Scheidender KMK-Generalsekretär "Viele Eltern haben Panik"

Er organisierte die Arbeit der KMK, darüber reden durfte er nicht: Erich Thies, 67 und scheidender Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, beklagt im SPIEGEL-Interview die schwindende Solidarität der Länder, das Wirrwarr der Schulformen und die Kumpanei zwischen Professoren und Doktoranden.

Schulklasse: Viele Eltern fürchten um die Zukunft ihres Kindes
dapd

Schulklasse: Viele Eltern fürchten um die Zukunft ihres Kindes


SPIEGEL ONLINE: Glückwunsch, Herr Thies, diese Woche sind Sie die Kultusministerkonferenz - die KMK - los. Sind Sie erleichtert?

Thies: 13 Jahre sind eine lange Zeit. Ich gehe mit fröhlicher Gelassenheit.

SPIEGEL ONLINE: Viele Bürger wären froh, wenn auch sie die KMK nicht mehr ertragen müssten: In Umfragen spricht sich eine deutliche Mehrheit dafür aus, dass der Bund über Bildungsfragen bestimmen soll, nicht die Länder.

Thies: Das sagen die Menschen jetzt. Wenn es wirklich so käme, würden sie das Gegenteil sagen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie sicher?

Thies: Ja. Wenn die Menschen erleben müssten, dass Bildungspolitik von Berlin aus zentral gesteuert wird und keine Rücksicht mehr auf die Besonderheiten in der Region genommen wird, dann würde ihnen der Spaß vergehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum dann das klare Votum gegen die KMK?

Thies: Es gibt viele Vorurteile. Manche bestehen zu Recht, manche nicht. Insgesamt aber ist die Kultusministerkonferenz deutlich besser als ihr Ruf.

SPIEGEL ONLINE: Verraten Sie uns: Welches Vorurteil ist richtig?

Thies: Ich will hier nicht nachtreten, kurz bevor ich gehe. Aber ich beobachte mit Sorge, dass es den Ländern nicht immer gelingt, hinreichend gesamtstaatliche Verantwortung sichtbar zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Jeder kocht seine eigene Suppe?

Thies: Die erste Föderalismusreform, die den Ländern 2006 mehr Kompetenzen verschafft hat, hat leider nicht zu einem Mehr an Verantwortung für das Ganze geführt. Vielmehr werden eigene Interessen und Wege verfolgt, gerade im Süden der Republik.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt: Bayern und Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen rennen vorneweg - und keiner kommt hinterher?

Thies: Das ist ja auch nicht so einfach. Bayern und Baden-Württemberg sind gestandene Länder mit einem hohen Finanzpotential, das andere Länder nicht haben. Wir müssen aufpassen, dass sich diese Unterschiede nicht noch weiter vergrößern. Das Schulsystem darf nicht zu divers und diffus werden. Schauen Sie sich nur die Bezeichnung der Schultypen an, das ist mittlerweile ein sehr weites Feld. Kaum noch jemand überblickt, wie die Schulen in allen Ländern heißen.

SPIEGEL ONLINE: Auch Sie nicht?

Thies: Auch ich nicht. Diese Unübersichtlichkeit ist ein Punkt, an dem die Leute zu Recht sagen: Das geht so nicht.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem wird immer weiter an den Schulstrukturen herumgebastelt. Wäre es nicht Aufgabe der KMK zu sagen: Schluss mit der Rumwerkelei?

Thies: Sie reden jetzt von der KMK, als wäre das eine präsente Größe. Das Sekretariat und die Ausschüsse erledigen sehr viele Aufgaben sehr zuverlässig, die Anerkennung ausländischer Abschlüsse und vieles andere. Es macht im Alltag einen Großteil der Arbeit aus, ohne dass die Öffentlichkeit davon etwas mitbekommt. Aber als politischer Akteur tritt die KMK als solche eher zurückhaltend in Erscheinung.

SPIEGEL ONLINE: Unsere Frage ist, ob es nicht anders sein müsste.

Thies: Dafür müssten die Länder die KMK anders darstellen. Ich habe Minister erlebt, die durch ihr Land gehen und sagen: Ich würde ja gerne dieses oder jenes machen, aber leider hindert mich die Konferenz daran. Oder: Ich will das nicht, aber ich muss es tun, weil die KMK mir keine Wahl lässt. Minister nehmen die KMK gern als Prügelknaben, um sich zu exkulpieren. Dabei sind sie doch selbst die KMK. Unter solcher Schizophrenie leiden wir natürlich.

SPIEGEL ONLINE: Fehlt der KMK nicht auch ein Gesicht, eine bekannte Persönlichkeit, die sich Gehör verschafft? Die Präsidentschaft wechselt jedes Jahr zwischen den Ländern, nach einem festgelegten Turnus.

Thies: Ich hatte mal vorgeschlagen, den Präsidenten zumindest für zwei Jahre zu bestimmen, und zwar durch Wahl. Das hätte dazu beigetragen, dem Ganzen ein Gesicht zu geben, und ein solchermaßen gewählter Präsident hätte beispielsweise auch gegenüber der Bundesbildungsministerin anders auftreten können. Der Vorschlag ist abgelehnt worden.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst hatten viele Jahre Zeit, der KMK mehr Gehör in der Öffentlichkeit zu verschaffen. Warum haben Sie die Lücke nicht gefüllt?

Thies: Eine öffentlichere Rolle des Generalsekretärs war ebenso wenig gewünscht. Und ob ich selbst der passende Kandidat gewesen wäre, weiß ich nicht. Ich bin für eine andere Aufgabe ausgesucht worden.

SPIEGEL ONLINE: Zu allem Unglück steht der jetzige Präsident, der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann (CDU), unter Verdacht, in seiner Doktorarbeit abgeschrieben zu haben. Er selbst bestreitet, dass er eine Täuschung begehen wollte; die Universität Potsdam prüft seine Dissertation. Wie soll die KMK da mit starker Stimme sprechen?

Thies: Ich kann und werde den Fall nicht im Detail beurteilen. Aber ich warne davor, einfach alle Politiker, die unter Verdacht stehen, auf eine Stufe zu stellen. So viel ist sicher: Althusmann ist nicht Guttenberg. Und das heißt eben auch andere Konsequenzen. Außerdem sollte man die Universitäten nicht aus dem Blick verlieren. Schauen die wirklich genau hin, welcher Doktorand ein wissenschaftliches Interesse mitbringt? Oder lassen die so etwas wie Kumpanei zwischen Professor und Doktorand zu?

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie sagen:Man müsste nicht den Promovierten ihre Titel wegnehmen, sondern manchen Fakultäten das Promotionsrecht?



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newliberal 29.09.2011
1. Die Inflationierung
und politisch gewollte Zerstörung eines einmal weltweit führenden Bildungssystems schreitet voran. Dass Promotionen nach politischem Gusto "verteilt" werden ist nur die Spitze des Eisberges und deutlichstes Zeichen der Inflationierung, lies Entwertung des Gutes Bildung. Dank jahrzehnter linker politischer Experimente sind in einigen Bundesländern die Resultate auf Drittweltniveau angelangt- man sehe sich Pisa auf Bundesländer bezogen an und vergleiche mit anderen wenig entwickelten Staaten. Dass die Südstaaten sich aufgrund anderer politischer Konstellationen sich diesem ständigem Abstieg entziehen konnten wird hier gnädig verschwiegen. Dafür wird die Finanzkraft ins argumentative Feld geführt. Könnte es vielleicht, aber nur ganz vielleicht sein dass ein Topbildungssystem, wirtschaftlicher Erfolg und die daraus resultierende Finanzkraft korrelieren ? Nur so ein Gedanke....
sethos_1 29.09.2011
2. Immer auf die Unterschiede pochen
Zitat von sysopDer Generalsekretär der Kultusministerkonferenz Erich Thies, 67, über schwindende Solidarität der Länder, den Wirrwarr der Schulformen in Deutschland und die Kumpanei zwischen Professoren und Doktoranden. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,787880,00.html
"Thies: Ja. Wenn die Menschen erleben müssten, dass Bildungspolitik von Berlin aus zentral gesteuert wird und keine Rücksicht mehr auf die Besonderheiten in der Region genommen wird, dann würde ihnen der Spaß vergehen." Mit ist nicht klar warum innerhalb der Bildung regionale Unterschiede eine Rolle spielen. Mathematik, Deutsch und andere Fächer sollen und müssen überall in Deutschland gleich gelernt werden. Auch die Inhalte müssen gleich sein. Ob in Bayern oder Bremen. Das Nievau muss überall gleich hoch sein und nicht gleich niedrig sein. Und was die Bezahlung angeht. Nur weil Leute besser bezahlt werden erzielen sie keine bessere Leistung. Auch müssen sie unbedingt nicht kompetenter sein. "Thies:Die chinesischen Kinder werden am Wochenende mit Nachhilfestunden getrimmt, dass es nur so kracht, von morgens bis abends, und was dabei herauskommt, sind schwierige Figuren - vielleicht brillant in allen möglichen Techniken, aber ansonsten schwierige Figuren. Und da kann ich nur sagen: Das will ich auch nicht." Sie wollen das nicht. Aber die Unternehmen wollen das. Der Mist über Schlüsselqualifikationen ist nur zur Reputationsverbersserung gemacht worden. Was ist ist Produktivität und Effizienz eines Mitarbeiters. Und welche Fachkompetenzen er mitbringt.
DHempelmann, 29.09.2011
3. Kritik am Süden
Die "Kritik" an den südlichen Bundesländern ist mehr als diffus. Man könnte denken, Bayern und Co. hätten durch ihre unverschämte Finanzkraft irgendwelche Bildungsexperimente durchgeführt, die andere Bundesländer jetzt benachteiligen. Das sich der Süden nicht an den Experimenten der anderen beteiligt hat und so einfach besser dasteht, das scheint nicht in dem Kram der KMK zu passen. Und auch die Kritik an den unterschiedlichen Bezeichungen ist ja wohl ein Witz. Klar wäre ein Begriff (Gesamtschule)für alle einfacher... Aber ich finde, auch Hauptschule, Realschule und Gymnasium kann man noch prima merken.
sappelkopp 29.09.2011
4. Unserer Bildungssystem ...
...krankt in erster Linie daran, dass die kleinen Provinzfürsten in Wiesbaden, München, Kiel oder Saarbrücken (und viele weitere Städte) dort das Sagen haben. Die Kultur mag in den Alpen anders sein, als auf einer Nordseeinsel. Aber die Bildung sollte gleich sein.
mauimeyer 29.09.2011
5. Tradition der deutschen Südländer
Zitat von DHempelmannDie "Kritik" an den südlichen Bundesländern ist mehr als diffus. Man könnte denken, Bayern und Co. hätten durch ihre unverschämte Finanzkraft irgendwelche Bildungsexperimente durchgeführt, die andere Bundesländer jetzt benachteiligen. Das sich der Süden nicht an den Experimenten der anderen beteiligt hat und so einfach besser dasteht, das scheint nicht in dem Kram der KMK zu passen. Und auch die Kritik an den unterschiedlichen Bezeichungen ist ja wohl ein Witz. Klar wäre ein Begriff (Gesamtschule)für alle einfacher... Aber ich finde, auch Hauptschule, Realschule und Gymnasium kann man noch prima merken.
Ich habe jahrzehntelang im Bilungsbereich an verantwortlicher Stelle geabarbeitet und kann nur sagen: Der Süden hat in berechtigter Skepsis diesae ganzen hirnrissigen linken Bildungsinstrumente nicht mitgemacht. Deshalb waren sie meßbar klar besser. Die linken in der KMK haben sich jahrzehntelang gegen Vergleiche aller Art gesperrt, weil sie wußten, daß sie alt aussehen würden, wenn die Hose runtergelassen wird. Mit Geld erreicht man zunächst gar nicht - außer bessere Büro-Möbel für den Schulleiter! Der Klage über niedrige Gehälter für Kindergärtnerinnen stimme ich zu - nicht jedoch über die der Grunschullehrer. Stufe A12 mit Pensionsberechtigung ist ja wohl im internationalen vergleich ganz ordentlich. Das was ich repräsentativ von der KMK im Kopf habe , ist diese leidige Orgie der Rechtschreibreform! Die Siegermächte des 2. Weltkrieges wollte Deutschland zerschlagen um künftige Macht zu verhindern: Im Bildungsförderalismus ist es ihnen nachhaltig gelungen! Kauri
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