Schüler contra Lehrer Warum Stören sich für Klassenclowns lohnt

Für Lehrer sind hartnäckige Dauerstörer die Hölle. Jugendliche dagegen profitieren davon, wenn sie sich im Unterricht daneben benehmen. Im Interview erklärt Bildungsforscher Ulrich Trautwein, wieso aggressive Schüler Applaus erhalten und oft nicht einmal ihre Zensuren leiden.


SPIEGEL ONLINE:

In einer Schulleistungsstudie des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung haben Sie herausgefunden, dass es sich für Jugendliche lohnt, den Unterricht zu stören. Was nützt das Stänkern den Schülern?

Forscher Trautwein: "Stören steigert das Prestige"

Forscher Trautwein: "Stören steigert das Prestige"

Ulrich Trautwein: Bei aggressiven Schüler verbessert sich langfristig das Selbstbild. Sie fühlen sich stärker und schätzen ihre eigene Durchsetzungsfähigkeit höher ein als angepasstere Jugendliche. Sie fühlen sich auch von den Mitschülern mehr akzeptiert, die soziale Anerkennung erhöht sich.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert das?

Trautwein: Schüler, die stören, erhalten in der Regel Aufmerksamkeit. Wenn sie laut und ausfallend gegenüber den Lehrern werden, bekommen sie positive Rückmeldung von Mitschülern, die den Unterricht ebenfalls langweilig finden, sich verweigern oder den Lehrer nicht mögen. Besonders wenn der Lehrer als ungerecht oder der Unterricht als zu schwierig wahrgenommen wird, empfindet die Klasse den Störer als aufrechten Kämpfer für eine gemeinsame Sache.

SPIEGEL ONLINE: Also eine für Schüler empfehlenswerte Methode, um sich besser zu fühlen?

Trautwein: Nicht wirklich. Die auffälligen Jugendlichen werden natürlich vom Lehrer bestraft. Ein positives Selbstbild, das auf aggressivem Verhalten beruht, kann auch im Berufsleben zu Problemen führen. Vorstellbar wäre, dass betroffene Jugendliche später Anerkennung durch Angst erzwingen oder ein übersteigertes Selbstkonzept haben, welches irgendwann an der Realität zerschellt.

SPIEGEL ONLINE: Leiden die Zensuren der Klassenclowns?

Trautwein: Erstaunlicherweise nicht. Aber überdurchschnittlich viele von ihnen wechseln in eine andere Klasse - aus welchem Grund auch immer: Umzug, Probleme mit den Mitschülern, schlechte Noten. Die Gründe für die Abwesenheit konnten wir nicht erheben. Es ist aber wahrscheinlich, dass einige der intensiven Störer sitzen geblieben sind.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie die Jugendlichen in der Studie gefragt?

Schüler (bei Abifeier): Jeder schlägt mal über die Stränge - manche dauernd
DDP

Schüler (bei Abifeier): Jeder schlägt mal über die Stränge - manche dauernd

Trautwein: Wir haben 4000 Schüler aller Schulformen aus vier Bundesländern befragt, zunächst in der 7. Klasse und nach drei Jahren noch einmal in der 10. Klasse. Die Schüler beantworteten Fragen wie: Wie oft stören sie die Unterricht? Wie oft ärgern Sie den Lehrer? Wie oft werden Sie verbal oder körperlich gewalttätig gegenüber den Mitschülern? Bei solchen Angaben haben wir eine hohe Übereinstimmung zwischen Lehrerbericht und Schülerangaben festgestellt. Wir haben aber auch nach dem eigenen Selbstbild gefragt: Fühlen Sie sich mehr oder weniger selbstbewusst als vor drei Jahren?

SPIEGEL ONLINE: Und die aggressiven Schüler hatten ein Stimmungshoch?

Trautwein: Ihr Selbstbild hatte sich verbessert, denn sie werden als wichtige Personen und Meinungsführer wahrgenommen. In der Subkultur der Jugendlichen steigert die Missachtung des Lehrers oder das Stören eines langweiligen Unterrichts das Prestige.

SPIEGEL ONLINE: Wer wird zum Störer?

Trautwein: Viele der aufmuckenden Jugendlichen haben zu Hause Probleme und lassen den Frust im Unterricht raus. Stören kann aber auch eine bewusst eingesetzte Strategie sein, um sich Aufmerksamkeit zu holen. In unserer Studie haben besonders jene Schüler von ihrem Problemverhalten profitiert, die sich in der 7. Klasse schwächer als andere fühlten und sich als wenig durchsetzungsfähig bezeichneten.

SPIEGEL ONLINE: Was können Eltern und Lehrer aus der Untersuchung lernen?

Trautwein: Sie sollten sich bewusst machen, dass sich das Selbstbild der jungen Menschen auf verschiedene Arten verändern kann. Anerkennung ist für alle Jugendlichen wichtig, und die gibt es auf ganz verschiedene Weisen. Stören ist nicht der Königsweg zur Verbesserung des Selbstbilds. Auch auf akademischen Erfolg sind Schüler stolz, und wenn sie Anerkennung für besonders soziales Verhalten bekommen.

Das Interview führte Carola Padtberg




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