Rentner beim Konsolen-Boxen Wii geht denn das?

Jochen, Anita und Inge sind Ende 60, Werner ist 82. Jede Woche gehen sie kegeln, nun stellte ihnen das Jugendmagazin "Spiesser" eine Wii-Spielkonsole ins Wohnzimmer. Die Senioren bowlen ein wenig, spielen Baseball - aber erst beim Boxen geht es richtig rund: Körperschlag!

Von Cindy Kunath


Zum Sporteln braucht man Puste und vor allem: viel Platz. Deshalb noch schnell durchgeatmet und den Couchtisch aus dem Weg geräumt. Dann kann es auch schon losgehen. "Aber passt mir auf die Weingläser auf!", mahnt Anita ins Rentner-Rund. Werner und Jochen machen den Anfang und haben sich ihren Lieblingssport Bowling ausgesucht. Doch funktioniert das mit dieser seltsamen Fernbedienung überhaupt?

Inge: Du musst richtig nach hinten ausholen und dann wieder nach vorne kommen.

Werner: Jetzt aber schon den Knopf drücken, oder?

Inge (eigentlich noch vollkommen ahnungslos) : Ja, ja!

Da purzeln auch schon die ersten Kegel, die sogenannten Pins. Nun ist Jochen an der Reihe und merkt, dass man die Geschwindigkeit der Kugel durch den jeweiligen Kraftaufwand beim Wurf beeinflussen kann. Also noch mal, und diesmal mit Schmackes!

Jochen: Na bitte! Ich bin ein strammer Schieber!

Weitere Kugeln rollen mal mehr, mal weniger erfolgreich über die virtuelle Bahn.

Anita: Och nö. Der geht wieder links weg!

Wenn die Wii-Fernbedienung leicht geneigt wird, bekommt die Kugel einen kleinen Drall und rollt eben nicht einfach gerade aus, sondern auch mal nach links und rechts. Hätte man den Herrschaften aber auch mal vorher sagen können...

Jochen: Wie kommt denn das? Da muss ich am besten eine Holzlatte unter das Steuerding machen, damit das gerade bleibt. Hoppla, jetzt habe ich hier den Hebel wieder nicht gedrückt.

Anita: Nee, das Männeken rennt noch nicht!

Schließlich sind die Frauen dran. Denn nur lästernd auf dem Sofa sitzen gilt nicht. Sollen doch mal zeigen, wie die Kugel rollt! Da klingelt plötzlich das Telefon.

Jochen: Niemand da!

Anita: (nimmt ab) Frank, das geht gerade ganz schlecht. Kann ich dich zurückrufen? Ja? Bitte! Tschüss!

Und da liegt der Hörer auch schon wieder auf der Gabel. Nur wenige Sekunden hat das Gespräch gedauert. Das riecht aber schon stark nach Suchterscheinungen: Kontakt zur Außenwelt abwimmeln, Tunnelblick und weiterspielen. Also zurück aufs Parkett, die Damen sind dran. Doch was ist mit Inge? Sie hat die Fernbedienung nicht mehr unter Kontrolle. Die Kugel will einfach nicht so, wie sie sollte.

Werner: Du hast Mist gemacht. Nicht oben, du musst doch unten drücken!

Jochen: Hörst du denn nicht auf deinen Mann?

Werner: Nee, das macht sie nie.

Jochen: Inge spielt eben gerne oben rum!

Werner: Drücken und dann loslassen!

Jochen: Wir hacken dir noch den Daumen ab, wenn du immer oben drückst.

Die Drohung zeigt ihre Wirkung: Die Kugel rollt brav geradeaus. Die Damen schlagen sich unterdessen sehr gut. Um für etwas Abwechslung zu sorgen, suchen sich die Vier ein neues Spiel aus: Baseball. Anita und Inge trauen sich als erste.

Jochen: Ganz schön schwer.

Werner: Inge, du schlägst viel zu früh. Du siehst doch den Ball kommen!

Es ist aber auch verzwickt! Der Ball ist immer zu schnell oder zu langsam, und der Schläger macht auch nicht das, was er soll. Die Männer sind dennoch der Meinung, dass es einfach nur am fehlenden Können der Frauen liegt.

Inge: Ihr habt so eine große Klappe, jetzt macht ihr das mal!

Doch Werner und Jochen stellen sich nicht viel geschickter an. Da zweifelt man am besten erstmal am Sportgerät.

Jochen: Das Ganze hier leuchtet mir noch nicht ein.

Dann glückt endlich ein Schlag. Ein Zufallstreffer. Baseball ist doch nicht so das Wahre. Werner will lieber Boxen. Dafür braucht er aber noch eine zweite Steuerung.

Jochen: Ein Haufen Technik. Das wollen die Kinder haben, sowas? Um Gottes Willen!

Anita: Die Kinder sollen sich lieber nach draußen bewegen. Die sollen dort Sport machen, die sitzen doch so schon genug vor dem Fernseher oder Computer.

Werner: Ach, das hier können die schon machen. Das ist ja wenigstens nicht gewalttätig.

Jochen: Ja, man kann sagen, dass das schon eine niveauvolle Sache ist.

Anita: Für ein Altersheim wäre das Ding auch super. Um gegen den Bewegungsmangel vorzugehen. Warum sollen die nur singen oder künstlerisch aktiv sein?

Genug geredet. Werner möchte jetzt boxen und steigt in den Ring.

Anita: Da fliegen ja die Fetzen!

Jochen: Versuch mal die Nase zu treffen, mal sehen ob da Blut spritzt.

Anita: (ganz beeindruckt von Werners Technik) Mensch Werner, hast du früher mal geboxt?

Aber Werner kann grad nicht.

Inge: Ganz früher war er mal boxen, aber das ist schon lange her.

Die früheren Erfahrungen im Ring zahlen sich aus. Der virtuelle Gegner schnauft ordentlich, und Werner gewinnt durch einen klaren Punktsieg. Drei zu Null steht es am Ende des Kampfes. Die Siegesfreude steckt an, Jochen will auch mal.

Jochen: Na los. Komm her, ich bin gerade in Fahrt!

Inge: Schwitzt du schon?

Jochen: Freilich, das ist gar nicht so einfach.

Inge: Jetzt hast du dem aber eine verpasst!

Jochen: Puh, ich kann nicht mehr. Schluss aus. Da wird einem ja warm.

Anita löst Jochen von seinem schweren Kampf ab und teilt deftig aus. Ein Schulhofschläger ist nichts dagegen.

Inge: Anita geht gleich voll drauf.

Jochen: Der taumelt aber schon ganz schön.

Werner: Körperschlag! Wenn der noch einen auf die Leber kriegt, ist der fertig.

Jochen: Anita ist gefährlich. Ich habe in unserem Haushalt auch nichts zu lachen.

Ihrem Mann krümmt sie natürlich kein Haar, doch ihr Wii-Gegner hat nichts zu lachen. Er liegt völlig fertig am Boden und steht nicht mehr auf: K.o.

Jochen: Der atmet nicht mehr.

Anita ist nach ihrem erfolgreichen Boxkampf total begeistert.

Anita: Beim nächsten Hausfest wird Wii gespielt!

Von wegen Kaffee, Kuchen und seichte Volksmusik. Die Feste der Rentner werden in Zukunft zu richtigen Gamerpartys umgestaltet. Dem heutigen Gelächter und Trubel nach zu urteilen, wird es dann bestimmt ordentlich Ärger mit den Nachbarn geben. Au weia.



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