Religionsstreit in Berlin Wahlkampf im Namen des Glaubens

Der Streit spaltet Berlin: Muss Religion Wahlpflichtfach werden? Oder soll es beim Ethikunterricht für alle bleiben? Beide Seiten führen einen Kulturkampf mit Plakaten, Werbespots und prominenten Gesichtsverleihern - viel Pathos und putzige Songs inklusive.

Von und Esther Wiemann


Immer wieder blickt er auf sein Mobiltelefon. Schon seit 20 Minuten müsste er beim nächsten Termin sein, das Fernsehinterview hat doch wieder länger gedauert. Christoph Lehmann ist im Stress, bleibt dennoch ruhig, spricht überlegt. Schließlich will er überzeugen, denn er hat eine Mission: Der Berliner Rechtsanwalt und katholische CDU-Politiker wirbt für ein Schulfach, das es eigentlich schon gibt - Religion.

Moderator Jauch, "Pro Reli"-Chef Lehmann: Mitten im Kulturkampf
DDP

Moderator Jauch, "Pro Reli"-Chef Lehmann: Mitten im Kulturkampf

Aber Lehmann will, dass das Fach in Berlin gewissermaßen befördert wird, von einem freiwilligen Zusatzangebot zum Wahlpflichtfach. Was sich anhört wie ein schlichter Verwaltungsakt, wird in der Hauptstadt als Grundsatzfrage verstanden - ein politischer Streit, der sich längst zum Kulturkampf ausgewachsen hat.

Geführt wird dieser Kulturkampf mit den Mitteln des Wahlkampfes. Die Straßen hängen voller Plakate; die Berliner Zeitungen überschlagen sich mit Sonderseiten; Politiker, Schauspieler, Sportler, Moderatoren werden eingespannt; im Radio laufen Werbespots. Denn am kommenden Sonntag ist Volksentscheid. Dann stimmt die Hauptstadt ab, wie es weitergehen soll mit der Glaubenslehre an den Schulen.

Großer Streit um ein kleines Fach

Bisher gibt es gemeinsamen Ethikunterricht als Pflichtfach für alle Schüler von der siebten bis zur zehnten Klasse - und Religion als freiwilliges Zusatzangebot. Wenn sich aber die Initiative "Pro Reli" durchsetzt, dann müsste sich jeder Schüler für Ethik oder Religion entscheiden. Der Unterricht verliefe strikt getrennt nach Konfessionen.

"Pro Reli" hat die Unterstützung der oppositionellen CDU und den christlichen Kirchen. Der Vorsitzende Lehmann steht jetzt ungeduldig neben dem Infostand in Berlin-Friedenau, lächelt in Kameras, schüttelt Hände. Er hat den Streit um das kleine Fach mit viel Pathos zum großen Thema gemacht und eine große Kampagne organisiert. Überall steht Freiheit drauf. Es ist Lehmanns Lieblingswort, es ist auch seine Strategie. Sein Argument lautet ungefähr so: Wer sich zwischen Religion und Ethik entscheiden muss, der hat die Freiheit zu wählen.

Lehmann sagt noch ein paar aufmunternde Worte zu den Flugblattverteilern von der Gemeinde zum Guten Hirten; danke, viel Erfolg weiterhin - und los zum nächsten Termin.

Freiheit, die ich meine

Ein paar Kilometer weiter, in Charlottenburg, macht Walter Momper (SPD), Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, so ziemlich das gleiche wie Lehmann: Broschüren verteilen, mit Passanten und Journalisten reden, aber mit entgegengesetztem Ziel. "Entscheidungszwang" nennen sie hier das, was bei Lehmann Freiheit heißt.

Momper war einmal Regierender Bürgermeister von Berlin, jetzt ist er Schirmherr des Bündnisses "Pro Ethik". Es kämpft gegen "Pro Reli" - also für den Ethikunterricht und für Religion auf freiwilliger Basis. "Wir wollen die Leute aufklären", sagt Momper, "viele wussten gar nicht, worum es bei der Sache geht, und dachten, der Religionsunterricht soll verboten werden." Hinter dem Stand ragt ein großes Nein aus roten Pappbuchstaben hervor. Denn längst nicht jedem Berliner ist klar, was er bedeutet, wenn er am Sonntag mit "Ja" oder "Nein" stimmt.

Lehmann gewinnt, wenn am Sonntag die Mehrheit der Teilnehmer des Volksentscheids mit "Ja" stimmen. Zugleich braucht er mindestens ein Viertel der Stimmberechtigten, also etwa 610.000 Ja-Stimmen. Momper - und mit ihm Bürgermeister Klaus Wowereit und der rot-rote Senat - gewinnt, wenn die Mehrheit mit "Nein" stimmt oder nicht genug Leute wählen gehen. Erbitterten Streit hatte es schon um den Wahltermin gegeben.

Im Zickzack durch die Hauptstadt

Pathetische Argumente und publizistisches Trommelfeuer bilden seit Wochen das Hintergrundrauschen aller politischen Debatten in Berlin; in Dutzenden Workshops und Diskussionsrunden streiten sich die beiden Lager. Grundsätzlich gilt: Union, FDP und Kirchen gegen die Senatsparteien SPD und Linke; bürgerliche West- gegen proletarische Ost-Bezirke, Gläubige gegen Atheisten. Doch es gibt viele Ausnahmen - im Zickzack geht es durch die Stadt.

Geografisch etwa gehören Mitte und Prenzlauer Berg zwar zu Ost-Berlin. Doch zwei Faktoren lassen die "Pro-Reli"-Leute hoffen: Viele der gutverdienenden Zugezogenen verstehen sich kulturell als bürgerlich, zudem lebten hier schon zu DDR-Zeiten viele, die sich in der Kirche engagierten.

Die strategischen und polemischen Attacken werden immer lauter und schriller. So fühlt sich Hans Joachim Meyer, Präsident des Zentralverbandes der deutschen Katholiken, an die DDR-Zeit erinnert; hinter dem Fach Ethik verberge sich "ein hohes Maß an Gleichförmigkeit".

Weniger heftig, aber inhaltlich ähnlich klingt das bei Wolfgang Thierse. Der Bundestagspräsident soll zwar für die SPD auf dem ersten Listenplatz in den nächsten Bundestagswahlkampf ziehen, doch die Position seiner Partei teilt er in puncto religiöse Erziehung nicht: Den staatlich verordneten Ethikunterricht lehnt er mit Verweis auf seine DDR-Erfahrung ab. SPD-Bundespolitiker wie Frank-Walter Steinmeier und Andrea Nahles haben sich ebenfalls für "Pro Reli" ausgesprochen.

Musikalische Grausamkeiten auf beiden Seiten

"Pro Reli" setzte von Anfang an in einer ziemlich professionellen Kampagne auf prominente Unterstützung. Für die Schlussoffensive ließ die Initiative 500 Großplakate aufstellen. "In Berlin geht es um die Freiheit", steht neben den Moderatoren-Gesichtern von Günther Jauch und Tita von Hardenberg. Die SPD konterte mit ebenso vielen Plakaten, auf denen eine Schulklasse zu sehen ist: "Religion oder Ethik? Wir machen beides." Nun warf die "Bild"-Zeitung der SPD "Schummelei" vor, weil das Plakat Schüler aus Seattle zeige, nicht aus Berlin.

Von all den skurrilen Blüten, die der Kulturkampf treibt, gehören die Wahl-Songs der Initiativen noch zu den putzigsten. Sowohl "Pro Reli" als auch "Pro Ethik" haben sie auf ihren Internet-Seiten verlinkt, bei "Pro Ethik" findet sich auch der Text zum Mitsingen. Beides sind gut gemeinte musikalische Grausamkeiten - anhören und mitgruseln.

Auch B- bis D-Promis ziehen in den Kulturkampf - oder werden von der hungrigen Lokalpresse hineingezogen. So distanzierte sich jüngst die Schauspielerin und Dschungelcamperin Desirée Nick von den Religionsfreunden, die sie zuvor unterstützt hatte. Nach einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Thema und der zugespitzten Argumentation von "Pro Reli" sei sie davon abgerückt, sagte die frühere Religionslehrerin Nick der Online-Redaktion des "Tagesspiegel". Bauernfangparolen warf sie den Gegnern des Ethikunterrichts vor - "und ich bin drauf reingefallen". So habe die Kampagne "bei mir angeklopft mit dem Argument, Religionsunterricht solle abgeschafft werden in Berlin. Da war ich natürlich dagegen."

Für "Pro Reli" wird es eng

In den christlichen Kirchen wiederum gibt es Gläubige, die sich gegen "Pro Reli" aussprechen. In einem offenen Brief beklagen die "Christen pro Ethik" einen "Demokratieverlust" in der Kirche. "Aktuell haben wir das Problem, dass wir innerkirchlich totgeschwiegen werden", kritisiert Sprecher Josef Göbel. Einen kritischen Pfarrer versuchte die Kirchenleitung bereits auf Linie zu trimmen.

Heiß umkämpft sind die anderen Religionsgemeinschaften und die Migranten-Verbände. Denn seit neben Katholiken und Protestanten zunehmend Muslime unter den Schülern sind, wird auch in anderen Städten die Frage nach einem zeitgemäßen Werteunterricht gestellt.

Der Türkische Bund Berlin-Brandenburg, der Türkische Elternverein und die Gemeinde Anatolischer Aleviten riefen am vergangenen Freitag dazu auf, bei der Volksabstimmung mit "Nein" zu stimmen - also für "Pro Ethik". Dagegen kann "Pro Reli" auf Unterstützung der Türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion bauen.

Umfragen verheißen ein Kopf-an-Kopf-Rennen, meist mit 51 zu 49 Prozent - mal für die eine und mal für die andere Seite. Für "Pro Reli" wird es schwer, genug Ja-Stimmen zu sammeln. 60 Prozent der Berliner sind konfessionell nicht gebunden, Christen klar in der Minderheit. Und die Wahlbeteiligung könnte ähnlich gering ausfallen wie beim vorangegangenen Volksentscheid zur Zukunft des Flughafens Tempelhof.

Viele Lehrer und Schüler, die man nach ihrer Meinung fragt, zucken mit den Schultern. So wichtig ist ihnen das Thema nicht.

Mit Material von dpa, AFP, ddp und AP

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