Schüler im Halbschlaf "Frühaufsteher erhalten bessere Noten"

Wenn die erste Stunde beginnt, sind viele Schüler noch schläfrig bis komatös. Darunter leiden auch die Zensuren, wie eine neue Studie zeigt. Im Interview erklärt der Leipziger Biologe Christoph Randler, warum der Stundenplan eine Mehrheit der Schüler benachteiligt.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einer Studie mit 200 Studenten herausgefunden, dass bekennende Frühaufsteher deutlich bessere Abiturzeugnisse erreichten als Langschläfer. Im Schnitt waren sie eine halbe Note besser. Wie erklären sie das?

Christoph Randler: Frühaufsteher sind nicht intelligenter. Sie hatten einfach Glück, in jenen Stunden des Tages herausgefordert zu werden, in denen sie munter waren. Der Stundenplan in der Schule passte zu ihrem natürlichen Biorhythmus. Die Langschläfer hingegen hatten ein Handicap. Unsere innere Uhr können wir auch mit Willen nicht austricksen: Manch einer ist um 7 Uhr morgens topfit, ein anderer sollte besser bis 10 Uhr schlafen. In der Wissenschaft werden seit längerem so genannte Schlaftypen unterschieden, die Lerchen und die Nachteulen.

SPIEGEL ONLINE: Kurz gesagt: Die Schule diskriminiert Langschläfer?

Randler: Der frühe Schulbeginn um 8 Uhr diskriminiert sogar eine Mehrheit der Schüler, insbesondere Jugendliche, die überwiegend Spättypen sind. Bei meiner zweiten Studie mit 3000 Schülern, die gerade noch ausgewertet wird, kristallisiert sich heraus, dass der Biorhythmus im Alter von 12 oder 13 Jahren richtiggehend umkippt. Vorher sind viele Jugendliche Frühtypen, mit der Hormonumstellung in der Pubertät mutieren sie plötzlich zu Nachteulen. Erst mit Anfang 20 differenzieren sich die Schlaftypen dann wieder aus - einige Eulen kehren zum frühen Aufstehen zurück, andere bleiben für immer bei ihrem Rhythmus aus der Teenagerzeit.

SPIEGEL ONLINE: Ist es möglich, in der Schulwoche aufgetürmte Schlafdefizite nachzuholen?

Randler: Früher hat man ja immer gesagt, Schlaf ist nicht aufzuholen. Trotzdem schlafen gerade Jugendliche am Wochenende viel und lange. Ihnen fehlen immerhin zwei bis drei Stunden Nachtruhe pro Arbeitstag. Neue Studien zeigen, dass dieser "Weekend-Oversleep" eine ausgleichende und erholende Wirkung hat. Eltern sollten ihre Kinder also nicht unbedingt zum frühen Familienfrühstück am Sonntag zwingen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie herausgefunden, wer eine geborene Lerche und wer eine Eule ist - und kann man das auch selbst überprüfen?

Randler: Wir haben die Schüler gefragt, wann sie bei freier Zeiteinteilung ins Bett gehen, also zum Beispiel im Urlaub. Der natürliche Schlafrhythmus stellt sich bei jungen Menschen schon nach etwa einer Woche ein. Wir wollten auch wissen, wann sich die Schüler fit fühlten, um welche Uhrzeit sie gern eine Klausur schreiben würden. Pauschal würde ich sagen, wer vor 7.30 Uhr aufsteht und dann gleich munter loslegt, ist eine Lerche. Bei Spättypen ist die Varianz größer, sie fühlen sich mit Weckzeiten zwischen 9 und 12 Uhr mittags wohl. Einen ausführlichen Test gibt es bei der Uni München, die schicken dann auch eine Auswertung.

SPIEGEL ONLINE: Aber selbst wenn eine Eule weiß, warum sie immer so müde ist, soll sie dann ihrem Lehrer oder Chef oder Lehrer sagen: Sorry, ich kann künftig erst gegen Mittag kommen?

Randler: Die Schule sollte wie in anderen Ländern erst um 9 Uhr anfangen. Ich fände es auch richtig, den eigenen Chronotyp bei der Berufswahl zu berücksichtigen. Wer Frühaufsteher ist, sollte nicht als Barmixer oder Schichtarbeiter anfangen. Und eine Nachteule natürlich nicht als Bäcker. Die meisten Menschen sind Normaltypen, mit Schlafzeiten von Mitternacht bis 8 Uhr morgens. Sie können ganz gut verkraften, wenn sie um 7 Uhr aufstehen müssen oder etwas später ins Bett gehen, als es ihrem natürlichen Bedürfnis entspricht. Doch wenn extreme Eulen oder Lerchen gegen ihre innere Uhr arbeiten, dann kann es zu Schlafstörungen und psychischen Problemen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen die Kultusministerien zu ihren Ergebnissen?

Randler: Während internationale Fachzeitschriften sehr interessiert an meiner Analyse waren, haben sich die Bildungspolitiker bisher leider nicht sehr interessiert gezeigt. Schade, denn ich glaube, mit etwas mehr Schlaf könnten unsere Schüler besser werden.

Das Interview führte Antonia Götsch



Forum - Späterer Schulanfang - bessere Leistung?
insgesamt 357 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
PM1973, 15.08.2006
1. Alles nur Anstellerei!
Bisher hat sich der Schulanfang nie nach den Schülern gerichtet, ob sie gerne lange schlafen möchten oder nicht. Ist ein Problem der heutigen Zeit. Wenn die Kinder abends lange vor der Glotze herumhängen, dann aufgedreht sind und nicht einschlafen können braucht man sich nicht zu wundern, dass sie morgens nicht aus den Federn und müde in die Schule kommen. Insofern ist ein später Schulanfang gar nicht nötig sondern eher ein verminderter Fernsehkonsum. Desweiteren: Später auf der Arbeit wird man auch nicht gefragt, ob man denn gerne ausschlafen möchte oder nicht. Wenn der Chef den Arbeitsbeginn auf 7 Uhr festlegt oder früher muss man sich auch danach richten.
La Bomba 15.08.2006
2. Endlich kann ich selbst bestimmen!
Ich habe den frühen Schulanfang immer gehaßt, ich war zum Schulbeginn nie ausgeschlafen, weiß heute noch nicht, warum die Schule mitten in der Nacht anfängt. Heute bin ich zum Glück selbständig, und kann selbst bestimmen, wann ich anfange zu arbeiten. Vor 10 bin ich selten im Büro. Dafür arbeite ich, wenns sein muß, aber auch bis abends um 10. Der spätere Arbeitsanfang wird von den meisten Leuten auch akzeptiert, die wenigsten fangen heute noch um 8 Uhr an. Warten wir noch 20 Jahre, dann kommt die Zeitverschiebung auch in den Schulen an.
geolina, 15.08.2006
3.
aus meiner praxis als lehrerin weiss ich, dass kinder, die tatsächlich mit dem schulstart um 8 probleme haben sehr dünn gesäht sind. oft sind die ersten 2 stunden sogar am produktivsten, weil die kinder dann noch ausgeruht und aufnahmebereit sind. also können sich kinder anscheinend an die anfangszeit von 8 uhr gewöhnen. (wobei ich der untersuchung auf keinen fall widersprechen möchte, aber so neu sind die erkenntnisse ja nun auch nicht, schon im bioleistungskurs hat uns unser biolehrer gesagt, dass man, wollte man die schule am biorythmus der schüler ausrichten, später anfangen müsste - etwas was wir damals stark unterstützten *lach*) was man bei dieser diskussion allerdings nicht vergessen sollte ich folgender punkt: wenn die schulanfangszeiten geändert werden wäre es vielen eltern nicht mehr möglich mit ihren kindern aufzustehen, mit ihnen zu frühstücken und sie dann in die schule, zum bus, usw. zu bringen. und soll es kindern tatsächlich (noch häufiger als es heute schon der fall ist) zugemutet zu werden schon als gundschulkinder alleine aufzustehen, sich selber das frühstück zu machen und dann rechtzeitig zur schule aufzubrechen? ehrlich, ich finde da würde man die kinder noch viel mehr überfordern. mit freundlichen grüßen
MikeTee, 15.08.2006
4.
---Zitat von PM1973--- Bisher hat sich der Schulanfang nie nach den Schülern gerichtet, ob sie gerne lange schlafen möchten oder nicht. Ist ein Problem der heutigen Zeit. Wenn die Kinder abends lange vor der Glotze herumhängen, dann aufgedreht sind und nicht einschlafen können braucht man sich nicht zu wundern, dass sie morgens nicht aus den Federn und müde in die Schule kommen. Insofern ist ein später Schulanfang gar nicht nötig sondern eher ein verminderter Fernsehkonsum. ---Zitatende--- Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Oder ist es dazu noch zu früh? Was sollen dumme Pauschalisierungen über fernsehabhängige Jugendliche? Auch zu meiner Schulzeit mit ihren drei öffentlich-rechtlichen Programmen waren viele Schüler morgens nicht aufnahmefähig. Der Bericht schildert in einfachen Worten die nicht mehr so neue wissenschaftliche Erkenntnis, daß sich in der Pubertät die innere Uhr verschiebt. ---Zitat von PM1973--- Desweiteren: Später auf der Arbeit wird man auch nicht gefragt, ob man denn gerne ausschlafen möchte oder nicht. Wenn der Chef den Arbeitsbeginn auf 7 Uhr festlegt oder früher muss man sich auch danach richten. ---Zitatende--- Desweiteren: In fast allen Berufen, in denen Kreativität und Know-How gefragt sind, gibt es Gleitzeit. Meine Kollegen erscheinen zwischen 7 und 11 Uhr. Wenn man körperlich arbeitet, mag frühes Aufstehen weniger schlimm sein, da die Bewegung eher wach macht. Geistige Höchstleistungen werden dabei aber meistens nicht verlangt. Die meisten Abiturienten werden sich folglich in ihrem späteren Berufsleben bzgl. ihres Arbeitsbeginns nicht nach ihrem Chef richten müssen. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis (überwiegend Akademiker) sind eigentlich nur die Lehrer diesbezüglich festgelegt.
Betonia, 15.08.2006
5.
---Zitat von sysop--- Der frühe tägliche Schulbeginn läuft der Leistungskurve der meisten Schüler entgehen, so die These eines Leipziger Biologen. Halten auch Sie einen späteren Schulanfang auch für sinnvoller? Wie sind Ihre Erfahrungen als Eltern oder Lehrer? ---Zitatende--- Ein Schulbeginn um 9:00 Uhr passt besser in die heutige Zeit, dazu gehört aber eine Ganztagsschule, nicht die "Bis zum Mittag"-Schule, die wir oft noch haben. Späterer Schulbeginn mit Betreuung ab 7:30 Uhr, Mittagessen in der Schule und nachmittags Hausaufgabenbetreuung und Sport bzw. sinnvolle Beschäftigung: fördert die Kinder, macht es für Eltern leichter, Kindererziehung mit Berufstägigkeit zu vereinbaren und fängt Defizite aus dem Elternhaus auf. So sollte die Schule von heute aussehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.