Weihnachtsheimweh im Ausland "Wir feiern nächstes Jahr nach"

Weihnachten ohne die eigene Familie, ohne Kirche oder Kerzen? Aber ja! Sechs Austauschschüler berichten aus der Ferne von neuen Bräuchen und Heimweh an Heiligabend.

Aufgezeichnet von Nora Jakob und Marie-Charlotte Maas

Schülerin Lea in Thailand: exotisches Fest
Privat

Schülerin Lea in Thailand: exotisches Fest


An Heiligabend wird es in einigen Familien besonders sentimental - nämlich dort, wo Austauschschüler zu Gast sind. Wenn Jugendliche zum ersten Mal die Feiertage ohne ihre Familie verbringen, werden die meisten von schrecklichem Heimweh geplagt.

Trotzdem sind sie sich einig: Heimwärts fliegen gilt nicht. Hier erzählen sie, warum die Sehnsucht nach der Familie in diesen Tagen am größten ist - und was die Jugendlichen dagegen tun.


"Nicht nur für mich, auch für meine Gastgeber ist dieses Jahr etwas Besonderes. Deshalb feiert meine Gastfamilie nur für mich Weihnachten. Sogar einen Weihnachtsbaum haben sie geschmückt, es gibt einen kleinen Adventskranz, und jeder hat einen Adventskalender bekommen. Außerdem gehe ich in der Adventszeit jeden Sonntag in die Kirche, so wie ich es in Deutschland mache. Obwohl die meisten Thais dem Buddhismus angehören, findet man hin und wieder einen geschmückten Tannenbaum oder Lichterketten. Einkaufszentren und Restaurants sind dekoriert, und auch in der Schule ist der 24. Dezember ein besonderer Tag. Wirklich gelernt wird dann nicht - wir tanzen und spielen."

Lea, 16, aus der Nähe von Magdeburg, lebt in der thailändischen Stadt Phitsanulok.

"Ich muss zurzeit oft an Deutschland denken. Als kleinen Trost haben meine Familie und ich vereinbart, dass wir Weihnachten 2016 einfach zweimal feiern. Dann kann ich auch hoffentlich wieder die selbst gemachten Plätzchen meiner Schwester essen, die fehlen mir hier in den USA nämlich besonders. Traurig bin ich aber trotzdem nicht. Ich finde es toll, ein wichtiges Familienfest in einer anderen Umgebung zu erleben. Mit meinen Eltern habe ich ausgemacht, dass wir Heiligabend nicht skypen. Ich möchte nicht die Stimmung in der Gastfamilie zerstören – vor allem, weil sie eigentlich nur für mich feiern. In der religiösen Überzeugung meiner Gasteltern wurde Jesus nämlich nicht an diesem Tag geboren, das Weihnachtsfest halten sie eigentlich für Blasphemie. Die Lichterketten an den Häusern sind hier bunter und greller, es wirkt weniger gemütlich. Dafür werden meine Gastfamilie und ich die Feiertage mit einem Ausflug nach Disneyland einläuten – darauf bin ich sehr gespannt."

Liam, 17, aus Frankfurt am Main besucht eine Schule in Las Vegas, USA.

"In Mexiko gibt es keine Adventskalender und Adventskränze. Dafür stellt man den Baum schon vier Wochen vor den Feiertagen auf – falls man sich einen leisten kann, denn so ein Baum ist ziemlich teuer. Bei 27 Grad im Schatten komme ich aber sowieso nicht richtig in Stimmung. Ein wenig hilft das Paket, das meine Eltern mir geschickt haben, mit Lebkuchen und anderen weihnachtlichen Köstlichkeiten, die es in Mexiko nicht gibt. Stattdessen findet man hier die sogenannten Pinatas – bunte Figuren aus Pappmaché, die mit verbundenen Augen zerschlagen werden müssen, bevor es als Belohnung die darin versteckten Süßigkeiten regnet."

Patricia, 16, aus dem brandenburgischen Doberlug-Kirchhain, verbringt ein Schuljahr in Mexiko.

"Ich freue mich auf ein Fest auf der anderen Seite der Erde. Schließlich bin ich nach Südafrika gegangen, um eine komplett neue Welt kennenzulernen. Es ist eine sehr offene, lebendige Kultur, die unglaublich vielfältig ist mit all den Sprachen. Weil aber meine Gasteltern deutsche Vorfahren haben, werde ich hier nicht auf alle Traditionen verzichten müssen. Sie wollen sogar einen echten Weihnachtsbaum auftreiben. Heiligabend werde ich dann mit einem kühlen Eis und einem Sprung in den Pool feiern. Aktuell sind hier nämlich 40 Grad. Das ist wohl auch der größte Unterschied zu Weihnachten zu Hause. Wir haben vor, das Fest auf der Wildfarm zu verbringen, die meiner südafrikanischen Familie gehört, gemeinsam mit ganz vielen Verwandten und Freunden."

Maike, 16, aus Fürstenfeldbruck bei München, verbringt ein Schuljahr in Südafrika.

"Die Niederlande sind nicht weit weg von Berlin, doch ich werde über Weihnachten nicht nach Hause fahren. Ich will dieses eine Mal mit meiner neuen, zweiten Familie feiern. Und das, obwohl eigentlich gar nicht gefeiert wird: Einen Weihnachtsmann, traditionelle Lieder, einen Adventskalender oder Geschenke gibt es nicht. Das wird ungewohnt für mich sein, aber so nehme ich alles von diesem Land mit und lebe hier so normal wie möglich. Nächstes Jahr kann ich ja wieder traditioneller feiern. Außerdem werde ich nicht alleine sein, sondern meine wunderbare Familie um mich haben und die freien Tage genießen."

Baltrun (r.o.), 16, aus Berlin, wohnt momentan im niederländischen Drachten.

"In Ecuador herrschen das ganze Jahr die gleichen Temperaturen, es gibt keinen Winter. Die Ecuadorianer kümmern sich trotzdem sehr um eine perfekte Weihnachtsstimmung: Schon Ende November werden die Häuser mit Weihnachtsfiguren geschmückt, auch die Schule. Die Ecuadorianer kümmern sich sehr umeinander und unterstützen die, denen es schlechter geht. Deshalb pflegt meine Gastfamilie die Tradition, über Weihnachten arme Kinder zu besuchen und ihnen Süßigkeiten und kleine Geschenke zu bringen. Das finde ich toll. Ansonsten werden wir am 24. Dezember in die Kirche gehen. An diesem Tag wird mein Heimweh bestimmt am schlimmsten sein. Aber auch meine neue Familie ist nun ein Teil von mir."

Emil, 16, verbringt ein Schuljahr in Ecuador.

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