Rede im Bundestag Deutschlehrerin von russischem Gymnasiasten droht offenbar Entlassung

Mit seiner Rede im Bundestag über deutsche Kriegsgefangene sorgte der Schüler Nikolaj für Empörung in Russland. Das hat nun Konsequenzen.

Nikolaj Desjatnitschenko im Bundestag
Deutscher Bundestag

Nikolaj Desjatnitschenko im Bundestag

Von , Moskau


Nur knapp drei Minuten dauerte die Rede von Nikolaj Desjatnitschenko, 16 Jahre, Schüler des Gymnasiums Nr. 1 aus dem westsibirischen Nowy Urengoi, imDeutschen Bundestag. Drei Minuten, die dazu führten, dass der junge Mann und seine Schule in erhebliche Schwierigkeiten geraten sind.

Nicht nur der Schüler erhielt Beschimpfungen und Drohungen, auch seine Schule bekam empörte Anrufe und Zuschriften. Gegen seine Lehrer ermittelten die Behörden. Die Leiterin des Gymnasiums, Jekaterina Kaschnikowa, hat nun eine Rüge erhalten, die Deutschlehrerin von Desjatnitschenko, Ljudmila Kononenko, steht vor der Entlassung, berichten verschiedene russische Medien.

Rede von Desjatnitschenko im Bundestag:

Dabei wollte Desjatnitschenko eigentlich ein Zeichen der Versöhnung zwischen Deutschen und Russen setzen. Er hatte mit drei anderen Schülern seines Gymnasiums an einem Austauschprojekt teilgenommen, das Gymnasium Nr. 1 in Nowy Urengoi beteiligt sich bereits seit Jahren an Austauschprogrammen mit deutschen Schulen.

Mit denen recherchierten russische Schüler Biografien gefallener Soldaten des Zweiten Weltkriegs: sowjetische, tschechische und deutsche. Solche Schülerprojekte leisten für die deutsch-russische Aussöhnung einen wichtigen Beitrag.

Desjatnitschenko hatte das Leben eines Wehrmachtsgefreiten namens Georg Jochen Rau recherchiert, der in Stalingrad in Gefangenschaft geriet. Der Schüler besuchte dafür auch deutsche Kriegsgräber in Sibirien. Dazu sagte er im Bundestag:

"Ich sah die Gräber unschuldig ums Leben gekommener Menschen, unter denen viele in Frieden leben und nicht kämpfen wollten."

Ein Satz, sicherlich gut gemeint, aber nicht sehr geschickt formuliert, der in Russland große Wellen schlug (Lesen Sie hier den Hintergrund dazu). Ein russischer Schüler zeigt Mitleid mit Wehrmachtssoldaten und bezeichnet sie als "unschuldig ums Leben gekommene Menschen"? Und das angesichts der grausamen Verbrechen vieler Wehrmachtssoldaten während des Zweiten Weltkriegs, Millionen von sowjetischen Opfern und Toten während des Holocausts?

Für viele Landsleute wurde Desjatnitschenko damit zum Feind, als "Nazi", "Verräter" oder "Stiefellecker der Faschisten" wurde er in Russland in den Medien und sozialen Netzwerken beschimpft. Für sie hatte er den "großen Sieg" infrage gestellt, den Sieg der Sowjetunion über Hitlerdeutschland, der bis heute in Russland gefeiert wird. Die Menschenrechtsorganisation Memorial sprach angesichts der aggressiven Anfeindungen von einer "nationalpatriotischen Hysterie" in Russland. Sogar Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow schaltete sich ein, sprach von einer "überspannten Hetzjagd".

Zweitägige Kontrolle an der Schule

Doch richtig genützt hat das nichts: Die regionale Abgeordnete Elena Kukuschkina von der Kommunistischen Partei spricht bis heute davon, dass die Reden im Bundestag am Volkstrauertag das Ziel gehabt hätten, die Faschisten, die in Gefangenschaft gestorben seien, und die Sowjets, die in den KZs umgekommen seien, gleichzusetzen. Dies wies eine Sprecherin des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die das Austauschprogramm organisierte, bereits mehrmals zurück. Es gebe keinerlei Gleichmacherei von Opfern und Tätern. "Der Zweite Weltkrieg ist ein verbrecherischer Angriffskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands."

Kukuschkina sorgte dafür, dass die Schule überprüft wurde, die Politikerin veröffentlichte nun das Protokoll der Kontrolle auf der Seite ihrer Partei. Demnach befragte eine Kommission, welche die regionale Bildungsbehörde einsetzte, zwei Tage lang, vom 22. bis 24. November, die Direktorin, Deutschlehrerin, Eltern und den Schüler zu seiner Reise nach Deutschland und seiner Rede.

Deutschlehrerin Kononenko soll Austausch allein organisiert haben

Das Ergebnis der Überprüfung: Die Deutschlehrerin Ljudmila Kononenko, die die Einladung als E-Mail an ihre persönliche Adresse erhalten habe, habe viel zu spät die Direktorin über die Reise informiert. Sie habe die vier Schüler, die gute Zensuren im Deutsch- und Geschichtsunterricht haben, allein ausgesucht und alles lange vorbereitet, heißt es in dem Bericht der Kommission.

Die Schulleiterin habe die Erlaubnis zu der Reise erst einen Tag vor der Abreise unterschrieben, die Stadtverwaltung und die Bildungsbehörde seien nicht über das Projekt informiert worden, was gegen die Vorschriften verstoße. Die Texte für die Reden im Bundestag seien aus Deutschland gekommen, die Deutschlehrerin habe sie nicht abgestimmt, auch nicht mit den Geschichtslehrern.

Desjatnitschenko und seine Mutter hatten zuvor noch russischen Medien erzählt, sie hätten die Rede zusammen zu Hause vorbereitet, der Schüler habe sie aber allein kürzen müssen, da er nur knapp drei Minuten Zeit im Bundestag gehabt habe.

Es sieht nun so aus, als ob seine Deutschlehrerin Kononenko nun die Schuld auf sich nimmt. Sie hatte den Schüler bereits nach den ersten Beschimpfungen zu verteidigen versucht: "Er hat die Taten der Faschisten mit keinem Wort entschuldigt." Seitdem ist sie nicht mehr erreichbar.

Es heißt in mehreren Medienberichten, sie verlöre nun ihre Arbeit. Die Stadtverwaltung will das bisher nicht bestätigen. Dort heißt es, man habe noch keine Dokumente der Kommission zum Fall der Pädagogin erhalten.

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