Quotenforderung im Check Schaden Flüchtlinge wirklich deutschen Schülern?

Wenn viele Flüchtlinge in einer Klasse sind, sinkt die Leistung - das behauptet der Chef des Gymnasiallehrerverbandes. Doch die Studien, auf die er sich beruft, zeigen: So stimmt das nicht. Die wichtigsten Fakten im Überblick.

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Durchaus ehrgeizig: Zwei Flüchlingsmädchen an einer Schule in Hannover
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Durchaus ehrgeizig: Zwei Flüchlingsmädchen an einer Schule in Hannover


Willkommen in Deutschland, willkommen in der Schule: Immer mehr junge Flüchtlinge brauchen Unterricht. Lernen deutsche Schüler weniger, wenn in ihrer Klasse viele junge Menschen sitzen, die erst seit Kurzem im Land sind? Das suggeriert der Chef des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger. Er bringt eine Migrantenquote für Schulklassen ins Gespräch. Ist das sinnvoll? Oder alarmistisch?

Wie viele Flüchtlinge gibt es an deutschen Schulen?

Im vergangenen Jahr sind nach Angaben der Universität Köln knapp 100.000 Flüchtlingskinder im schulpflichtigen Alter nach Deutschland gekommen. Für dieses Jahr gibt es noch keine endgültigen Zahlen. Sicher ist nur: Es werden mehr sein. Die Kultusminister gehen davon aus, dass mit den bereits 2014 eingeschulten Kindern und den neu ankommenden Zuwanderern gut 325.000 Flüchtlingskinder an den deutschen Schulen aufgenommen werden müssen.

Diese Schätzung dürfte eher konservativ sein, denn die Kultusminister stützten sich auf die Prognose, wonach in diesem Jahr 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Sollten deutlich mehr Flüchtlinge kommen - wovon inzwischen einige ausgehen -, dürfte wohl auch die Zahl der Schüler steigen.

Dass das Bildungssystem damit automatisch überlastet wäre, lässt sich allerdings nicht sagen. Insgesamt gibt es in Deutschland 11 Millionen Schüler an Grundschulen, weiterführenden Schulen und Berufsschulen. Die Flüchtlinge würden nur einen kleinen Teil ausmachen: rund drei Prozent.

Wie viele Lehrer für neue Klassen werden gebraucht?

Die Kultusministerkonferenz (KMK) geht von 20.000 Lehrern aus, die zusätzlich benötigt werden, um die Flüchtlingskinder zu unterrichten. Die Lehrergewerkschaft GEW schätzt den Bedarf auf 24.000 zusätzliche Lehrer. Der Philologenverband geht von 25.000 aus.

Solche Zahlen beruhen allerdings auf Überschlagsrechnungen: Wie viele Schüler kommen heute auf einen Lehrer? Und wie viele Lehrer wären nötig, wenn das Lehrer-Schüler-Verhältnis beibehalten werden soll?

Gesucht werden allerdings vor allem Lehrer für Willkommensklassen, die Flüchtlingen schnell die deutsche Sprache beibringen. Danach sollen die Kinder möglichst in den normalen Klassen unterrichtet werden. Einige Beispiele, wie die Länder den Lehrerbedarf decken könnten, hatte Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) kürzlich aufgezählt: etwa durch die Reaktivierung pensionierter Pädagogen, eine Aufstockung der Stundenzahl von Teilzeitkräften und die Weiterqualifizierung aktiver Lehrer für Deutsch als Fremdsprache.

Führen viele Migranten in der Klasse zu einem Leistungsabfall?

Es klingt alarmierend: "Schon wenn der Anteil von Kindern nicht deutscher Muttersprache bei 30 Prozent liegt, setzt ein Leistungsabfall ein. Dieser wird ab 50 Prozent dramatisch", sagte Meidinger der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Auch deutschstämmige Schüler würden demnach darunter leiden, wenn sie mit vielen Migranten in dieselbe Schule gehen.

Schaut man in die Studien, auf die Meidinger sich nach eigener Aussage bezieht, ist es etwas komplizierter. Die Bildungsforscherin Petra Stanat hatte in ihrer Untersuchung Pisa-Daten für Hauptschulen aus dem Jahr 2000 ausgewertet. Sie kommt zu dem Ergebnis: Bei einem Migrantenanteil von 40 Prozent und mehr sinken zwar die Leistungen der ganzen Klasse - allerdings hat das vor allem mit dem niedrigen Berufsstatus und Bildungsstand vieler Zuwandererfamilien zu tun. Die Nachteile scheinen jedenfalls "nicht spezifisch an den Migrantenanteil gekoppelt zu sein".

Zum Teil zeigen sich sogar gegenteilige Effekte: In Schulen mit hohem Migrantenanteil ist der Ehrgeiz der Schüler besonders hoch. In Schulen mit hohem Zuwandereranteil scheinen die Jugendlichen einen höheren Bildungsabschluss anzustreben.

Auch eine weitere Studie von 2010, auf die Meidinger sich bezieht, hält fest: Es bestehe "kein eigenständiger Einfluss des Migrantenanteils auf den Kompetenzerwerb". Wieder ist es nicht das Geburtsland, sondern vor allem die soziale Herkunft der Schüler, die das Lernklima in den Klassen bestimmt.

Die Leistungen der Migranten in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren übrigens deutlich verbessert - sie sind keineswegs mehr automatisch Bildungsverlierer. In vielen großen Vergleichsstudien konnten sie enorm aufholen.

Wie sinnvoll ist eine Migrantenquote?

Der "Verband Bildung und Erziehung" (VBE) warnt vor einer Flüchtlingsquote für Schulklassen. Diese Forderung sei "realitätsfremd", sagte VBE-Vorsitzender Udo Beckmann. Eine Quote könnte bedeuten, dass Kinder, die durch die Fluchterlebnisse oft traumatisiert sind, mit Bussen über Land verschickt und auf Schulen verteilt werden müssten.

Philologen-Chef Meidinger stellt klar, dass auch er keine explizite Quote verlangt. Es dürften aber nicht in einigen Klassen nur deutschstämmige Schüler, in anderen nur Flüchtlinge sitzen. "Das Ziel muss sein, ein ausgeglichenes Verhältnis zu bekommen", sagt er SPIEGEL ONLINE.

Bisher gehen Migranten und Deutschstämmige tatsächlich häufig in unterschiedliche Klassen: 41 Prozent der Grundschüler aus Einwandererfamilien besuchen eine der Schulen, an denen mehr als die Hälfte der Schüler einen Migrationshintergrund haben. 15 Prozent aller deutschen Kinder und Jugendlichen haben wiederum überhaupt keinen Mitschüler mit ausländischen Wurzeln in ihrer Klasse (Hier finden Sie diese und weitere Zahlen, die der Mediendienst Integration zusammengetragen hat).

Wie kommt es zu dieser sogenannten Segregation? Viele Migranten wohnen oft in denselben Stadtteilen, und damit im Einzugsbereich derselben Schule. Aber auch deutschstämmige Eltern tragen dazu bei: Sie meiden Schulen mit einem hohen Migrantenanteil, weil sie - oft vorschnell, oft irrtümlich - annehmen, dass ihre Kinder dort schlechter lernen. Besonders eindrücklich hat eine Detailauswertung der Berliner Schulbezirksdaten dieses Verhalten belegt.

Sinnvoller als eine Migrantenquote wäre daher vielleicht eine Deutschenquote an Schulen, wo Zuwandererkinder unter sich zu bleiben drohen.



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