Schleswig-Holsteins Bildungserfolg "Das habe ich nicht zu hoffen gewagt"

Schleswig-Holstein belegt beim Bildungstrend 2015 einen Spitzenplatz. Bildungsministerin Britta Ernst erklärt, wie das Bundesland das geschafft hat.

Schulbibliothek in Bonn (Symbolbild)
DPA

Schulbibliothek in Bonn (Symbolbild)


Zur Person
  • DPA
    Britta Ernst, SPD, ist seit 2014 Bildungsministerin in Schleswig-Holstein.

SPIEGEL ONLINE: Frau Ministerin, herzlichen Glückwunsch. Schleswig-Holstein hat beim Bildungstrend 2015 enorm aufgeholt und ist unter den besten drei Bundesländern. Waren Sie vom Abschneiden überrascht?

Ernst: Ich war mir sehr sicher, dass wir uns nicht verschlechtert haben und bin sehr gespannt nach Berlin gefahren, wo wir die Ergebnisse erfahren haben. Dass wir so gut abschneiden, habe ich nicht zu hoffen gewagt. Es braucht Zeit, zu positiven Veränderungen zu kommen. Das Ergebnis jetzt ist wirklich sehr beeindruckend.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn seit der vorigen Studie 2008/09 in Schleswig-Holstein im Bildungswesen passiert, dass Sie so aufgeholt haben?

Ernst: Schleswig-Holstein hat sich nach den Pisa-Ergebnissen sehr stark mit schwächeren Schülern und Gerechtigkeitsfragen beschäftigt. Das Wichtigste ist das Programm "Lesen macht stark", eine gezielte Leseförderung. Wir haben heute nachgerechnet: Seit 2006 sind 77.000 Schülerinnen und Schüler gefördert worden. Zusätzlich haben wir rund 600 Lesecoaches ausgebildet, die an unseren Gemeinschaftsschulen schwache Schüler unterstützten. Und da wir die große Veränderung im Fach Deutsch haben, sind wir davon überzeugt, dass das Programm ein entscheidender Punkt war.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Lesecoaches?

Ernst: Das sind Lehrer, die sich anderthalb Jahre für diese Aufgabe fortgebildet haben. In der Schule sollen sie die Leseförderung auf lange Sicht im Blick haben. Sie sind sowohl für die Schüler wie auch - didaktisch - für Lehrkräfte da.

Sehen Sie hier die Ergebnisse der einzelnen Länder im Vergleich



SPIEGEL ONLINE: Haben Sie noch andere Erfolgsrezepte?

Ernst: Ja. Zum einen haben wir rechtzeitig begonnen, unser Schulsystem zu einem Zweisäulenmodell umzubauen. Das heißt, neben dem Gymnasium gibt es nur noch eine Gemeinschaftsschule. Da diese Diskussion abgeschlossen ist und es einen Schulfrieden gibt, konnten wir uns stärker auf die Qualität von Schule und Unterricht konzentrieren.

Außerdem bescheinigt uns eine aktuelle Studie, dass unsere Lehrkräfte sich gut fortbilden, fast 90 Prozent regelmäßig. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Fachdidaktik. Und der IQB-Ländervergleich bestätigt noch mal, dass fachlich guter Unterricht zu höheren Leistungen führt.

SPIEGEL ONLINE: Richtet man den Blick auf die tatsächlichen Prozentzahlen statt auf die Position im Länderranking, fällt auf, dass es noch Nachholbedarf gibt: Nur 54 Prozent der Schüler erreichen den Bildungsstandard beim Lesen von deutschen Texten, im Englischen sind es sogar unter 50 Prozent.

Ernst: Wir ruhen uns jetzt ja nicht aus. Aber zur Interpretation der Daten muss man sagen: Die Ergebnisse beziehen sich auf die Regel- und Mindeststandards zum Erreichen des mittleren Schulabschlusses. Er findet bewusst ein Jahr vor dem Abschluss statt. Die Schüler haben also noch ein Jahr Zeit, die Standards zu erreichen. Das heißt: Über die Hälfte erreicht den Standard schon ein Jahr bevor er gefordert ist.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort: Nicht ausruhen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisiert zum Beispiel, dass es in Schleswig-Holstein zukünftig zu wenig Lehrer für die Inklusion gibt. Wie wollen Sie das gute Ergebnis halten?

Ernst: Wir investieren ganz massiv in den Ausbau der Unterrichtsversorgung und der Lehrkräfte und haben gerade vergangene Woche ein Gutachten vorgelegt, das uns im Bereich Inklusion ein Defizit von 500 Lehrstellen attestiert. Wir haben als Landesregierung gesagt, dass wir das als Aufgabe der nächsten Landesregierung sehen und auch umsetzen wollen.



insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kein_wunder 28.10.2016
1. Alles für den Standard
So wie Maschinenteile standardisiert werden, wird der Mensch es auch. Man kann dies dann natürlich als Erfolg sehen wenn man es schafft, Kandidaten auf einen bestimmten Test vorzubereiten. Ich hoffe es wurde dabei nicht nur gedrillt um einen guten Score zu erreichen, sondern ich hoffe der gute Score fällt nebenbei ab und die Schüler haben etwas für das Leben gelernt.
Hamberliner 28.10.2016
2. Nein, in SH ist nicht alles in bester Ordnung.
In Schleswig-Holstein braucht man sich zumindest im Grundschulbereich über Lehrermangel nicht zu wundern, da Schulleiter und Schulräte Eltern mit Kunden verwechseln, denen jede Lüge glauben, jede Frechheit erlauben und demensprechend das Lehrpersonal verschleißen und verbrauchen wie Klopapier. Verbreitet eine Mutter aus lauter Langeweile oder Geltungsbedürfnis die Lüge, den Kindern würde der Toilettengang verboten, gibt es von der Schulleitung Druck auf die Lehrerin. Bringt eine Lehrerin ein exotisches afrikanisches Musikinstrument in den Grundschulunterricht, erstattet Mutter A Strafanzeige wegen Körperverletzung, da ihre Tochter nun ein Knalltrauma habe, und Mutter B verbreitet, die Lehrerin habe die Kinder mit der Trillerpfeife zur Räson gebracht. Dementsprechend gibt es Druck von oben auf die Lehrerin. Kann sein, dass Schulleiter wissen, dass Eltern keine Kunden sind, dass sie nicht im Auftrag der Eltern Kundendienst am Kind leisten, sondern in unser aller Auftrag die hoheitliche Aufgabe wahrnehmen, auch gegen den Widerstand der Eltern die Kinder fürs Leben zu qualifizieren, aber wenn es so viel bequemer ist, es immer nur den Eltern recht zu machen, auch den dreiststen, dann hat es eine einfache Erklärung wenn Schulleiter in Schleswig-Holstein diesen Weg gehen: sie werden für ihre Mehrleistung nicht bezahlt. Das ist auch nicht das einzige Problem. Warum eigentlich bekommt eine junge Lehrerin einen Heulkrampf wenn sie erfährt, dass sie ab sofort an einer Hauptschule in Kiel-Mettenhof unterrichten soll? Ist das Naturgesetz? Muss das so sein? Und was haben die Verantworlichen sich dabei gedacht, wenn sie per ordre du moufti anordnen, dass zur Schonung der armen kleinen Kinder Desinformation verbreitet wird, nämlich die Desinformation Afrika sei ein "Land" genauso wie Italien und Frankreich Länder sind, dementsprechend eine "Projektwoche: das Land Afrika" anberaumen? Wir halten Schleswig-Holsteins Kinder dumm, weil sie noch viel zu klein für die komplizierte Realität sind?
unky 28.10.2016
3. Das ist doch ein Armutszeugnis
58,5 % der Schüler erreichen den Standard in der Kategorie "Deutsch Lesen" und rund 68 % in Rechtschreibung - und das sind die besten Ergebnisse? Das ist doch ein Skandal. In Deutschland wird doch nicht erst seit 20 Jahren Schulunterricht erteilt. Da gibt es doch methodische und didaktische Erfahrungen nicht nur seit vielen Jahrzehnten! Wieso werden diese nicht genutzt, um das zu erreichen, was im 20. Jhd. ja offensichtlich gelang: Nämlich der Mehrzahl der Schüler Lesen und Schreiben beizubringen? Wenn ich mir ansehe, wie Methodik und Didaktik des Deutschunterrichts bei meinen vier Enkeln aussehen, wundert mich allerdings nichts mehr. Die Familie kompensiert den miserablen Deutsch-Unterricht mit den Lernmethoden der 1960er Jahre. Mit Erfolg. Die Enkel haben alle in Deutsch ein "Sehr gut".
helianthe 28.10.2016
4. In Baden-Württemberg
ist man schockiert über das schlechte Abschneiden. Da kann man nur noch müde lächeln. Seit Jahren geht es immer mehr bergab. Der Zustand der Schulen widerspiegelt auch den Zustand des Systems. In der Grundschule werden alle Schüler bis in die 4. Klasse mitgeschleift. Keiner darf sitzenbleiben. Jeder kann auf's Gymnasium. Lehrerempfehlungen wurden abgeschafft...und und.Dann wundert man sich?
stephan.jannasch 28.10.2016
5. gewürfelte Studien: Schleswig Holstein hätte auch zufällig letzter werden können!
33000 Schüler klingt erst mal viel. Allerdings sind das pro Bundesland nur noch 2200 Schüler oder 100 Klassen. Geht man davon aus, dass innerhalb einer Klasse durch die Lehrer und die sozialen Verhältnisse eine gewissse Nivellierung stattfindet, sinkt die statistisch sichere Grundlage auf n=100 pro Bundesland. Da bei der Auswahl der Schulen gewürfelt wurde, sind diese nicht repräsentativ! Und damit sind die ermittelten Daten auf dem einfachen Signifikanzbniveau nicht signifijkant und der ganze Hype ist wie so oft eine Luftnummer. Nur schlimm, dass aus Zufallsergebnissen politische Weichestellungen getroffen werden. Solche stümperhaften Studien gehören verboten, da die Politiker selten in der Lage sind sie korrekt zu interpretieren und im Affekt viel Schaden anrichten. siehe auch den schönen Spiegel Artikel zu Lügen mit Länderrankinks http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/umfragen-in-deutschland-wir-wuerfeln-uns-eine-studie-a-1052493.html
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.