Blitzkarriere 26 Jahre und schon Schulleiterin

Andere studieren in diesem Alter noch, Christin Tellisch ist schon Chefin: Die 26-Jährige leitet eine sächsische Privatschule. An einer staatlichen Lehranstalt hätte eine solche Turbo-Karriere kaum funktioniert.

Von Susanne Kailitz, Riesa

Gymnasium Rudolf Stempel

Wie sie zu ihrem Job gekommen ist, kann Christin Tellisch eigentlich ganz einfach erklären: "Es gab jede Menge zu tun und ich war da. Also hab ich's gemacht." Das klingt wie ein ganz normaler Karriereweg. Ist es aber nicht: Denn Tellisch ist Schulleiterin, mit 26 Jahren. Kaum war die junge Lehrerin mit dem Studium fertig, wurde sie schon Chefin.

Dass Tellisch dieser Turbo-Aufstieg glückte, liegt vor allem an ihrer Schule: Das Christliche Gymnasium Rudolf Stempel im sächsischen Riesa ist eine Schule in freier Trägerschaft, gegründet von einer lokalen Elterninitiative. Als Christin Tellisch ein Jahr nach ihrem Studium anfing, dort Deutsch, Musik und Latein zu unterrichten, war die Schule erst zwei Jahre alt. Bis dahin hatten sich die Eltern selbst um die Verwaltung des Gymnasiums gekümmert, einen Schulleiter gab es nicht. Als die Schülerzahlen kontinuierlich stiegen, "war auf einmal so viel zu tun, dass man dafür jemanden brauchte", erinnert sich Tellisch. "Dann hat man mich gefragt."

Geht Schule nicht anders?

Wenn Tellisch durch ihre Schule geht, könnte sie auf den ersten Blick locker als Referendarin durchgehen: Sie ist klein und schmal, trägt Jeans, fransige dunkle Haare und eine weiße Brille. Kurz: Sie sieht genau so jung aus, wie sie ist. Und hat doch eine stille Autorität. Wenn die Schüler, die gerade selbständig arbeiten sollen, eine Frage haben, warten sie geduldig, bis Tellisch Zeit für sie hat. Kein Gedrängel, keine Unruhe.

Sie habe nicht lang gezögert, so viel Verantwortung zu übernehmen, sagt Tellisch. Schon im Studium machte sie etwas mehr, als sie musste: Tellisch studierte in Potsdam Lehramt und machte parallel dazu in Berlin einen Master im Fach Childhood Studies and Children's Rights. Anders als viele andere Berufsanfänger hatte sie auch nach dem Studium schon eine Vorstellung, was es bedeutet, Führungskraft zu sein: Als Stipendiatin des Studienkollegs der Stiftung der deutschen Wirtschaft besuchte sie verschiedene Seminare zu Teamtraining, Kommunikationsstrategien und Führungsverantwortung, zu Schulleitung und Schulmanagement. "Die Teilnehmer werden schon ermuntert, in Führungspositionen zu gehen", sagt Tellisch, "deshalb bin ich da nicht ganz ins kalte Wasser gesprungen."

Die Karriere ist das eine. Vor allem aber, so erinnert sich Tellisch, habe sie im Studium schon angefangen, massiv am staatlichen Schulsystem zu zweifeln: Geht Schule nicht anders? Was lernen die Kinder denn, wenn ein Lehrer vor 30 Schülern steht und ihnen irgendetwas vorträgt?

Viele Junglehrer werden ausgebremst

Abgeschreckt von diversen Praktika entschied sich Tellisch gegen den staatlichen Schuldienst - auch wenn sie mit einem Einser-Studienabschluss wohl jederzeit einen Platz bekommen hätte. "Aber so zu arbeiten, wie ich es dort müsste, kann ich den Kindern gegenüber nicht verantworten", sagt sie.

Solche Sätze könnten arrogant klingen. Nicht bei Tellisch: Man nimmt der jungen Frau ab, dass sie ihren Kinder im Unterricht möglichst viel mitgeben möchte. Dass sie sie gut aufs Leben vorbereiten will. Dass es ihr wehtut, wenn Kinder den Anschluss verlieren und an der Schule verzweifeln, weil sie sich in den Strukturen nicht zurechtfinden und keiner da ist, der auf sie achtet. Tellisch sagt, sie fände es furchtbar, wenn Kinder sich erst riesig auf die Schule freuten und ein halbes Jahr später verzweifelten, weil sie jeden Tag hin müssten. "Das können Sie nie wieder richtig gutmachen."

Viele Junglehrer starten mit diesem Enthusiasmus - und werden oft nach und nach ausgebremst. Weil an staatlichen Schulen oft das Geld fehlt oder die Zeit, weil die Klassen groß sind und das Kollegium ausgelaugt.

"Lern du erst mal. Wir wissen, wie es geht"

In Riesa kann Christin Tellisch so unterrichten, wie sie es für richtig hält - "und wie es im Übrigen auch dem Stand der neuen wissenschaftlichen Forschung entspricht", sagt sie. Insgesamt 40 Schüler lernen in drei Klassen. Das kleine Gymnasium hat kein eigenes Haus, sondern residiert in einer Etage eines kantigen, gelb-blauen Gebäudes, in dem auch ein Berufsschulzentrum untergebracht ist. So unpersönlich und wenig kinderfreundlich das von außen wirkt, so vertraut geht man im Inneren miteinander um. "Jonas, was macht der Arm?", fragt Tellisch einen Schüler mit Gipsverband, "wenn's wieder wehtut, sagst du Bescheid." Die Schulleiterin kann zu jedem ihrer Schüler erzählen, was das Besondere an ihm ist. Wobei es bei 40 Kindern natürlich leicht fällt, jeden gut zu kennen.

Tellisch schwärmt von ihrer Schule, erzählt von fächerübergreifendem Lernen und selbständigen Arbeiten, von persönlichen Mentoren, die mit Schülern einmal pro Woche besprechen, wie es gerade läuft. Dafür zahlen die Eltern ein monatliches Schulgeld von 98 Euro. Wer nicht viel verdient, zahle weniger, heißt es auf der Homepage der Schule.

Elf Lehrer arbeiten im Kollegium. Egal, wen man spricht: Mit einer so jungen Chefin scheint hier niemand ein Problem zu haben. Sie habe genug gehabt von "alten, dummen Chefs", sagt Englischlehrerin Anne Bach. "Nur weil einer älter ist, heißt das ja nicht, dass er es kann." Tellisch aber, die könne es, weil sie engagiert und diszipliniert sei. An einer staatlichen Schule hätte ihre Chefin wohl keine Chance gehabt, vermutet Bach. Junge Leute mit frischen Ideen hätten es dort schließlich schwer. Da hieße es dann: "Lern du erst mal. Wir wissen, wie es geht, wir machen das ja schließlich schon seit Jahrzehnten."

Christin Tellisch macht es jetzt seit zehn Monaten. Und wird hoffentlich ihre frischen Ideen so schnell nicht verlieren.


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Raschelsack 22.10.2013
1. Gut angepasst
Zitat von sysopGymnasium Rudolf StempelAndere studieren in diesem Alter noch, Christin Tellisch ist schon Chefin: Die 26-Jährige leitet eine sächsische Privatschule. An einer staatlichen Lehranstalt hätte eine solche Turbo-Karriere kaum funktioniert. http://www.spiegel.de/schulspiegel/sachsen-christin-tellisch-ist-mit-26-jahren-schulleiterin-in-riesa-a-925720.html
>So unpersönlich und wenig kinderfreundlich das von außen wirkt, so vertraut geht man im Inneren miteinander um.< Klar, wer gut kooperiert und nach innen keine Grenzen respektiert (die der notwendigen Ausstattung nicht erkämpft) darf sich auf breite Unterstützung gefasst machen. Ach wie schön, dass diese Turbo-Karriere nach neuesten Masstäben verläuft. P.S.: Statt Anpassung heißt der Treibstoff ansonsten "familiäre Bande" - mit Vitamin B geht es nämlich sogar noch schneller. Die Frage ist immer nur: Was haben die Schüler eigentlich davon?
joG 22.10.2013
2. Ich habe keine Freunde....
....und kaum noch bekannte, die ihre Kinder noch auf öffentlichen Schulen haben. Ich nehme an, das hat gute Gründe.
michaelkaloff 22.10.2013
3. Natürlich. ..
..klappern gehört zum Handwerk und das Verbreiten von Klischees kostet nur den Atem für ein paar Sätze. Tatsache ist, dass die Mehrzahl der Ersatzschulen ein Auffangbecken für Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte ist, die es an bzw in einer staatlichen Schule nicht geschafft haben. Man sollte in diesem Sinne einmal analysieren, was eine Lehrkraft an den meisten Ersatzschulen (vulgo: Privatschulen) so verdient. Es gibt aber sicher auch gute Ersatzschulen. Man muss eben differenzieren, dies muss diese junge Dame noch lernen.
manni.baum 22.10.2013
4. der passende Vormane
der Vorname "Christin" hat sehr geholfen bei der Karriere an der "Christlichen" Privatschule.
pineping 22.10.2013
5. Schön zu hören
Gerne mehr! Was macht Sie denn nun anders? Was sind ihre Ideen für Schule und Schüler? Was gibt Sie ihren Kollegen an Unterstützung, um diese Ideen auch umzusetzen?
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