Gemeinschaftsschule Bruchwiese Angst ja, aber nicht vor den Schülern

Ein Brandbrief der Lehrer machte die Saarbrücker Gemeinschaftsschule Bruchwiese in ganz Deutschland bekannt. Sie gilt nun als Beispiel dafür, was alles schiefläuft mit der Integration im Land. Dabei liegen die Probleme woanders.

Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken
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Gemeinschaftsschule Bruchwiese in Saarbrücken

Aus Saarbrücken berichtet


Die Halbwüchsigen vor dem benachbarten Gymnasium weisen freundlich den Weg: "Sie wollen bestimmt zur Assi-Schule, da müssen Sie dort vorne um die Ecke!" So sonderlich asozial sieht sie aber gar nicht aus, Deutschlands derzeit berüchtigteste Schule. Kein abweisender, dreckiger Klotz, sondern ein heller Campus aus maximal dreistöckigen Gebäuden, funktionale Siebzigerjahre.

Auf dem kleinen Bolzplatz, an dessen Bande jemand "Karma Bitch!" gesprüht hat, kicken gerade zwei Jugendliche im Nieselregen einen Ball hin und her. Ein Schüler verlässt das Gelände mit einem Umweg, um ein Kaugummipapier in den Mülleimer zu werfen. Über den Schulhof zieht sich gerade ein Fernsehteam vom ZDF zurück. "Eine Sauerei ist das", schimpft eine wartende Mutter. "Die sind nämlich alle schwer in Ordnung hier, die Lehrer und die Schüler!"

Bundesweit wird das derzeit anders gesehen. Seit ein Brandbrief der Lehrer veröffentlicht wurde, gilt die Gemeinschaftsschule Saarbrücken-Bruchwiese als abschreckendes Beispiel dafür, was alles schief läuft im Land, vor allem mit der Integration von Geflüchteten und Zuwanderern. Wir schaffen das? Im Gegenteil!

"Wir haben ganz tolle Syrer hier"

Es ist ein furchterregendes Bild, das die Lehrer in ihrem fünfseitigen Brief zeichnen. "Wichser" und "Hurensohn" werden die Lehrer genannt, "Cracknutte" die Lehrerinnen. Es herrsche ein Klima der Angst, der Aggressivität und Respektlosigkeit.

Hat das etwas damit zu tun, dass etwa 86 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben, wie es in dem Brief heißt? "Ich möchte ganz klar sagen: Nein!", sagt dazu nun die Schulleiterin Pia Götten beim Gespräch im Sekretariat. "Ich wehre mich dagegen. Wir haben ganz tolle Syrer, die dankbar sind, dass sie hier die deutsche Sprache lernen dürfen."

Ja, sie habe Angst, sagt Götten ganz offen. Allerdings nicht vor ihren Schülern, sondern vor radikalen Rechten. "Ich habe ganz viele ganz böse Zuschriften bekommen aus der rechten Szene. Ich hätte bekommen, was ich verdiene, weil ich doch bestimmt SPD oder CDU wähle. Ich solle Mitglied der AfD werden, steht da. Und das schreiben Leute mit Doktortitel!"

Die Lehrer an ihrer Schule seien auch als Sozialarbeiter oder Therapeuten gefragt, "keine Frage, da darf man nicht drum herum reden", sagt sie. An einer Schule wie ihrer, die sich in besonderem Maße um Inklusion bemühe und ein fortschrittliches Lernkonzept für behinderte Kinder habe, kämen viele bildungspolitische Probleme zusammen. Es gäbe Eltern, "die den Erziehungsauftrag nicht erfüllen" und "Schüler, die mit einem seelischen Päckchen in die Schule kommen, die den Unterricht für sie zur Nebensache machen". Das sei aber nicht die Schuld der Kinder. Sondern der unveränderten Rahmenbedingungen.

Verrohung hat nichts mit Nationalität zu tun

Das sieht Christine Streichert-Clivot ganz ähnlich. Als Staatssekretärin im SPD-geführten Bildungsministerium ist sie unter anderem für die Bruchwiesenschule zuständig und eine Adressatin für Hilferufe aus dem ganzen Land. Solche Brandbriefe seien "ein ganz normaler Vorgang", der entsprechend ernst genommen und bearbeitet würde, sagt sie. "Dafür sind wir ja da."

Das Problem liege nicht in der Inklusion, nicht einmal in der Integration, sagt sie. Die im Brandbrief geschilderte Verrohung habe "etwas mit sozialer Herkunft zu tun, mit Armut", ungeachtet der Nationalität. "Wir haben es teilweise mit Familien zu tun, die den Respekt vor dem Schulsystem verloren haben. Wenn Eltern den Respekt verlieren, verlieren Schüler den auch."

Gleichwohl klagt auch Streichert-Clivot: Dem Saarland drohe eine Haushaltsnotlage, die Vorgängerregierung habe die Demografie falsch eingeschätzt. Statt rückläufigen Schülerzahlen gebe es steigende - aufgrund der Zuwanderer. Vor allem der Familiennachzug belaste die Schulen: "Da können wir keinen Rückgang oder eine Stagnation feststellen."

Insgesamt befinden sich derzeit 8849 Geflüchtete und Zuwanderer allein an saarländischen Grundschulen, für die bisher 289 neue Lehrerstellen geschaffen werden konnten. Die Gemeinschaftsschule Bruchwiese ist kein Sonderfall, aber, in der Sprachregelung des Ministeriums, ein "belasteter Standort". Hier gibt es aktuell 326 Schüler in 15 Klassen, darunter 67 Geflüchtete - und etwa 166 "Problemfälle": Schüler, die bisher über keine ausreichenden Deutschkenntnisse verfügen.

Zusätzliche 109 Lehrerwochenstunden sollen für Abhilfe sorgen, ein Aufnahmestopp für Geflüchtete und Zugewanderte ist bereits ausgesprochen - sie werden sinnvoll auf andere Einrichtungen verteilt werden müssen. "Jedes Kind, das saarländischen Boden betritt", sagt Streichert-Clivot, "hat ein Recht auf Schule."

Pia Götten hofft nun, neben einer vernünftigen Reaktion auf die Forderungen der Lehrer aus dem Brandbrief, vor allem darauf, dass sich der Trubel um ihre Schule allmählich legt: "Dass wir in die Presse gelangt sind, dafür können wir nichts. Jetzt machen wir aus der Not eine Tugend. Wir schauen in die Zukunft."

Es ist wie mit dem Scheinriesen aus "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer": Ein Problem, vor dem wir uns wegen seiner Größe fürchten, wird immer kleiner, je mehr wir uns ihm nähern. Am Ende wird es nicht ganz verschwinden. Aber doch auf etwas geschrumpft sein, mit dem wir umgehen können.

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