Doku-Soap "Richtig (v)erzogen" Hämisch statt harmlos

Der Fernsehsender Vox zeigt in einer neuen Doku-Reihe angeblich Eltern, die nur das Beste für ihre Kinder wollen. In Wahrheit weidet sich die Sendung am unterstellten Unvermögen ihrer Protagonisten.

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Wie geht Kindererziehung? Für Simone steht fest: "Ich bin auf jeden Fall autoritär." Die 51-jährige Brillenträgerin sächselt stark und sitzt im befransten Indianerkostüm vor der Kamera.

Ihre drei Kinder erzieht sie nach dem Prinzip des Wolfsrudels. So sieht sie sich als die Leitwölfin, die ihre Kinder anführt, sie aber auch die Namen von Wildblumen abfragt und ihnen im familieneigenen Tipi Räucherrituale beibringt. Ach ja, von Hartz IV lebt Simone auch, wie ein Laufband flink informiert.

In seiner Dokusoap-Reihe "Richtig (v)erzogen" stellt der Sender Vox eigenen Angaben zufolge Eltern vor, die nur das Beste für ihre Kinder wollen und dementsprechend ihr Leben und ihren Alltag gestalten. Klingt harmlos. Angesichts erregter Debatten um die richtige Erziehung könnte man also durchaus versucht sein, die Sendung als Pulsmesser für die erziehungsverwirrte Nation zu sehen.

Wie gehen Eltern und Kinder heute miteinander um? Nicht nur Simones Beispiel zeigt aber: Darum geht es den Machern nicht ernsthaft. Lieber weiden sie sich genüsslich an dem unterstellten Unvermögen der hier gezeigten Väter und, natürlich, vor allem Mütter.

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"Richtig (v)erzogen" auf VOX: Schwache Menschen zum Gespött gemacht

Zu Simone gesellt sich die aus der Ukraine stammende Olena, die ihre Tochter zu einer berühmten Opernsängerin aufbauen will und findet, sie habe "ein schönes Kind gemacht", dem aber Lob eher schade und Kritik weiterhelfe beim großen Karriereziel.

Und dann ist da noch Alexandra, die sich Shereb Paldem nennt und mit ihren beiden Töchtern als Nonne in einem buddhistischen Kloster lebt. Das Leben dort, so gibt sie sich überzeugt, sei absolut kindgerecht.

Seit Jahren schon schütten vor allem Privatsender ein ganzes Füllhorn an Erziehungsformaten über dem Zuschauer aus, von "Erziehungs-Alarm!" bei Sat.1 bis zur legendären "Super-Nanny" bei RTL. Das Thema ist halt immer aktuell. Dass es aber auch durchaus seriöse Versuche gibt, in die Köpfe kleiner Menschen zu schauen, zeigte gerade erst die ZDF-Doku "No more boys and girls".

Hin und Her zwischen Eltern und Kindern

Die Reihe "Richtig (v)erzogen" ist nicht ganz neu, 2017 gab es bereits vier Folgen. Nun soll es weitergehen. Die Macher haben sich ein einfaches Bauprinzip ausgedacht, nach dem ihre Sendung funktioniert: Zuerst sagen die Eltern in die Kamera, was sie sich so denken bei ihrer Erziehung, dann reagieren getrennt von ihnen die Kinder darauf.

Das läuft dann so: Ist das Leben im Kloster wirklich so toll? Naja, meinen Shereb Paldems Kinder, rennen und laut sein dürften sie im Kloster nicht, was doof sei, und auch, dass ihre Mutter mit ihnen nicht ins Kino oder wenigstens ins Internet ginge.

So hebt ein fröhliches Hin und Her zwischen Eltern und Kindern an, das zum Ziel aber keinen Erkenntnisgewinn hat. Die Parallelmontage rückt die Protagonisten mittels einer unterschwellig gehässigen Dramaturgie vielmehr in ein mindestens zweifelhaftes Licht, erbarmungslose Häme inklusive.

Simones Kinder äußern sich in den Interview-Schnipseln genervt von den Indianerritualen ihrer Mutter, ihre Tochter sei in der Schule schon gemobbt worden. Warum genau, das zeigt die Sendung nicht, aber, so die Botschaft: hat bestimmt was mit der seltsamen Mutter zu tun.

Bei der angehenden Opernsängerin bringen die Macher, besonders perfide, den getrennt von ihr lebenden Vater ins Spiel, der im Gespräch mit dem Töchterchen gleich ans Eingemachte geht: "Und, wie kommst du gerade mit Mama klar?"

Nicht gut natürlich, und das scheint ganz im Sinne der Macher von "Richtig (v)erzogen" zu sein. Vor allem sozial schwache Menschen in den verschiedensten Kontexten gegeneinander auszuspielen und zum Gespött zu machen - dieses Unterhaltungsmodell einiger Privatsender perfektioniert auch "Richtig (v)erzogen". Erziehung wird hier vor allem als großes Scheitern gezeigt.

Nicht einmal für das Nötigste scheinen diese Eltern sorgen zu können. Beispiel Shereb Paldem: Ihre Kinder sollen sich morgens ihr Schulbrot selber schmieren, weil die Mutter in einer Bäckerei arbeitet. Dort verabschieden sie sich von ihr. "Essen dabei?", fragt Shereb. "Ja, aber wenig", antwortet die ältere Tochter. Ob das nun stimmt oder nicht, ob es die Regel ist oder nicht - für solche Feinheiten interessiert sich "Richtig (v)erzogen" nicht. Die Mutter ist jedenfalls nicht richtig für ihre Kinder da, das bleibt hängen.

Mit Verkürzungen und Unterstellungen dieser Art ist "Richtig (v)erzogen" kein Beitrag zu einer sinnvollen Diskussion um Eltern, Kinder und Erziehung. Eher Öl im Feuer einer ohnehin schon emotionalisierten Debatte.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
zeichenkette 26.11.2018
1. Professionelles Trollen in der Aufmerksamkeitsökonomie
Opfer aussuchen, zum Abschuss freigeben, Profit! Und das Opfer freut sich noch über die Werbung, denn: Auch schlechte Aufmerksamkeit ist gute Aufmerksamkeit. Nur die Kinder, die finden das immer Sch..., denn DIE konnten sich das nicht aussuchen. Die sind praktisch nur der Treibstoff, der dafür verbrannt wird, damit es toll qualmt und stinkt und die Reifen quietschen. Dafür hat man sie ja schließlich, oder? Oder?
hansa_vor 26.11.2018
2. Die Sendung
"Dass es aber auch durchaus seriöse Versuche gibt, in die Köpfe kleiner Menschen zu schauen, zeigte gerade erst die ZDF-Doku "No more boys and girls"." Ist genauso unseriös oder "versucht seriös" ;) wie die anderen hier benannten Formate. Offenbar liegt das oben zitierte Format mehr auf "Wellenlänge" mit der Autorin und somit wird nicht näher auf die "versuchte Seriösität" eingegangen. Schade, eigentlich.
niska 26.11.2018
3.
Solche Formate sind prinzipiell Blödsinn und eher spaltend, da sie niemals die wahrscheinlich mehr als 80% größtenteils normalen Familien abbilden wollen. Man ist geil auf Freaks und geil auf Quote. Daher Pseudodoku. Aber manche schauen es an um sich selbst ein bisschen besser und überheblich zu fühlen.
flo_bargfeld 26.11.2018
4. Ach nee.
"In Wahrheit weidet sich die Sendung am unterstellten Unvermögen ihrer Protagonisten." Worauf basiert denn Euer eigenes Geschäftsmodell bei Spiegel TV?
zeichenkette 26.11.2018
5.
Zitat von hansa_vor"Dass es aber auch durchaus seriöse Versuche gibt, in die Köpfe kleiner Menschen zu schauen, zeigte gerade erst die ZDF-Doku "No more boys and girls"." Ist genauso unseriös oder "versucht seriös" ;) wie die anderen hier benannten Formate. Offenbar liegt das oben zitierte Format mehr auf "Wellenlänge" mit der Autorin und somit wird nicht näher auf die "versuchte Seriösität" eingegangen. Schade, eigentlich.
Na, da ist wohl eine Empfindlichkeit einer Schneeflocke irgendwie getriggert worden, wenn das alles ist, was Ihnen zu diesem Artikel einfällt, oder?
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