Mythos und Wahrheit Sind Jungen die neuen Verlierer?

Mädchen haben bessere Noten, Mädchen machen häufiger Abitur. Und die Jungen? Werden von der Schule systematisch benachteiligt, heißt es oft. Stimmt das?

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Zum Verzweifeln: Jungen haben es in der Schule oft schwerer als Mädchen
Corbis

Zum Verzweifeln: Jungen haben es in der Schule oft schwerer als Mädchen


Sollten Frauen zur Schule gehen dürfen? Auf jeden Fall, befanden die Rektoren der deutschen Mädchenschulen, als sie 1872 in Weimar tagten. Die Erklärung der Herren Rektoren: Mädchen bräuchten Schulbildung, "damit der deutsche Mann nicht durch die geistige Kurzsichtigkeit und Engherzigkeit seiner Frau am häuslichen Herd gelangweilt und in seiner Hingabe an höhere Interessen gelähmt werde".

Trotzdem galt noch in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts das katholische Arbeitermädchen vom Lande als typische Bildungsverliererin. Nicht nur Schicht und Konfession spielten eine Rolle für den Schulerfolg. Auch weiblich zu sein galt als Hindernis in der Bildungslaufbahn.

Heute ist kaum noch die Rede davon, dass Frauen in Schulen und Universitäten benachteiligt wären. Im Gegenteil: Als die neuen Bildungsverlierer werden die Jungen ausgerufen. Auf den ersten Blick spricht einiges für diese These. Aber eben nur auf den ersten.

  • Mädchen haben tatsächlich im Schnitt bessere Schulnoten. Das Land Nordrhein-Westfalen zum Beispiel hat für das Jahr 2007 eine Geschlechterstatistik zu den Abiturnoten erstellt: Demnach hatten 40 Prozent der Jungen eine Abiturnote, die schlechter als 3,0 war - aber nur 33,4 Prozent der Mädchen. Auch andere Untersuchungen belegen den Vorsprung der Mädchen. Nur: Neu ist das keineswegs. Bereits in den Siebzigerjahren fiel dem Erziehungswissenschaftler Karlheinz Ingenkamp der Notenvorsprung der Mädchen auf. In Großbritannien stieß eine Untersuchungskommission sogar schon hundert Jahre zuvor auf das gleiche Phänomen.

  • Interessant ist eher, dass der Rückstand der Jungen so lange nicht weiter problematisiert wurde. Das mag damit zusammenhängen, dass Jungen zwar schon lange die schlechteren Noten hatten, am Ende aber doch häufiger die höheren Schulabschlüsse erzielten. In den Fünfzigerjahren ging nur jedes dritte Abiturzeugnis in der Bundesrepublik an eine junge Frau. Warum sollte man die Tochter in den Nachkriegsjahren auch aufs Gymnasium schicken, wenn ihr doch ein Leben als Hausfrau und Mutter vorherbestimmt zu sein schien? Dieses Geschlechterklischee gilt glücklicherweise nicht mehr. Die Folge: Seit den Neunzigerjahren ist mehr als die Hälfte der Abiturienten weiblich.

Die Biologie erklärt nicht alles

Damit ist nun auch die Frage ins Bewusstsein gerückt: Warum tun sich Jungen in der Schule schwer? Einiges scheint auf biologische Ursachen hinzudeuten. So kommen zum Beispiel mehr Jungen als Mädchen mit einer - mehr oder weniger starken - geistigen Behinderung zur Welt und scheitern daher auch häufiger in der Schule. Forscher machen dafür Defekte auf dem X-Chromosom verantwortlich. Frauen haben zwei dieser Chromosomen und können solche Defekte deshalb eher kompensieren.

Mädchen sind in ihrer Entwicklung außerdem schneller als Jungen, lernen oft früher das Lesen und kommen früher in die Pubertät. Es gibt aber auch Untersuchungen, die Entwicklungsvorteile zugunsten der Jungen ausmachen, etwa beim mathematischen Denken. (Einen kurzen Abriss dazu finden Sie hier in einem Aufsatz der Bildungsforscherin Margrit Stamm.)

Es mag also durchaus Unterschiede geben, die angeboren sind. Wer aber alles auf die Biologie schieben will, macht es sich zu einfach. Internationale Vergleichsstudien zeigen, dass die Geschlechtergefälle höchst verschieden ausfallen können - also Kultur, Erziehung und das Bildungssystem ebenfalls einen gewichtigen Einfluss haben müssen. In Israel verfehlten im Pisa-Test zwölf Prozent mehr Jungen als Mädchen grundlegende Kompetenzniveaus. In Shanghai dagegen war der Geschlechterunterschied minimal. (Die Pisa-Auswertung zur Geschlechtergerechtigkeit finden Sie hier.)

Auch Männer geben Jungen die schlechteren Zensuren

Manche sehen den Grund für den Nachteil der Jungen in einer "feminisierten Schule". Auf den ersten Blick mag das einleuchten: Die Schule ist heute ein Frauenarbeitsplatz: Rund 71 Prozent der Lehrkräfte in Deutschland waren im Jahr 2013 weiblich, an den Grundschulen waren es sogar 90 Prozent.

Wären mehr männliche Lehrer also die Lösung? Wohl kaum, meint der Bildungsforscher Marcel Helbig, der verschiedene Studien zum Thema ausgewertet hat. Jungen haben demnach keine besseren Noten, nur weil sie von männlichen Lehrern unterrichtet werden - auch Männer geben Jungen die schlechteren Zensuren.

Woran liegt es dann? Die Haupterklärung seien Rollenbilder der Jungen und ihr Verhalten im Unterricht, schreibt Helbig. Ähnlich argumentieren auch die Pisa-Forscher in ihrer Studie und führen zum Beleg verschiedene Kennwerte an:

  • Mädchen strengen sich mehr an: In Deutschland verbringen 15-jährige Mädchen im Durchschnitt 5,5 Stunden pro Woche mit Hausaufgaben. Die Jungen investierten nach eigenen Angaben nur 3,8 Stunden.
  • Lesen bildet, aber Jungen meiden es: 72,5 Prozent der befragten Mädchen in Deutschland gaben an, dass sie zum Vergnügen lesen - aber nur 45,1 Prozent der Jungen.
  • Jungen schätzen den Wert der Schule geringer ein als Mädchen: 93,7 Prozent der Mädchen in Deutschland lehnen die Aussage ab, die Schule sei Zeitverschwendung. Unter den Jungen weisen nur 85 Prozent diesen Satz zurück.

Sich für die Schule anzustrengen, vermuten die Forscher, gilt in Jungen-Cliquen häufiger als uncool. Erfolg in der Schule hat man oder eben nicht - sich darum zu bemühen, passt offenbar nicht zum häufig vorherrschenden Männlichkeitsideal. Ein richtiger Junge soll Lehrer eher infrage stellen, statt ihren Anweisungen zu folgen. Unter Mädchen scheint die Vorstellung dagegen weitaus akzeptierter zu sein, dass gute Noten auch mit Mühe und Arbeit zu tun haben.

Fazit: Mädchen haben schon seit Langem bessere Noten als Jungen, aber erst seit vergleichsweise kurzer Zeit erreichen sie auch häufiger höhere Abschlüsse. Als wichtigster Grund für die schlechteren Noten der Jungen gelten Rollenbilder, die das Verhalten prägen: Sich für die Schule anzustrengen, ist unter Mädchen akzeptiert, unter Jungen dagegen oft verpönt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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epicur 04.01.2016
1.
Jungen wissen, dass es sie in der Arbeitswelt einfacher haben. Männer befördern oft Männer. Man will unter sich bleiben. Oft werden qualifizierte Frauen benachteiligt und klein gemacht. Viele Männer hätten als Frauen keine Chance Karriere zu machten.
stefanmller800 04.01.2016
2.
Das Problem ist aber, dass nach der selben Logik eine Diskriminierung von Frauen im ^Berufsleben gesehen wird. Da ist das Problem...man darf einfach in der Politik nicht sagen: "Frauen und Männer sind nicht gleich. Trotzdem ist keiner besser oder schlechter."
FocusTurnier 04.01.2016
3. Mit Vorsicht zu genießen
Die Untersuchungen, die von Herrn Helbig bzw. dem WZB angefertigt worden sind, sollten mal etwas näher betrachtet werden. Nicht, um Diskriminierungen zu suchen, wo keine sind, sondern um einem wissenschaftlichen Anspruch gerecht zu werden. Der Lehrer Lucas Schoppe hat sich dieser Thematik mal angenommen: http://man-tau.com/2015/09/18/marcel-helbig-und-die-aggressionen-gegen-jungen/ Wenn die Aussage steht, daß 85% aller männlichen Schüler die schulische Ausbildung nicht wertschätzen, dann sollte man sich vielleicht mal fragen, ob das nicht auch an der schulischen Ausbildung, und nicht an den Jungen selber, liegen kann. Im Gegensatz zur deutschen Presse thematisieren die britischen Medien dieses Problem etwas deutlicher: http://www.dailymail.co.uk/wires/pa/article-3363461/Tens-thousands-men-missing-higher-education.html
Tevsa 04.01.2016
4.
Ob Bildung auch " in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts das katholische Arbeitermädchen vom Lande " auch als " uncool " oder besser wohl unnötig erachtet wurde? Hat es sich geändert? Das geht auch für die heutigen "Bildungverlierer". Aber dazu müste das Problem erstmal von der Familienministerium erst genommen werden....
bernd.schuhster 04.01.2016
5. Hirngröße
Es ist Fakt, dass das männliche Gehirn um ca. 150g schwerer als das weibliche ist. So ist nachvollziehbar, dass das weibliche Gehirn schneller voll entwickelt ist und dafür das männliche nach der Vollentwicklung durchschnittlich leistungsfähiger ist. Dies lässt sich m.E. im Berufsleben täglich sehen, wie auch in den Karriereentwicklungen.
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