Werbeaktion im Unterricht Zweitklässler singen während der Schulzeit bei Rewe

"Rewe hat, was jeder mag, heisa, welch ein Freudentag": 70 Grundschüler aus Hannover haben bei einer Weihnachtsaktion im Supermarkt ein besonderes Lied gesungen - und dafür 500 Euro erhalten. Eltern und Schulbehörde sind entsetzt.

Kinder der Grundschule "In der Steinbreite" aus Hannover singen im Rewe-Markt
REWE

Kinder der Grundschule "In der Steinbreite" aus Hannover singen im Rewe-Markt

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Am Mittwochvormittag vor dem dritten Advent machten sie sich auf den Weg: 70 Zweitklässler und Lehrer der Grundschule "In der Steinbreite" in Hannover legten rund zwei Kilometer zurück, um pünktlich im Rewe-Supermarkt im Badenstedter Carré anzukommen.

Um 12 Uhr - zu dieser Zeit hätten die Kinder eigentlich Unterricht gehabt - begann nämlich ihr Auftritt in dem bereits weihnachtlich geschmückten Supermarkt. Vor den Regalen stellten sich die Kinder auf, mit Weihnachtsmützen auf dem Kopf, und sangen ein Lied, das auf die Melodie von "Morgen Kinder wird's was geben" eigens für diesen Zweck umgedichtet worden war (den gesamten Liedtext lesen Sie hier):

"Heute Leute, wird's was geben.
Mit Rewe können wir uns freu'n.
Ein großer Scheck ist zu vergeben.
Für'n guten Zweck, kommt alle rein!
Heisa, heut im Rewe Markt.

So ein lust'ger Tag ist heute, weil wir jetzt bei Rewe sind.
Tanzen, singen, all die Leute.
Kommt und macht doch mit geschwind!
Schöne Wette, schöner Tag,
heisa, heut im Rewe Markt.

Rewe hat, was jeder mag,
heisa, welch ein Freudentag!"

Freude herrschte tatsächlich, nicht nur bei den Kindern, die einen Ausflug machen konnten und bei Rewe, die ihre Marketingaktion "Weihnachtswette" erfolgreich umsetzen konnten, sondern auch bei der Schule: Der Förderverein der Schule erhielt für den Auftritt der Kinder 500 Euro. Der Scheck samt Rewe-Logo wurde im Anschluss in der Schule ausgehängt, das Geld soll in ein Schulprojekt zur Gewaltprävention fließen.

Gar nicht freudig, sondern entsetzt, zeigten sich jedoch einige Eltern: "Wäre es ein ganz normales Weihnachtslied gewesen, hätte ich wahrscheinlich gesagt: Ich finde die Aktion nicht super, aber okay", sagt ein Elternteil, das anonym bleiben möchte. "Dieser Liedtext allerdings macht mich fassungslos." Auch, dass die Kinder das Lied während der Schulzeit geübt haben. "Den Unterricht von Zweitklässlern mit solchen Inhalten zu füllen, empfinde ich als Gehirnwäsche und halte ich für nicht tragbar."

Die Grundschule fand das jedoch okay und sah offenbar vor allem den finanziellen Nutzen der Aktion. Bereits im Sommer hatte der Rewe-Markt tausend Euro gespendet. Und auch an anderen Schulen in der Gegend ist Sponsoring von Firmen und Sparkassen üblich. Bei der Schulbehörde hat die Grundschule solche Aktionen bislang nicht angemeldet, auch in diesem Fall nicht.

Da gerade Kinder und Jugendliche sehr anfällig für Werbung sind, gibt es an Schulen ein Werbeverbot. Sobald es sich um Sponsoring, die Durchführung von Werbeverträgen oder Spenden handelt, muss laut niedersächsischem Kultusministerium die Landesschulbehörde eingebunden werden. Dies gilt allerdings nicht für Aktivitäten von Schulfördervereinen - so wie in diesem Fall.

Dennoch tadelt die niedersächsische Schulbehörde: "Die Proben und der Auftritt im Rewe-Markt hätten nicht während der Unterrichtszeit stattfinden dürfen. Aktionen des Fördervereins müssen nachmittags, außerhalb der Schulzeit durchgeführt werden und vor allem freiwillig sein - sie dürfen für Eltern und Kinder nicht wie eine schulische Aktivität wirken." Und: Die Behörde hätte ihrerseits Schulen nicht ermutigt, an der Rewe-Weihnachtswette teilzunehmen.

Die Rewe-Wetten finden laut Konzern seit "mindestens zehn Jahren" bundesweit statt: Schulklassen, Kita-Gruppen oder andere Vereine singen zum Beispiel in einem der Supermärkte und bekommen dafür einen Scheck. Der "lokal integrierte Marktverantwortliche würde damit gesellschaftliches Engagement mit einem Gaudi verbinden", so die Rewe-Pressestelle. Wo und wie häufig solche Gaudi stattfinden, ist dem Handelsunternehmen zwar nicht bekannt, aber Beschwerden habe es bislang noch keine gegeben.

Tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass Rewe mit einer Schüleraktion in die Kritik gerät. In Hessen fand in diesem Jahr die Aktion "Sauberhafte Rallye 2017" statt, bei der Kita- und Schulkinder in Rewe-Märkten in Sachen Umweltschutz geschult und mit Geschenken samt Rewe-Logo bedacht werden sollten. Doch der Druck von entsetzten Eltern und Schülern, der Lehrergewerkschaft GEW und LobbyControl wurde zu groß: "Die Kinder werden während der Betreuungs- oder Unterrichtszeit im Auftrag dieses Konzerns als Marketingmaßnahme benutzt", teilte die GEW mit - woraufhin die Aktion gestoppt wurde.

Bundesweit sind Unternehmen an Schulen aktiv

Bundesweit sind immer mehr große und kleine Unternehmen an Schulen aktiv. Chips- und Schokocreme-Hersteller sponsern Sporttage, Versicherungen und Banken schicken ihre Mitarbeiter in die Klassen, und Hunderte Firmen, Stiftungen und Interessenverbände bieten Unterrichtsmaterialien zu ihren Themenfeldern an. Und die meisten Schulen sind dankbar über jeden Euro.

In den meisten Bundesländern gilt dabei so wie in Niedersachsen: "Zuwendungen, die mit einem Werbeeffekt verbunden sind (Werbung, Sponsoring), können entgegengenommen werden, wenn der Werbeeffekt hinter dem pädagogischen Nutzen deutlich zurückbleibt." Im Falle der Grundschule in Hannover scheint der pädagogische Nutzen aber deutlich unter die Werbewirkung zurückzutreten, so Fabian Kaske von LobbyControl.

Die niedersächsische Schulbehörde möchte den Ausflug zu Rewe nun "aufarbeiten".

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insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
thenovice 22.12.2017
1. Wes' Brot ich ess....
des Lied ich sing.... Das passiert also, wenn man Schulen immer weiter finanziell beschneidet... Allein die Tatsache, dass ein Förderverein nötig ist um Gelder für die Schule ein zu sammeln, spricht für sich... Ferner ist es erschreckend festzustellen, dass sich Firmen wie Heuschrecken über Schulen hermachen, als den letzten verbliebenen werbefreien Raum. Vermutlich ein Markt/ Geschäft mit Riesenpotential. Kinder sind aber das Potential für die Gesellschaft und nicht für die Konzerne... Wehret den Anfängen...
Polemski 22.12.2017
2. Vermutlich
sollte ich jetzt diese Aktion verteufeln, aber leider kann ich das nicht. Warum nochmal GENAU haben die Schüler gesungen? Ach ja... um Geld zu erhalten. Wofür? Ach ja.. für den Schulverein. Was macht nochmal ein Schulverein? Ach ja.. er unterstützt schulische Unternehmungen und Anschaffungen. Was überhaupt nicht nötig wäre, wenn schulische Aktivitäten und Equipment nicht finanziell unterstützt werden müssten. Also.. bevor Eltern und Schulbehörde weiter Schnappatmung haben, weil die lieben Kleinen wahrscheinlich das REWE-LOGO nicht mehr aus dem Kopf bekommen... erst einmal nachdenken, wer tatsächlich Verursacher solcher Aktionen ist.
shotaro_kaneda 22.12.2017
3.
Irgendwie müssen die Konsumenten von morgen doch Markenbewusstsein entwickeln und ans Unternehmen gebunden werden. Aber Spaß bei Seite. Rewe darf gern Geld an Schulen spenden. Dafür darf Rewe aber keine Gegenleistung von den Schülern erwarten. Das ist dann nämlich keine Spende mehr, sondern schon sehr viel näher an Kinderarbeit. Und die Steuerfahnder dürfen auch gerne ermitteln, falls das Unternehmen solche Spenden von der Steuer absetzen möchte. Man sollte den Fall sicherlich nicht so hoch hängen, aber Unternehmen dürfen sich in unserem Land teilweise viel zu viel erlauben. Wie wärs denn, wenn Rewe die Schüler mal in den Schlachthof oder in den Viehstall einlädt, damit die Kinder mal sehen, wie ihr Essen so entsteht. Da wäre Rewe aber zu feige, könnte ja schlechte Publicity geben und die Schüler könnten nochwas lernen.
kanie78 22.12.2017
4. Also sind hier...
Zweitklässler ohne die Einwilligung der Eltern (hätte auch nix geändert) als Werber tätig gewesen, was gegen das Jugendschutzgesetz verstößt (außer der Zweitklässler ist bereits 13 Jahre alt.... ). Prima Aktion Rewe! Wäre ich hier Elternteil würde ich jetzt echt sauer sein.
fördeanwohner 22.12.2017
5. -
Dann sollten die verantwortlichen Behörden mal dafür sorgen, dass alle Schulen so gut ausgestattet sind, dass niemand auf die Idee kommt, an einem solchen kommerziellen Wettbewerb teilzunehmen. It's as simple as that.
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