Reizüberflutung Wie Kinder zum Zappelphilipp werden

2. Teil: "Wer Kinder fördern will, braucht Zeit für sie"


Pauen: Es ist zu vermuten, dass Reizüberflutung nachhaltige Konsequenzen hat. Wir werden geboren mit einem vom Stammhirn gesteuerten Aufmerksamkeitssystem. Es lenkt unsere Blicke dahin, wo etwas passiert. Aber ein weiteres Aufmerksamkeitssystem wird vom Frontalhirn gesteuert. Damit entscheiden wir selbst, wann und wie wir uns mit etwas auseinandersetzen möchten. Eine Umwelt, die permanent das erste System anspricht, weil immer etwas Geräusche macht oder sich bewegt, stützt diese Art der Steuerung sehr stark. Das Verrückte ist, dass unsere Welt uns zum Zappelphilipp macht, zugleich aber von uns verlangt wird, dass wir uns konzentrieren und mit einzelnen Dingen lange und intensiv beschäftigen sollen. Das passt nicht zusammen. Ganz sicher findet man heute mehr Kinder als früher, denen schnell langweilig wird, wenn keine Reize von außen kommen. Das ist schon ein Alarmzeichen.

SPIEGEL ONLINE: Was können Eltern tun?

Pauen: Momente der Stille sind extrem wichtig, in denen sich Kinder selbst aussuchen, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten. Diese Momente kann es natürlich in der Wiege geben, aber das ist kein Vergleich damit, unter einem Baum zu liegen, wenn der Wind ein paar Blätter bewegt oder ein Vogel kommt und wieder wegzwitschert.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es für die Entwicklung, wenn solche Momente rar sind oder gar nicht vorkommen?

Pauen: Auf der einen Seite ein hohes Tempo und eine hohe Flexibilität, mit Dingen sehr schnell umzugehen. Das sind ja schon jetzt Anforderungen an unsere Generation, wir können das sicher tausendmal besser als unsere Eltern und Großeltern. Aber es ist auch ein Verlust: Die Zeiten der Muße und Ruhe, in denen Ideen wachsen können, fehlen, weil viele gar nicht mehr gelernt haben, damit etwas anfangen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Sie zitieren in Ihren Aufsätzen Studien, wonach Investitionen in die Kinderbetreuung den IQ der Kinder steigern können. Kommt das nicht einem Kindertuning gleich und schürt den Eltern-Aktionismus?

Pauen: Die Gefahr besteht, sicher. Die Studien machen aber etwas anderes deutlich: Wenn sich niemand um Kleinkinder kümmert, haben sie einen Entwicklungsnachteil. Es ist nicht so, dass das Kind intelligenter wird, wenn ich möglichst viel mit ihm veranstalte. Aber wenn ich zu wenig mache, schade ich der Entwicklung. Deshalb ist es sehr wichtig, dass alle Kinder in den ersten Lebensjahren ein Minimalangebot bekommen. Damit ist nicht gemeint, dass Eltern zu möglichst vielen Babykursen rennen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die ersten Jahre eines Kindes so wichtig sind, wird von den Eltern mehr Wissen verlangt, was das Kind braucht in diesen Phasen. Bedeutet das, Kinder in bildungsfernen Familien sind von der Geburt an benachteiligt?

Pauen: Das ist die traurige Wahrheit. Und gerade deshalb ist es so wichtig, dass es gute institutionelle Angebote gibt. Die Adressaten meiner Veröffentlichungen sind auch nicht nur die sogenannten Bildungsbürger. Wobei: Man kann sehr schlau sein und zugleich sehr ignorant, was die Entwicklung der Kinder angeht - wenn man stark mit sich und seiner Arbeit beschäftigt ist und das Kind nicht mehr sieht. Da kann es genauso zu Benachteiligung kommen. Wer Kinder fördern will, braucht Zeit für sie.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst zwei Töchter. Wie viele Ratgeber haben Sie gelesen, als ihre Kinder klein waren?

Pauen: Ganz ehrlich? Keinen einzigen. Ich habe schon viel über kleinkindliche Entwicklung gelesen, aber Rat braucht man nicht unbedingt, sondern vor allem Neugier und Spaß am Kind. Der Rest ergibt sich.

Das Interview führte Birger Menke

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Seite 1
Balagan, 01.08.2009
1.
Zitat von sysopHaufenweise Ratgeber und Fernsehshows zur richtigen Erziehung: Junge Eltern bekommen Tipps von allen Seiten. Fehlt manchen Eltern das nötige Selbstbewusstsein für die Erziehung ihrer Kinder? Diskutieren Sie mit!
Diese Fernsehshows sind doch nur Unterhaltung und Ablenkung für Eltern, während ihre Kids am PC Horrorvideos gucken.
PeterShaw 01.08.2009
2. Jo!
Zitat von BalaganDiese Fernsehshows sind doch nur Unterhaltung und Ablenkung für Eltern, während ihre Kids am PC Horrorvideos gucken.
Mit Bier und Chips macht doch Erziehungsarbeit viel mehr Spaß.
fintenklecks 01.08.2009
3. Umgekehrt!
Zitat von sysopHaufenweise Ratgeber und Fernsehshows zur richtigen Erziehung: Junge Eltern bekommen Tipps von allen Seiten. Fehlt manchen Eltern das nötige Selbstbewusstsein für die Erziehung ihrer Kinder? Diskutieren Sie mit!
Was hat "sich informieren" mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun? Man muss das Rad doch nicht zweimal erfinden, wenn es entsprechende Tipps schon gibt. Eltern sind kompetent genug, um aus der Vielzahl der Ratgeber das Passende zu finden bzw. intuitiv das Richtige zu tun. Die Vielzahl der Bücher zeigt auch, dass Viele von Ihrer Erziehungsmethode so überzeugt sind, dass sie darauf brennen, es anderen mitzuteilen.
Polyantha, 01.08.2009
4.
Zitat von fintenklecksWas hat "sich informieren" mit mangelndem Selbstbewusstsein zu tun? Man muss das Rad doch nicht zweimal erfinden, wenn es entsprechende Tipps schon gibt. Eltern sind kompetent genug, um aus der Vielzahl der Ratgeber das Passende zu finden bzw. intuitiv das Richtige zu tun. Die Vielzahl der Bücher zeigt auch, dass Viele von Ihrer Erziehungsmethode so überzeugt sind, dass sie darauf brennen, es anderen mitzuteilen.
Wenn ich mir so ansehe, wieviele Erziehungsratgeber es gibt (5 Bücher = 8 Meinungen, kein wunder, dass junge eltern heute verunsichert sind), frage ich mich, wie wir's vor 30, 40 Jahren geschafft haben, aus unseren Kindern ordentliche Menschen zu machen, als es diese ganzen Ratgeber noch nicht gab, sondern als Ratgeber ggfls. andere, ältere Mütter oder die Großmütter zur Verfügung standen. Wenn ich so Vergleiche zwischen dem anstelle, was bei der Erziehung früher überwiegend rausgekommen ist und ich mich heute so unter den Kindern und Jugendlichen umsehe (ich meine jetzt nicht alle), neige ich dazu, im Falle der meisten Erziehungsratgeber für Bücherverbrennung zu plädieren.
PeterShaw 01.08.2009
5. Nicht jeden Spaß verbieten!
Zitat von PolyanthaWenn ich mir so ansehe, wieviele Erziehungsratgeber es gibt (5 Bücher = 8 Meinungen, kein wunder, dass junge eltern heute verunsichert sind), frage ich mich, wie wir's vor 30, 40 Jahren geschafft haben, aus unseren Kindern ordentliche Menschen zu machen, als es diese ganzen Ratgeber noch nicht gab, sondern als Ratgeber ggfls. andere, ältere Mütter oder die Großmütter zur Verfügung standen. Wenn ich so Vergleiche zwischen dem anstelle, was bei der Erziehung früher überwiegend rausgekommen ist und ich mich heute so unter den Kindern und Jugendlichen umsehe (ich meine jetzt nicht alle), neige ich dazu, im Falle der meisten Erziehungsratgeber für Bücherverbrennung zu plädieren.
Am besten gefiel mir auf einem Elternabend die offensichtlich von ihrem Egozocker erzogene Mutter, die über ein Expertenbuch referierte zum Thema "Grenzen setzen".
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