80-Kilometer-Schüler-Wanderung "Das sind höllische Qualen"

Der Schweizer Lehrer Steve Knuchel lässt seine Schüler 80 Kilometer am Stück wandern, trotz Sonnenbrand und Blasen an den Füßen. Warum macht er das?

Steve Knuchel

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Knuchel, bei Ihren Wanderungen über Dutzende Kilometer bekommen die Schüler nicht nur Blasen an den Füßen, sondern sogar richtige Fleischwunden. Warum quälen Sie die Jugendlichen so?

Steve Knuchel: Die meisten Schulausflüge sind doch langweilig. Die Klassen gehen ins Museum oder besuchen Schlösser. Aber ich möchte die Schüler vor eine Herausforderung stellen, sie dazu bewegen, an ihre Grenzen zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Knuchel: Weil es Schüler gibt, die nur noch auf ihr Smartphone schauen und nicht mehr dazu fähig sind, mit dem Rad in die Schule zu kommen. Ich wollte wissen, ob alle so verweichlicht sind oder es noch Kämpfer gibt.

Zur Person
  • Steve Knuchel
    Steve Knuchel (38) unterrichtet am Oberstufenzentrum Wiedlisbach in der Schweiz die Fächer Mathematik, Physik, Geografie und Sport. Im nächsten Jahr will er mit seinen Schülern eine 100-Kilometer-Wanderung machen.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Knuchel: Die Touren sind absolut freiwillig. Ich zwinge niemanden dazu, mitzukommen. Von 50 Schülern in der Jahrgangsstufe, alle zwischen 14 und 15 Jahre alt, beteiligen sich um die 20 an den Wanderungen, die ich einmal im Jahr anbiete. Und das, obwohl ich immer sage, dass das kein Spaß wird. Es wird lang und hart, wir werden stundenlang marschieren - eine körperliche und psychische Qual. Wenn die Leute zu mir sagen, ich sei verrückt, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie mit den Wanderungen erreichen?

Knuchel: Die Schüler sollen lernen, sich durchzubeißen. Natürlich ist das nicht schön, die Wanderungen bedeuten auch für mich höllische Qualen. Irgendwann ist mir alles egal. Aber ich muss weiter. Und irgendwie geht es dann doch. Es ist alles eine Kopfsache. Und wenn die Schüler nach 80 Kilometern das Ziel erreichen, wissen sie, was sie alles schaffen können - und dass immer noch mehr geht, als sie denken. Sie lernen sich bei den Wanderungen neu kennen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst davor, dass mal jemand zusammenbricht?

Knuchel: Das kann passieren. Aber es sind immer acht erwachsene Begleiter dabei, die die Jugendlichen im Blick haben. Wenn es jemandem nicht gut geht, machen wir Pause, wir trinken und essen. Und wenn es gar nicht mehr geht, haben wir auch eine Sanitätstrage dabei. Im schlimmsten Fall rufen wir einen Krankenwagen. Aber das ist noch nie vorgekommen.

SPIEGEL ONLINE: Beschweren sich die Eltern denn nicht über diese harten Wanderungen?

Knuchel: Ich sage ihnen ja, dass das kein Sonntagsspaziergang wird. Die Kinder werden nach der Wanderung erschöpft sein und mit großen Schmerzen zurückkommen. Die Eltern müssen eine Einverständniserklärung unterschreiben, wo all das drin steht. Wenn sich später jemand aufregt, kann ich darauf verweisen. Einige Eltern haben Bedenken: Am Ende müssen sie entscheiden, ob sie ihre Kinder mitgehen lassen oder nicht. Aber ich unternehme alles dafür, dass diese Herausforderung gelingen kann.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie denn mit den Kindern, die vor Schmerzen kaum noch laufen können?

Knuchel: Ich zwinge niemanden dazu, weiterzugehen. Jeder Schüler kann jederzeit aufhören. Doch es entwickelt sich eine Eigendynamik. Niemand will der erste sein, der abbricht. Wenn jemand leidet, treibe ich ihn weiter an, aber ich tröste ihn natürlich auch. Ich sage dann immer, die anderen leiden ja genauso mit - auch die Erwachsenen. Es ist übrigens fast schwerer, die erwachsenen Begleiter davon zu überzeugen, mitzukommen. Die trauen sich so etwas weniger zu als die Schüler.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen die Schüler im Nachhinein über die langen Wanderungen?

Knuchel: Wir reden danach in der Schule darüber. Die Schüler sind natürlich unglaublich stolz auf das, was sie geleistet haben. Im Nachhinein können sie darüber lachen, dass sie in gewissen Situationen nur noch geflucht und alle anderen beleidigt haben. Sie wissen jetzt, dass jeder anders auf extreme Belastungen reagiert.



insgesamt 105 Beiträge
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Seite 1
womo88 11.04.2018
1. Der hat doch nicht mehr alle Latten am Zaun!
Ich bin mal 40 km am Stück gewandert mit vollem Gepäck und war fix und fertig. Man kann auch anders etwas erreichen, etwa Klettern mit Schwierigkeitsgraden 7 oder 8, Erkunden von Karsthöhlen in den Cevennen, wo man im totalen Dunkeln kriechen muss. I>ch bin auch schon mit Jugendlichen 130 km am Stück Rad gefahren, aber da hört der Spaß dann wirklich auf für untrainierte Jugendliche. 80 km Wandern ist doch pervers!
pontiaxxx 11.04.2018
2. Endlich...
...mal einer der was drauf hat ! Jemand der klar erkennt das es mit der Jugend so nicht mehr weitergehen kann und konsequent gegensteuert. Ich will mit den jungen Leuten im Allgemeinen nicht allzu hart ins Gericht gehen, sie lassen mir allerdings keine andere Wahl. 12 jährige Mädchen mit 80 Kilo, Heranwachsende ohne Muskeln, aber mit Colabauch...sie besitzen alle Spiele und Apps, und zwar auf dem aktuellsten Smartphone. Und darauf starren sie, wie Roboter, den ganzen Tag. Diese Menschen ahnen ja nicht einmal, was sie mit sich und ihrem Verstand, einem gesunden Körper so alles bewegen könnten. Dieser Lehrer öffnet ihnen die Augen und ich hoffe inständig das ihm niemals irgend ein besserwisserisches Erzieher-Weichei Steine in den Weg legt...würde mich nicht wundern. Dem guten Mann und seinen tapferen Mitstreitern meine Hochachtung, auf das es ihm noch viele nachmachen mögen...denn sowas ist selten geworden, heutzutage..!
The Restless 11.04.2018
3. Gute Idee
Die Idee finde ich gut! Fleischwunden und schlimme Blasen lassen sich meistens verhindern, indem man die Füße nach dem 1. Viertel (nochmals nach der Hälfte) der Wanderung genauestens auf rote Stellen untersucht und dann ordentlich abklebt oder (an den Sohlen) mit Talg schmiert. Bei Pausen immer die Schuhe ausziehen und Luft an die Füße lassen. Es kann ein Spaß sein, gerade wenn es unterwegs dann auch ein paar Leckereien gibt.
Actionscript 11.04.2018
4. Falscher Ansatz
Als Sportlehrer sollte man doch etwas anders denken. Ich bin langjähriger Sportler, Läufer, und habe auch Verletzungen hinter mir. Der Grund dafür ist, nicht genügend Pausen einzulegen und übertrainiert zu sein. Ich verstehe das Konzept des Lehrers, die Schüler zum Durchhalten anzuhalten, was sich auch auf andere Dinge im Leben wie Ausbildung und Beruf übertragen lässt. Doch das Prinzip des Durchhaltens mit Schmerzen ist falsch. Man muss lernen, Pausen zu machen und sich zu erholen. Das kann oft schwieriger sein als mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Wenn es nur darum, nicht mit dem Handy rumzuspielen, dann schlage ich doch vor, die Qual einzugehen, das Handy für eine Woche abzugeben.
svizzero 11.04.2018
5. Genau das brauchen die Jugendlichen
Herausforderungen, kein ewiges kuscheln. Stolz sein, auf die eigene Leistung, nicht auf zig tausend Followers oder hunderte von "Freunden." Ein anderer Schweizer Lehrer ist mit der ganzen Schulklasse in 2 Tagen X Kilometer marschiert und landete am Schluss auf dem 2500m hohen Säntis. Alle waren dabei, alle haben sie die Herausforderung angenommen. Und alle waren nachher unglaublich Stolz auf das, was sie geleistet hatten. Was übrigens im Interview nicht erwähnt wird, viele der 14 jährigen Schüler meldern sich im Folgejahr wieder freiwillig für den Marsch. Das zeigt, was ein grosser Teil der Jugendlichen eigentlich wirklich will: Persönliche Herausforderungen. Zeigen, dass man etwas schaffen kann, was Eltern, Verwandte und Kollegen für unmöglich halten.
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