G8 und Auslandsaufenthalt So geht der Turbo-Schüleraustausch

Sie gehen nach China, in die USA oder nach Panama. Rund 19.000 deutsche Schüler besuchten im vergangenen Jahr eine Schule in einem fremden Land. Doch angesichts der verkürzten Schulzeit fragen sich viele: Kann ich mir ein Jahr im Ausland überhaupt erlauben?

Abflug in ein anderes Leben: Schüleraustausche sind kürzer geworden
TMN/ Silke Heyer

Abflug in ein anderes Leben: Schüleraustausche sind kürzer geworden


Seine Koffer hat er schon gepackt, schließlich fliegt der 15-jährige Peer bald in die USA. Ein halbes Jahr wird er dort in einer Gastfamilie leben und zur High School gehen. Dabei, sagt er, würde er am liebsten ein ganzes Schuljahr dort verbringen. Peer besucht das Gymnasium, gerade hat er die neunte Klasse abgeschlossen, jetzt kommt er schon in die Oberstufe - G8 sei Dank. Wenn er nur ein halbes Jahr in den USA bleibt, kann er in seine alte Klasse zurückkehren und muss nicht das Schuljahr wiederholen.

So wie Peer machen es viele austauschfreudige Jugendliche in Deutschland: Wegen des achtjährigen Gymnasiums bleiben sie lieber nur drei bis sechs Monate im Ausland, berichtet Ines Held vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus. Früher wäre manch einer wohl länger geblieben.

Warum haben sich die Auslandsaufenthalte von Schülern verkürzt? G8, das verkürzte Abitur, könnte ein Grund dafür sein. Tatsächlich sind die meisten, die ins oft englischsprachige Ausland ziehen, Gymnasiasten, teilt der Bildungsberatungsdienst Weltweiser mit. Das war schon früher so, doch damals gingen die meisten während der elften Klasse ins Ausland. Die zählt heute jedoch schon fürs Abitur, daher legen viele ihren internationalen Austausch jetzt in die zehnte Klasse. "Das heißt, wer bei der Ausreise früher 16 war, ist heute 15 oder sogar erst 14 - denn auch das durchschnittliche Einschulungsalter ist gesunken", sagt Weltweiser-Inhaber Thomas Terbeck.

Ein Auslandsjahr fürs persönliche G9

Die Teilnehmer werden also jünger - und wer jünger ist, hat offenbar mehr Respekt davor, ein ganzes Jahr am anderen Ende der Welt zu verbringen. Doch ein Hindernis für einen Auslandsaufenthalt ist G8 nicht: Momentan liegt der Anteil von Jugendlichen, die eine Schule im Ausland besuchen, laut einer aktuellen Weltweiser-Studie bei rund 2,8 Prozent eines Jahrgangs - zwei Drittel davon Mädchen. "Die Tendenz steigt, trotz verkürzter Gymnasialzeit", sagt Terbeck. "Bei den ersten G8-Jahrgängen war die Panik noch groß, inzwischen hat sich das alles ganz gut eingespielt", bestätigt auch Uta Julia Schüler, Repräsentantin des Arbeitskreises gemeinnütziger Jugendaustauschorganisationen (AJA) in Berlin.

Und viele Schüler haben ihre eigene Lösung gefunden, wie sie trotz G8 ein Jahr in den USA, Australien oder Kanada bleiben können: Sie wiederholen die Klasse einfach - und sorgen damit für ihr persönliches G9. "Vor G8 sind weit mehr als die Hälfte der Schüler, die ein Auslandsjahr gemacht haben, anschließend in ihre alte Jahrgangsstufe zurückgekehrt. Heute steigt die Mehrheit einen Jahrgang darunter wieder ein", sagt Terbeck. Einen Nachteil sieht er in dieser Entwicklung nicht. "Die Jugendlichen sind ja wegen der Schulzeitverkürzung noch immer sehr jung, wenn sie Abitur machen. Unterm Strich hat man ohnehin nur als volljähriger Abiturient alle Optionen."

So entspannt sehen das viele Eltern jedoch nicht. Sie sorgen sich um die Bildung und Chancen ihrer Kinder angesichts G8 und dem gewünschten Auslandsaufenthalt. Findige Austauschorganisationen haben darauf reagiert und bieten G8-Kindern individuelle Auslandsprogramme an - zu höheren Preisen selbstverständlich. "Wer daran teilnimmt, kann teilweise sogar die Schule direkt auswählen und das Fächerangebot auf die eigenen Bedürfnisse und Interessen abstimmen", sagt Terbeck.

5000 Euro Unterstützung

Doch eine teure Agentur ist gar nicht unbedingt nötig, einige Bundesländer unterstützen den Auslandsaufenthalt ihrer G8ler auch auf andere Weise: Bayern biete zum Beispiel das sogenannte Flexibilisierungsjahr an, sagt Ines Held vom Bayerischen Bildungsministerium. Von diesem Schuljahr an können sich bayerische Gymnasiasten in der Mittelstufe für ein zusätzliches Schuljahr mit verschiedenen individuellen Förderangeboten entscheiden oder eben auch für einen Auslandsaufenthalt, beispielsweise nach der Jahrgangsstufe 10. "So wird es für sie einfacher, sich nach der Rückkehr wieder in den Schulalltag einzufinden", sagt Held.

Auch in den anderen Bundesländern gibt es Bestrebungen, den internationalen Schüleraustausch zu fördern. So sei in Nordrhein-Westfalen die Hürde für die Rückkehr in die alte Jahrgangsstufe vergleichsweise niedrig, sagt Terbeck. Und Hamburger Schüler würden für ihren Austausch von der Hansestadt sogar mit bis zu 5000 Euro finanziell unterstützt.

Auch Peer hat die Option, seinen USA-Aufenthalt doch noch auf ein ganzes Jahr zu verlängern. Dass er länger bleibt, ist sogar gut möglich: Je mehr sich der 15-Jährige mit seinem Gastland beschäftigt, desto eher kann er sich vorstellen, für diese Erfahrung in der Heimatschule ein Jahr zu wiederholen.

Schließlich bietet sich solch eine Möglichkeit so bald nicht wieder. Und wenn er in seinem neuen Zuhause, dem US-Staat Michigan, 16 wird, könnte er dort sogar noch seinen Führerschein machen.

Barbara Erbe/dpa/lgr

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