Ein Aussteiger berichtet Einmal Salafismus und zurück

Dominic Schmitz warb jahrelang für den Salafismus. Heute tourt er durchs Land, um Schüler vor radikalen Irrwegen zu warnen.

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Armin Himmelrath

Ein Suchender ist er immer noch. Er sucht nach Struktur, nach einem neuen Wohnort, nach seinem Platz im Leben. Dominic Schmitz ist ständig unterwegs: mal in Oberhausen, mal bei einer Theaterprobe in Köln, dann an einer Realschule in Hilden.

Es ist nicht leicht, sich mit dem 28-Jährigen zu verabreden, um mit ihm über ein Thema zu sprechen, das viele Menschen beschäftigt: den radikalen Islam. Schmitz war Salafist, 2013 stieg er aus der Szene aus.

Wenn er um die Ecke biegt, mit Jeans, Kapuzenpulli und Rucksack, wirkt er dann aber gar nicht gehetzt, sondern überraschend gelassen. Vielleicht, weil er zwar immer noch sucht, aber zumindest sicher ist, wo er garantiert nicht mehr nachschauen wird.

Er war 17, als er sich die großen Sinnfragen stellte. Die Eltern getrennt, die Tage zwischen Alkohol, Kiffen und Schulabbruch. Ein muslimischer Freund spürte das, bearbeitete ihn, stellte immer wieder Fragen und vor allem: Er wusste auf scheinbar alles eine Antwort. Schmitz konvertierte und wurde zu Musa Almani. Und weil er aus Mönchengladbach kam, war der Weg in die dort starke salafistische Szene nicht weit.

Pierre Vogel nahm ihn mit zur Pilgerreise nach Mekka, Islamistenführer Sven Lau wurde sein religiöser Mentor. Auf der Straße, in der Moschee und im Netz missionierte Schmitz für den Salafismus, jahrelang. Manche seiner damaligen Brüder, auch sein bester Freund Daniel, zogen nach Syrien in den Kampf für den IS.

"Heute könnte der Salafismus mich nicht mehr abholen", sagt Schmitz. "Aber damals war meine Welt noch viel kleiner. Da haben die ganzen salafistischen Antworten gezogen. Ich wollte den Weg der Rebellion gehen, wollte anders sein als die Masse. Für etwas stehen, für etwas kämpfen und mich einsetzen. Ich glaube, diese Konsequenz hat mich angesprochen, mit der die Brüder ihr Leben geführt haben."

Sechs Jahre überzeugter Salafist

Erst später sah er auch die anderen Seiten dieser "faschistischen Ideologie", wie er sie heute nennt: den Hass, die Widersprüche, den Umgang mit Frauen und die Missachtung des Individuums. Sechs Jahre dauerte es, bis Schmitz 2010 langsam begann, sich aus der radikalen Szene zu lösen. Gläubiger Muslim ist er noch immer.

Seit ein paar Monaten ist Schmitz wieder unterwegs, um Menschen zu überzeugen. Diesmal allerdings nicht, um sie für den Salafismus zu gewinnen, sondern um Schüler zu warnen. "Man kann natürlich keinen Menschen in einem einstündigen Vortrag überzeugen. Aber man kann versuchen, einen Samen in sein Herz zu pflanzen, der dann wächst und ihn vielleicht in irgendeiner Situation davon abhält, etwas Gewalttätiges oder Kriminelles zu tun", sagt Schmitz.

Pubertierenden Achtklässlern erzählt er seine Geschichte ebenso wie Gymnasiasten in der Oberstufe. Im Kölner Schauspielhaus steht er mit Mitgliedern anderer Weltreligionen und professionellen Schauspielern im Stück "Glaubenskämpfer" auf der Bühne. "Das ist zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich mit einem Juden und einer Nonne rede", sagt Schmitz. Es klingt so, als sei er immer noch erstaunt über solche Kontakte.

Als Salafist hatte er einen eigenen YouTube-Kanal. Den betreibt er noch immer. "Ich habe Follower, die sympathisieren mit Sven Lau und Pierre Vogel - und fragen mich trotzdem ab und zu nach meiner Einschätzung", sagt er. Das mache ihn schon ein bisschen stolz.

8500 Salafisten in Deutschland

Bei Jugendlichen kommt Schmitz' Arbeit gut an: "Er hat sehr offen und ehrlich geredet. Ich hatte das Gefühl, dass das Thema ihm wirklich wichtig ist", erzählt Fabian Thiele aus Bonn. Der 17-Jährige besuchte ein Seminar für FSJ-ler, in dem Schmitz über den radikalen Islam aufklärte.

Thiele ist evangelisch erzogen, hat gerade Abitur gemacht - und er hat selbst erlebt, dass Salafisten auch Jugendliche wie ihn zu missionieren versuchen. "Ein Kumpel aus dem Fußballverein hat mir letztes Jahr einen Koran geschenkt", sagt er. Danach habe er ihm schlecht gemachte Videos geschickt, die ihn zum Islam bekehren sollten. Als er das im Seminar erzählte, habe Schmitz die Sätze vollenden können. "Das war krass", sagt Thiele.

Bei dem Bonner Abiturienten verfing der Missionierungsversuch nicht. Aber viele Jugendliche, sagt Dominic Schmitz, seien nicht so selbstbewusst - "und die will ich warnen".

Keine extremistische Szene wachse derzeit so schnell wie die der Salafisten, sagte Jörg Rademacher, Sprecher des nordrhein-westfälischen Innenministeriums. "Das macht uns Sorge."

Hilfe, ich habe die Gebete verschlafen

Der Verfassungsschutz geht von rund 2500 salafistischen Aktivisten in Nordrhein-Westfalen aus - und von 8500 bundesweit. Das sind deutlich mehr als noch vor fünf Jahren: Da waren es rund 500 in Nordrhein-Westfalen und in ganz Deutschland 3800. Trotzdem ist ihre Zahl vergleichsweise klein: Nur 0,1 Prozent der nordrhein-westfälischen Muslime sind Salafisten, die der Verfassungsschutz beobachtet.

Die salafistische Propaganda im Netz sei über die Jahre professioneller geworden, sagt Rademacher. Dem müsse man etwas entgegensetzen, damit nicht mehr Jugendliche in die Szene hineinrutschten. Der Verfassungsschutz setzt auf das Präventionsprogramm "Wegweiser", das Eltern, Lehrer, Sozialarbeiter und Jugendliche aufklärt und berät.

Einmal Salafismus und zurück - nicht viele gehen diesen Weg, noch weniger reden darüber. Das macht Dominic Schmitz selbst für Salafisten interessant. Manche drohen ihm wegen seiner vermeintlichen Abkehr vom Glauben. Andere suchen bei ihm nach Antworten auf Lügen und Doppelmoral innerhalb der Ideologie. So wie ein Salafist, der Schmitz über das Netz kontaktierte: Er habe den ganzen Tag "The Walking Dead"-Staffeln geschaut und darüber die Gebete verschlafen. Was er denn tun solle? "Ich habe ihm geantwortet: Steh doch einfach zu deinen Bedürfnissen. Sei ein Mensch!"

Über seine Zeit in der salafistischen Szene hat Schmitz ein Buch geschrieben. Im Video erzählt er, warum:

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