Schüler machen WM-Fernsehen Aufnahmeleiter beim Ferkelkicken

Drehen, schneiden, moderieren - bei diesem TV-Projekt machen Berliner Jugendliche alles selbst. Jeden Tag gehen 25 "Cyberkicker" als Fernsehreporter auf Sendung. Mal interviewen sie Rudi Völler, mal lassen sie dressierte Schweine brasilianischen Fußball spielen.

Von Christian Fuchs


Sprühdosen kullern auf dem Boden herum, ein Mikrofon liegt achtlos neben einer Colaflasche, Kunstrasenreste vermüllen eine Ecke des Raumes. Das Chaos hinter sich sieht Manuel Mühlbauer nicht, gebannt schaut er auf den Bildschirm. Vor einigen Wochen hat der 19-Jährige noch Abitur gemacht, jetzt sitzt er als Cutter bei einem Fernsehsender am Schneidetisch – "seit acht Stunden schon, Alter", berlinert er, aber ohne sich zu beschweren.

Manuel und zwei Dutzend andere Jugendliche zwischen 15 und 26 Jahren aus Berlin und Brandenburg wurden für das Fernsehprojekt Cyberkicker ausgewählt. Seit über zwei Wochen produzieren sie nun das größte deutsche Jugendmedienprojekt zur Fußball-WM: Täglich senden die Nachwuchsjournalisten eine halbstündige Live-Sendung, die auf zwei Berliner Lokalfernsehsendern und auf sieben Großbildleinwänden in der Stadt übertragen wird. Außerdem kann man die Radio- und Fernsehbeiträge der über 200 Außenreporter auf dem gemeinsamen Portal cyberkicker.de betrachten.

In ihrem eigenen Sender machen die Schüler alles selbst. Die Aufgaben wechseln täglich: An einem Tag darf Manuel als Aufnahmeleiter alle anderen anbrüllen, am nächsten Tag ist er selbst Kameramann oder in der Bildregie zuständig für die Schrifteinblendungen in der Sendung. Alle Fernsehbeiträge werden von den Nachwuchsjournalisten selbst recherchiert, gedreht, geschnitten, getextet und eingesprochen. Sogar die Studiokulisse, beleuchtet von 50 Scheinwerfern wie im professionellen Fernsehstudio, haben sie selbst entworfen und gebaut.

Sogar Rudi Völler gab spontan ein Interview

Dafür hat Tomasz Jeschke eine futuristische Berlinkulisse auf Kartons gesprüht. Es sollte "ein bisschen nach Zukunft und ein bisschen nach Street Art aussehen", sagt er. Zusammen mit einem Podest, das mit Kunstrasen beklebt ist, und einer durch rosa Tapeten ausgeschmückten Interviewecke ergibt die Rückwand das Studio. Jetzt sitzt Tomasz am großen Redaktionstisch zwischen leeren Pizzakartons und überlegt, wen er nächste Woche als Studiogast einladen könnte. Um bei Cyberkicker mitzumachen, nimmt Tomasz jeden Tag vier Stunden An- und Abreise aus dem brandenburgischen Prenzlau in Kauf.

Ronja Hartmann, 20, huscht an Tomasz vorbei in einen der beiden Schnitträume. Zehn bis zwölf Stunden ist sie täglich bei den Cyberkickern und fühlt sich gerade "krass im Koma". Heute früh hat Ronja den Präsidenten von Hertha BSC interviewt und muss das Gespräch jetzt schneiden. Sie hat bei Cyberkicker auch schon moderiert, den Ton gemischt und sich als Kamerafrau ausprobiert. "Es ist cool, dass es mal ein Projekt gibt, bei dem wir das Sagen haben", sagt Ronja. Und tatsächlich mischt sich der betreuende Medienpädagoge Michael Lange so gut wie nie ein. Er sitzt bei den Konferenzen dabei, gibt Tipps und Technik aus, aber ansonsten lässt er die Schüler machen.

Dabei ist bis jetzt Erstaunliches herausgekommen: Als etwa der Reporter Sebastian, 18, den ehemaligen Nationaltrainer Rudi Völler auf der Berliner Fanmeile entdeckte, sprach er ihn an und bekam prompt ein Interview. Außerdem haben die jungen Reporter mit Polizisten über No-Go-Areas diskutiert, im Selbstversuch mit einer Blindenfußballmannschaft trainiert und ausländische Fans aus Kroatien, England oder Mexiko ins Studio geholt. Oft dient ihnen der Fußball als Aufhänger, um auch ernste Themen und soziale Projekte vorzustellen.

Initiator Roland Geiger gibt sich stolz wie ein Stürmer nach dem entscheidenden Tor, wenn er über Cyberkicker spricht: "Klasse finde ich die Steigerung der Qualität, die letzten Sendungen waren fast fehlerfrei." Geiger ist Geschäftsführer der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin, die Cyberkicker gemeinsam mit der Medienanstalt Berlin Brandenburg für über 100.000 Euro umgesetzt hat. Damit werden vier Wochen Programm bezahlt und mehrere Jugendzentren unterstützt, die als Partnerredaktionen Beiträge aus beiden Bundesländern zuliefern.

Dressierte Schweine spielen Fußball

Cutter Manuel sitzt immer noch am Schnitt für seinen Beitrag für den nächsten Tag. Nebenan ist mehr Hektik: Ein Bericht über die Stimmung an einer Großbildleinwand bekommt gerade seinen Feinschliff und soll bereits in einer Stunde auf Sendung gehen. Manuel bleibt gelassen, er hat ja noch Zeit. Sein TV-Höhepunkt bisher war das Spiel Brasilien gegen Kroatien – aber nicht das Original, sondern die Cyberkicker-Version mit zwei kickenden Schweinen. Auf dem Studiokunstrasen flitzten zwei trainierte Ferkel zwischen zwei Toren hin- und her und nahmen das Ergebnis des Spiels vorweg: Auch in der Schweinvariante gewann Brasilien.

Noch 20 Minuten bis zur Sendung, aber ein Beitrag kann wegen eines technischen Problems "nicht ausgespielt werden". Aufnahmeleiter Vincent und Moderator Phillip stört das wenig. Sie kicken gemütlich einen Fußball durch die Studiokulisse. Zwei junge Techniker wirbeln herum, um eine Lösung für den Beitrag zu finden. Letzte Stellprobe für die Kameras und die Studiogäste. Noch fünf Minuten. Vincent ruft "Alle Handys aus". Noch eine Minute. 10, 9, 8 ... Vincent zählt den Countdown laut mit, drei, zwei, eins - und ab. Alles läuft wie geplant: Witzige Livefrotzeleien mit drei RTL-Serienschauspielern im Studio wechseln sich ab mit einem Beitrag über Zwangsprostitution und dem Auftritt von "Kalle", einem Fußballproleten, der das Ballgeschehen des Vortages im Ruhrpottdialekt kommentiert.

Die Sendung ist vorbei. Alle klatschen. Nach der Abschlussbesprechung auf dem Hof, verstreuen sich die Jungjournalisten über die Stadt. Morgen werden sie alle wieder da sein. Nur Cutter Manuel murrt ein wenig in sein Telefon: "Die WM ist fast vorbei, und ich war noch nicht einmal auf dem Fan-Fest, Alter. Daran ist allein dieses Projekt schuld."



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