Rollergirls Rasende Anti-Barbies

Sie geben sich Kampfnamen wie "Rambona" oder "Blitzkrieg Baby". Dann rempeln sie mit Rollschuhen und Miniröcken drauflos: Eine Stuttgarter Mädchencrew pflegt einen schrillen Frauensport, bei dem es um punkige Outfits, rasante Rennen und derbe Bodychecks geht.

Aus Stuttgart berichtet


Bevor Ramona Pfarr ihrem Namen das martialische "B" hinzufügt, flicht sie sich Zöpfe ins lange braune Haar. Sie schlüpft in ihre pinkfarbenen Leggins und zieht darüber zerrissene Netzstrümpfe. Sie legt ihre Protektoren an und zurrt den Helm fest, auf dem über der Stirn ein kleiner Totenkopf klebt. Die Beißschiene, die während des Rennens ihre Zähne schützen soll, baumelt an einem Gummiband.

Ihre Gegnerinnen sollen sie fürchten lernen. Denn für den Rest dieses Abends trägt die 23-Jährige ihren Künstlernamen - sie heißt jetzt "Rambona".

Rambona ist Teil einer Mädchencrew, wie es sie nur einmal in Deutschland gibt. Sie geben sich Kampfnamen wie "Blitzkrieg Baby", "Miss Tsunami" und "Dolly Bust Her", sie sind bewaffnet mit Minirock, Netzstrümpfen und Pippi-Langstrumpf-Zöpfen. Und sie schrecken vor Schlägereien nicht zurück – solange sie Rollschuhe unter den Füßen tragen. Die Stuttgart Valley Rollergirlz sind 40 Mädchen mit Leidenschaft fürs Extrem-Skaten, das Rollerderby.

Rollerderby ist ein Frauensport, kommt aus Amerika und sieht aus wie Football unter Punk-Barbies. Rempeln, Schubsen und Massenkarambolagen sind dabei nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich erwünscht; schrille Outfits in Pink und Schwarz sind ein Muss.

Weiblich, wild, ungebremst

In den Staaten existieren mehr als 100 Ligen. Die Szene wächst auch in Deutschland, in Hamburg und Berlin werden neue Gruppen gegründet. An diesem Septemberabend findet das zweite große Rennen in der zweijährigen Geschichte der Stuttgarter Mädchengang statt. Die britischen "London Rockin' Rollers" sind angereist, um sich mit den Schwäbinnen um den "Goldenen Rollschuh" zu raufen.

Auch Eva Steinhoff, die sich "Stuntgirl Eva" nennt, ist mit von der Partie. Sie trägt die punkige Rollerderby-Optik nicht in pink, sondern in schwarzweiß als Zeichen einer Schiedsrichterin: Minirock, Ringelstrümpfe, Lippenpiercing, schwarz lackierte Fingernägel und das blondierte Haar in kleinen Zöpfchen. "Ich habe einfach nicht genug trainiert in der letzten Zeit. Ich wäre nicht gut genug um mitzufahren", sagt die 22-Jährige.

Denn ein Rollergirl muss sich wappnen für den Kampf: Ausdauer, Tempo und Reaktionsvermögen braucht sie, außerdem muss sie Fahrerinnen in voller Fahrt blocken können. "Zuerst aber lernt man das richtige Hinfallen", sagt Eva. Wenn eine Gegnerin von hinten schubst, kippt die Fahrerin auf die Knie, als schlüge jemand einen Stock in ihre Kniekehlen. Und wer nach einem derben Bodycheck den Boden küsst, muss binnen von drei Sekunden wieder auf die Füße springen. Aufstützen gilt nicht: "Die Hände sind platt, wenn die nächste drüber fährt."

Endlich den Kopf frei kriegen

Rollerderby-Frauen benehmen sich nicht gerade ladylike. Blaue Flecken und Schürfungen sind normal. Die Füße werden mit Tape umwickelt, um allzu hässliche Blasenbildung unter der dicken Hornhaut zu vermeiden. Beim letzten Rennen verließ Fahrerin "Dirty Härry" die Halle mit Knöchelbruch, "Noxious Angel" trug vier Wochen eine Schiene am Knie. Auch an diesem Abend haben die Rollergirls zwei Rettungssanitäter zum Rennen bestellt.

"So können wir eine andere Seite ausleben", sagt Stuntgirl Eva, deren Kampfname an eine gewalttätige Quentin-Tarantino-Figur angelehnt ist. "Wir dürfen sein, was wir sonst nie sind: aggressiv und handgreiflich. Das macht den Kopf frei."

Ursula Cornelison, 20, sieht das anders. "Fahren will ich nicht, das ist mir zu wild. Ich bin lieber Mädchen für alles", sagt das zierliche Mädchen, das sich einen Rollergirlz-Aufkleber auf die Hot Pants geklebt hat. Alle paar Minuten wackelt Ursula auf Plateau-Sohlen durch die Arena und hält eine Tafel mit dem Spielstand über ihren Kopf. Ihr Künstlername: Score Whore, die "Spielstand-Hure".

Männliche Zuschauer sind entzückt

Das ganze als Sport zu bezeichnen, würde wohl ohnehin zu kurz greifen. Rollergirl zu sein, das heißt für die Mädchen, Rollenklischees abzulehnen. Auch wenn sie sich wie Pin-up-Girls zurechtmachen, benehmen sie sich derb wie Bäuerinnen, wollen Emanzen und Sexsymbole zugleich sein. Der Ruf, feierfreudig und trinkfest zu sein, eilt den Rempelröcken ebenfalls voraus. Nicht umsonst hat ein Whisky-Hersteller die Trikots gestiftet.

Doch alle Coolness schwindet, als die letzten Minuten vor dem großen Rennen anbrechen. Die Mädchen haben weiche Knie: Der Gummibelag der Sporthalle ist viel zu glatt. Kurzerhand leeren die Fahrerinnen ein halbes Dutzend Cola-Dosen auf der Fahrbahn aus, eine Schiedsrichterin wischt mit dem Mop nach. Vielleicht sorgt klebrige Limo für ein bisschen Bodenhaftung.

Dann geht'los: Jeweils vier Spielerinnen jeder Mannschaft positionieren sich an der Startlinie, kurz dahinter zwei "Jammerinnen", jene Fahrerinnen, die per Überholmanöver punkten können. Ein Pfiff - und die Miniröcke fliegen um die Kurven der ovalen Rennstrecke. Das Publikum johlt. In fast jeder Kurve rasen die Mädchen in die Bande oder werfen sich in halsbrecherischen Karambolagen übereinander. "Die steht nicht wieder auf", schießt dem Zuschauer bei den Crashs durch den Kopf. Doch Rambona kann was ab, die rappelt sich hoch, schiebt die Beißschiene zurecht, holt wieder auf.

"Hängt sie einfach ab!"

Laut dröhnt Punkrock von den Ramones und den Buzzcocks aus den Boxen, und in der Sporthalle knubbeln sich die Zuschauer, vorwiegend Männer. "Das sollte sich jeder Mann mal ansehen", ruft Zuschauer Marcel Meek, 22, als die Londoner Fahrerin Metallicat fast auf seinem Schoß landet, "das ist Entertainment pur".

Zur Halbzeit führen die Rollergirls hitzige Debatten in der Kabine. Der Punktevorsprung ist geschmolzen, die Gegnerinnen sind viel stärker als erwartet. Nun wird aus dem bunten Kostüm-Spaß doch noch Ernst. "Ich bin fast wütend", sagt Rambona mit roten Backen. "Die gehen immer alle sofort auf mich los! Weil ich Bodychecks auch austeile, werde ich jetzt in jeder Runde sofort geblockt!" Trainerin Miss Tsunami versucht zu beruhigen. "Hooly Girl und Jack Attack sind beschissen starke Blocker", sagt die Amerikanerin auf Englisch. "Aber wir können schneller skaten als die. Hängt sie einfach ab, Ladies. Skate them out!"

Doch so ganz klappt das an diesem Abend nicht. Mit einem Endergebnis von 81 zu 76 Punkten nehmen die Londonerinnen den goldenen Rollschuh mit nach Hause. Jubelnd fallen sich die Fahrerinnen in die Arme, schwenken Prosecco-Dosen und gröhlen "I love Rock'n'Roll" von Joan Jett.

Die Stuttgarterinnen sehen's gelassen und feiern mit. "Da fährt jetzt mein erster Rollschuh nach England", seufzt Dolly Bust Her, die ihre alten Skates mit Sprühfarbe zur Trophäe aufgemöbelt hatte. "Schade. Aber nächstes Jahr hol ich mir den wieder."



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