Problemschule in Berlin-Neukölln Was wurde aus der Rütli-Schule?

Gewalt, Angst, Sprachbarrieren: Die Berliner Rütli-Schule wurde im Frühjahr 2006 zum Symbol für das Versagen der Hauptschulen. Wie steht die Schule heute da? Ein Besuch.

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Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Simon Klippert hat ein Foto mitgebracht. Er stellt den Beamer an, und da sind sie: sieben Jungs, schwarz gekleidet, mit Rapperketten und Kapuzenpullis. Einer hat sich das Gesicht mit einem Tuch vermummt, alle starren mit finsteren Blicken in die Kamera.

Die 13 Jugendlichen in dem abgedunkelten Klassenzimmer starren zurück. Sie kennen das Gebäude im Fotohintergrund, es ist ihre Schule. Den Rest der Geschichte kennen sie nur aus Zeitungsartikeln und den regelmäßigen Politikerreden drüben in der Aula.

Die Geschichte handelt von einer Schule, an der Unterricht kaum mehr möglich war, an der Gewalt herrschte und an der Lehrer Angst vor ihren Schülern hatten - und wie diese Schule innerhalb eines Jahrzehnts zu einer Vorzeigeschule wurde, an der Kinder jedweder Herkunft gemeinsam lernen und Abitur machen. Tatsächlich: Die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln hat es geschafft. Was hat es dafür gebraucht? Wie ist es dort heute? Und was können andere sogenannte Brennpunktschulen davon lernen?

Zunächst ein Blick zurück: Im Frühjahr 2006 schrieben die Lehrer der Rütli-Hauptschule einen offenen Brief. Es war ein Hilferuf an die Politik: Sprachbarrieren und Gewalt machten das Unterrichten unmöglich, schrieben die Lehrer. Intensivtäter würden zum Rollenvorbild, Lehrer mit Gegenständen beworfen, Türen eingetreten und Knallkörper gezündet.

Schüler der Rütli-Schule im März 2006
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Schüler der Rütli-Schule im März 2006

Rütli wurde über Nacht zum Inbegriff für das Versagen des Schulsystems im Allgemeinen und der Hauptschule im Besonderen. Reporter und Fotografen belagerten den Schulhof, angeblich sollen Schüler dafür bezahlt worden sein, sich möglichst bedrohlich auf den Fotos zu inszenieren.

Im Frühjahr 2018 diskutieren die 13 Schüler des Wahlpflichtkurses Deutsch, 11. Klasse, mit ihrem Lehrer Simon Klippert über ein weiteres Foto. Aufgenommen auf demselben Schulhof, elf Jahre später. Lachende Gesichter unter schwarzen Doktorhüten, viele Mädchen, ein paar Jungs: Es ist der vierte Abiturjahrgang der Rütli-Schule, die Überschrift des dazugehörigen "Tagesspiegel"-Artikels lautet: "Die Lehrer hier glauben an uns".

"Was ist passiert?", fragt Klippert, 34, der Einzige im Raum mit Kapuzenpulli. Eine Hand geht hoch, dann eine zweite. Klippert dreht auffordernd seine Hand im Kreis. "Ich brauche mehr Leute, los, kommt, das kennt ihr!" Ghufran in der zweiten Reihe liest aus dem Artikel vor, von der Fusion, die 2009 aus der Rütli-Hauptschule, der nahe gelegenen Schubert-Grundschule und der im gegenüberliegenden Gebäudeflügel beheimateten Heinrich-Heine-Realschule die Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli machte.

Eröffnung der neuen Quartierssporthalle auf dem Campus Rütli im November 2012
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Eröffnung der neuen Quartierssporthalle auf dem Campus Rütli im November 2012

Dieser Campus Rütli, kurz CR2, verbindet auf vorher unbekannte Weise Schule, Kitas, Jugendfreizeitheim, Gesundheitsdienst, eine Berufswerkstatt und bald auch ein neues Stadtteilzentrum miteinander. Während Bezirk, Stadt und Sozialeinrichtungen anderswo oft noch jeweils ihr eigenes Ding machen, setzen sich in der Rütlistraße alle Verantwortlichen einmal im Monat zusammen, sprechen über neue Ideen und Projekte, stimmen sogar ihre Personalauswahl miteinander ab.

Neben diesem außergewöhnlichen Kraftakt waren es auch die engagierte neue Schulleiterin, neue pädagogische Ansätze, Kooperationen mit Kultur- und Spracheinrichtungen der Stadt und letztlich die Gentrifizierung des ganzen Stadtteils, die dazu führten, dass die Rütli-Schule vom Problemfall zur Vorzeigeschule wurde.

Vorreiter der Schulreform

Und es war kein Neuanfang allein dort, Hauptschulen gingen ein Jahr später in ganz Berlin in neuen Schulformen auf, meist in sogenannten Sekundarschulen. Und so wie Rütli das Scheitern der Hauptschule symbolisierte, wurde es dann zum Vorreiter der Berliner Schulreform.

Ganz hinten rechts in Klipperts Kurs sitzt Fatma El-Ahmad, knapp 17. Nach der Stunde erzählt sie, dass sie selbst Lehrerin werden möchte. Für Mathe, denn sie kann gut rechnen. Oder vielleicht doch Immobilienmaklerin und erst mal Geld verdienen? Nein, Lehrerin. Also wahrscheinlich. Denn wenn sie eines gelernt habe hier an der Rütli-Schule, dann "dass die Lehrer den Unterschied machen". Lehrer wie Simon Klippert womöglich, studierter Gymnasiallehrer, der auf die Frage, warum er nicht an einem traditionellen Gymnasium unterrichtet, antwortet: "Bloß das nicht. Hier bin ich viel näher dran an den Jugendlichen."

Cordula Heckmann
Jan-Martin Wiarda

Cordula Heckmann

In ihrem Büro im Erdgeschoss steht derweil Cordula Heckmann vor dem Projektplan an der Wand. Hier sind sie alle abgebildet, die großartigen Bauvorhaben, die die Politik dem Campus Rütli schon vor einem Jahrzehnt versprochen hat. Damals war Heckmann noch Rektorin der Heine-Realschule, von Rütli nur durch den Pausenhof getrennt und doch in einer anderen Welt.

Seit der Fusion ist die 59-Jährige Direktorin und CR2-Campusleiterin. Sie sucht ihre Lehrer genau aus, sie motiviert und erklärt die Idee ihrer Schule nach innen und außen. Und sie will, dass die Schule auch in die Familie der Jugendlichen hineinwirkt. "Kein Kind, kein Jugendlicher geht verloren", lautet das Rütli-Leitbild.

Wer nun behaupte, ihre Schule habe deshalb irgendeine Sonderbehandlung genossen, dem erzählt Heckmann von dem jahrelangen Warten, bis es neulich endlich mal losging mit den Bauarbeiten. Oder sie führt ihn durch die Schulflure mit den aufgerissenen Decken. Nein, die strahlende Wandlung der Rütli-Schule lässt sich bislang nicht durch Äußerlichkeiten belegen. "Wir haben auch nie mehr Mittel bekommen als andere Schulen in Berlin mit einer vergleichbaren sozialen Zusammensetzung", betont Heckmann.

Fotostrecke

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Rütli-Schule in Neukölln: New School on the Block

Damit meint sie die jährlichen 100.000 Euro aus dem sogenannten Bonusprogramm für Schulen, an denen mindestens die Hälfte der Schüler aus armen Familien stammt. Oder auch die Sozialarbeiterin, die jeder Brennpunktschule zusteht.

Gut und schlecht zugleich: Dieses Schuljahr ist die Rütli-Schule zum ersten Mal aus der höchsten Bonusstufe gekippt. Die Zusammensetzung ihrer Schüler ändert sich so wie der Kiez in Nord-Neukölln, wo in den vergangenen Jahren viele Biosupermärkte, Szenekneipen und Weinläden aufgemacht haben. So ist der Wandel der einstigen Problemschule auch der Wandel eines einstigen Problemkiezes.

Vor zwölf Jahren lebten 85 Prozent der Schüler von staatlichen Transferleistungen, heute sind es 72 Prozent. Vor zwölf Jahren war Deutsch nur bei 15 Prozent der Schüler die Muttersprache, heute spricht in den unteren Rütli-Klassen schon die Hälfte der Kinder zu Hause deutsch. Die andere Hälfte spricht arabisch, türkisch, schwedisch, italienisch, englisch. Die ideale Zusammensetzung sei das, sagt die Grundstufenleiterin Christina Eichholz. Die Demografie stabilisiere sich jetzt im Kiez, hofft sie.

Jedoch: Die Mieten steigen weiter, die Verdrängung der bisherigen Bevölkerung setzt sich fort. Es bleibt zu hoffen, dass die Rütli-Schule ihre Vielfalt behält.

SPIEGEL TV über Leben im Brennpunkt - Neukölln (2008)

SPIEGEL TV
Was wurde eigentlich aus...
    Außerdem in dieser Serie erschienen: Nokia, Hamburgs Ex-Bürgermeister Ole von Beust, Talkshowmoderatorin Arabella Kiesbauer, Ehec, Steinkohlebergbau, Radstar Jan Ullrich, Ägyptens Ex-Diktator Hosni Mubarak, Aids, Deutschlandstipendium, Transrapid, Dioxin, Prokon, Chatportal Knuddels, "Costa Concordia" und viele mehr.
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SNOWSTAR 01.04.2018
1. auf die Lehrer kommt es an
Bevor hier wieder wie üblich Lehrern in den Mund geredet wird: ich bin selber Lehrer und unterrichte an einem sozialen Brennpunkt in einer hessischen Großstadt und das freiwillig. Keiner von den angeblichen Bekannten, die einige haben und die angeblich zusehen, dass sie da so schnell wie möglich weg kommen. Zum Referendariat habe ich darum gebeten, an eine solche Schule zu kommen, danach durfte ich da bleiben. Ich kann mir nichts anderes vorstellen! Tatsächlich kann man mit solchen Jugendlichen sehr, sehr gut arbeiten, wenn man weiß, wie man sie zu packen hat. Respekt und gegenseitige Anerkennung sind ebenso essentiell wie ein offenes Ohr und Empathie. Das merken diese Schüler und nehmen es auch an. Wie schrieb die ehemalige Rektorin der Rütli-Schule in ihrem lesenswerten Buch? "Nun aber erwarten Migrantenkinder Interventionen, sie wollen erst- und wahrgenommen werden - auch in ihrer Frechheit und Verweigerung. Autorität verstehen und billigen sie. Autoritäres Gehabe und feige Indifferenz erkennen und verachten sie". Man muss mit diesen Jugendlichen auch arbeiten wollen, das ist schon die halbe Miete. Daneben müssen Schulleiter sich ihre Lehrer auch aussuchen können, statt nach einer Rangliste gehen zu müssen, wie in Hessen. Und Schulleiter müssen sich auch darum kümmern wollen, wer an ihre Schule kommt. Eine Brennpunkteschule steht und fällt mit ihren Lehrern. Haben die Schüler die Oberhand, wird es schwierig. Rütli hat das Ruder rumreißen können. Schade nur, dass dafür erst ein Brandbrief nötig war, bis die Politik aktiv wurde. "Die Geschichten der Rütli-Schule wiederholen sich an den Schulen dieser Republik." Wer möchte den nächsten Brandbrief schreiben?
heinzerichii 01.04.2018
2. ...
"Der Campus Rütli verbindet auf vorher unbekannte Weise Schule, Kitas, Jugendfreizeitheim, Gesundheitsdienst, eine Berufswerkstatt und bald auch ein neues Stadtteilzentrum miteinander." - - - - - Ein stabiles, vertrautes soziales und schulisches Umfeld ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Pfeiler für das Wohlbefinden, ein gesundes Aufwachsen und leichteres Lernen der Kinder und Jugendlichen. Ebenso sollte meiner Meinung nach für alle Schüler (egal aus welcher "Schicht") das Schulessen gewährleistet sein, was zusätzlich Lernleistungen deutlich verbessert und zum Wohlbefinden beiträgt, nur eben offenbar nicht für alle selbstverständlich ist und somit zu Belastungen führt. Im Idealfall wird die Schule eine Art "zweite Familie", zusätzlicher Anker für die Kinder, wo durch das gemeinsame, vertraute Aufwachsen der Kinder und Jugendlichen auch die Herkunft der Schüler eine wesentlich geringere Rolle spielen wird..
skylarkin 01.04.2018
3.
Wenn sich das Problem teilweise durch Gentrifizierung gelöst hat dann würde es nur verschoben wie auch alle anderen Verdrängten. Ein Beispiel für die Lösung des Problems der Brennpunktschule mit extrem hohen Migrantenanteil kann sie daher nicht ganz sein. Man sollte sich eine Schule dafür suchen deren soziale und ethnische Zusammensetzung während einer positiven Entwicklung unverändert blieb.
Klausinspace 02.04.2018
4. Pseudo
In der Bildungspolitik lügen sich doch alle etwas in die Tasche: "Die Zusammensetzung ihrer Schüler ändert sich so wie der Kiez in Nord-Neukölln, wo in den vergangenen Jahren viele Biosupermärkte, Szenekneipen und Weinläden aufgemacht haben" - da liegt der Hund begraben. Fest steht, dass es im ganzen Land tausende rüdli Schulen gibt, für die sich niemand interessiert, an denen die Lehrer fertig gemacht werden und die Schüler dumm ankommen und dumm bleiben. Das ist der eigentliche Skandal! Dabei wäre es auch volkswirtschaftlich so wichtig gerade den Schülern aus diesen Schulen etwas bei zu bringen. Aber diese Schüler haben halt keine Lobby. Und unser System ist nicht auf Optimierung ausgelegt, sondern darauf,dass die übergeordnete Behörde ihre Ruhe haben möchte.
noname2250 02.04.2018
5. Verlagerung
Mit anderen Worten, das Problem wurde nur teilweise gelöst und hat sich zum Großteil 'Dank' der Gentrifizierung nur verlagert. Dort, wo ärmere Bevölkerungsgruppen aufgrund unerschwinglicher Mieten hinziehen, entstehen neue Problemschulen, die wie üblich weder vom Staat noch Medien Aufmerksamkeit erhalten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist.
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