest-Geschichte zwischen Vater und Tochter. Sechs Wochen lang probte das Ensemble nonstop - doch bei der Uraufführung versagten die Nerven.


"Ich komme frisch vom Studium, und Berufsanfänger haben es in meiner Branche nicht leicht. Doch damit bin ich bei meiner ersten Regiearbeit am Theater in Mainz offensiv umgegangen. Da habe ich auch mal gesagt: 'Ich weiß jetzt gerade nicht weiter'. Ich glaube, ich komme mit Offenheit eher ans Ziel.

Jungregisseurin Pfleiderer, 27: Panik vor der Premiere

Jungregisseurin Pfleiderer, 27: Panik vor der Premiere

Man arbeitet auch zu eng miteinander und muss zu viel Zeit zusammen verbringen, als dass man sich etwas vormachen könnte. Für das Stück "Kopftot. Ein Fluchtversuch" haben wir sechs Wochen lang jeden Tag von halb elf bis drei und von sieben bis halb elf geprobt. Da findet nebenher kaum noch Privatleben statt, für mich als Regisseurin noch weniger als für die Schauspieler. Zwischen den Proben muss ich mich nämlich mit der Autorin absprechen, Pressegespräche führen, mir alle Kostüme und jedes Bühnenbild anschauen – da verlässt man den Theaterkosmos irgendwann nur noch, um schlafen zu gehen.

Diese geballte Nähe mit fremden Menschen ist etwas, worauf man sich am Theater immer wieder neu einstellen muss, weil man ja bei jeder Inszenierung mit anderen Schauspielern arbeitet. Einerseits finde ich das spannend, oft fürchte ich aber auch die Konfrontation, die das mit sich bringt. Manchmal stehe ich jemandem gegenüber, der dreimal so alt wie ich ist und 40 Jahre Berufserfahrung hat – und trotzdem muss ich zu ihm sagen: 'Wir machen das jetzt so, wie ich will.' Weil ich mir bei dem Konzept etwas gedacht habe und eine kleine Änderung nur der Anfang von vielen Kompromissen wäre. Um mich durchzusetzen, brauche ich Feingefühl, aber auch starke Nerven.

Vielleicht haben es Männer in dem Beruf leichter. Ich glaube, sie können diese emotionalen Komponenten besser ausblenden. Ich hingegen denke oft: 'Gott, die Schauspielerin ist extra hergezogen, um an diesem Theater zu arbeiten, ihr Mann hat noch keinen Job und das Kind Probleme in der neuen Schule - und ich kommandiere sie so rum.' Aber da muss man lernen, hart zu sein, sonst quält man sich nur selbst. Und natürlich leidet die Inszenierung, wenn ich mich als Regisseurin nicht durchsetzen kann. Es bleibt letztlich mein Stück.

Die eigene Premiere geschwänzt

Am Anfang jeder Inszenierung steht die intensive Beschäftigung mit dem Buch. Für meine Arbeit in Mainz durfte ich zwischen vier Stücken wählen. Ich habe mich sofort für "Kopftot" entschieden, einer Inzestgeschichte zwischen Vater und Tochter. Ich fand die Sprache darin großartig, sehr lyrisch – so etwas empfinde ich in einem Theaterstück als modern. Auch die fragmentartige, nicht lineare Erzählweise hat mich angesprochen. Sie garantiert mir, dass ich frei mit dem Text umgehen kann. Denn ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist die Interpretation eines Werks. Sonst wäre es Quatsch, einen Klassiker immer wieder neu aufzuführen – er sähe dann bei jedem Regisseur gleich aus, das wäre langweilig.

"Kopftot" war eine Uraufführung. Ich bin sehr froh, dass sich vorher noch niemand mit dem Stück beschäftigt hatte. So konnte ich etwas schaffen, was für mich und die Zuschauer ganz neu war. Der Text hat viel offen gelassen, die Handlung war sehr vage, das gab mir Freiheit bei der Interpretation. Der moralische Aspekt hat für mich kaum eine Rolle gespielt. Mir ging es mehr um das Seelenleben meiner Figuren. Um das darzustellen, wollte ich unbedingt ein Lied in das Stück einarbeiten, das hat auch direkt gut geklappt. Außerdem war mir ein karges Bühnenbild wichtig, um die Enge darzustellen, in der die Figuren wie in Gefangenschaft zusammen leben.

Die Inszenierung hat mich sehr stolz gemacht. Zum ersten Mal habe ich etwas wirklich Eigenes geschaffen. Wenn "Kopftot" jetzt weiter aufgeführt wird, bin ich allerdings nicht mehr dabei. Der Gedanke, das Stück zurückzulassen, war zunächst komisch. Es ist trotzdem ein wichtiger Schritt, denn ich kann nichts weiter mehr tun. Jeder Regisseur muss sein Werk am Ende an die Schauspieler und Zuschauer abgeben können.

Teil dieses Loslassens ist auch, mit der Resonanz auf die eigene Arbeit klarzukommen. Dazu gehören die Presserezensionen, vor allem aber die unmittelbaren Reaktionen der Zuschauer auf eine Vorführung. Vor der Premiere hatte ich so Bammel, dass die Autorin Gerhild Steinbuch und ich sie einfach geschwänzt haben. Wir saßen stattdessen beim Japaner und haben in Sushi herumgestochert - runter bekamen wir natürlich keinen Bissen. Erst kurz vor Schluss haben wir uns wieder hinter die Bühne geschlichen. Da haben die Leute schon wie wild geklatscht. Das war ein toller Moment."

Aufgezeichnet von Mara Braun



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