Foto-Austausch-Log USA Aller Anfang ist leicht

Erst wenige Wochen lebt und fotografiert Schülerin Alina Buxmann ihr neues Kleinstadt-Leben in den USA. Schon fühlt sich die Gemeinde Union City, Pennsylvania, für sie nach Heimat an - einschließlich Kleiderordnung, Kürbisschnitzen und Homecoming-Ball.

Alina Buxmann

Sieben Cross-Country-Läuferinnen in grünen Union-City-Trikots rennen durch den Wald, ich bin eine von ihnen. Die Worte "I think, I can" hämmern gegen meine Schädelwand. Vor dem Wettbewerb sind wir in uns gegangen, haben gebetet. Zwar bin ich nicht besonders religiös, trotzdem hilft das Gebet gegen meine Nervosität. Unser Erfolg hänge zu zehn Prozent von unserem physischen Zustand ab und neunzig Prozent von unserem psychischen, hat unsere Trainerin gesagt. Für die zehn Prozent sorge unser tägliches Training.

Immer wieder komme ich jetzt an meine Grenzen. Trotz aller Anstrengung wünsche ich mir nichts anderes, als fünf Kilometer durch einen Wald zu hetzen, nichts anderes, als in dem 3000-Seelen-Örtchen Union City, Pennsylvania zu leben. Endlich bin ich angekommen.

Lange hatte ich keine Gastfamilie, dann, vier Tage vor meinem Abflug, kam endlich der erlösende Anruf. Nun lebe ich seit gut einem Monat bei Tom und Kim, meinen Gasteltern. Das erste Mal in meinem Leben habe ich Haustiere (drei Katzen und einen Hund) und ältere Geschwister, die allerdings nicht mehr bei den Eltern wohnen: Tyler, 23, Savanna, 20, und Ashley, 25.

Nachdem meine Gasteltern gerade erst ihre finnische Gasttochter verabschiedet hatten, wurden sie eine Woche vor meiner Anreise gefragt, ob sie mich aufnehmen würden. Kim ist ein sehr gläubiger Mensch. "Nothing happens for no reason", nichts passiert ohne Grund, habe sie gedacht und entschieden meine Gastmutter zu werden, erzählte sie mir später. Für mich hat sich das Warten gelohnt. Eine bessere Familie hätte ich mir nicht wünschen können.

"Regiert Obama auch euch?"

Schon am zweiten Tag nach meiner Ankunft ging ich zur Highschool. Zwei Wochen lang kämpfte ich mit dem Schloss an dem Schließfach, gewöhnte mich an das Verbot von Rucksäcken in der Schule und überwand den Styling-Schock. Die Kleiderordnung meiner Schule verbietet Kapuzenpullis und Leggings. Röcke und kurze Hosen dürfen maximal drei Fingerbreit über dem Knie enden, der Ausschnitt eines T-Shirt maximal drei Fingerbreit unter dem Schlüsselbein, außerdem muss es die Schultern bedecken. Sicherheitshalber tragen die meisten Schüler sportliche T-Shirts und Jeans. Das tue auch ich mittlerweile.

Gewöhnt habe ich mich daran, jeden Tag im kommenden halben Jahr dieselben vier Unterrichtsfächer zu haben, Biologie, kreatives Schreiben, Englisch und US-amerikanische Geschichte. Auch das wechselhafte Wetter macht mir nichts mehr aus. Ein Lieblingssatz meines Gastvaters Tom lautet: "If you don't like the weather, wait five minutes and it'll change." Wenn du das Wetter nicht magst, warte fünf Minuten, und es ändert sich.

Gewöhnt habe ich mich auch an den nationalen Treueeid, den meine Mitschüler und Lehrer jeden Morgen zur amerikanischen Flagge gewandt leisten. Es verblüffte mich allerdings, als eines Morgens mehr als die Hälfte meiner Mitschüler aus dem Biologiekurs fehlte, weil sie einen Eignungstest fürs Militär machten. Und gewöhnt habe ich mich an Fragen wie "Mäht ihr Deutschen euren Rasen mit einer Sense?", "Regiert Obama auch euch?" oder "Kennt ihr drahtloses Internet, Facebook, Skype?"

Fotostrecke

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Alina auf dem Weg in die USA: Gasteltern, wo seid ihr?
Schule bedeutet hier nicht nur lernen, sondern auch leben. Gleich an meinem ersten Schultag nahm ich am Cross-Country-Training teil, dabei rennen wir über Stadtwege, Hügel und durch Wälder. Das war die beste Entscheidung, die ich bisher getroffen habe, schließlich bin ich in Deutschland auch regelmäßig gejoggt. Wir trainieren täglich und treten samstags gegen mindestens hundert Läuferinnen anderer Schulen an. Manchmal treffen wir uns auch zum Sleepover, übernachten also alle gemeinsam. Und freitags essen wir zusammen mit den Cross-Country-Boys zu Abend.

Kurzum: Ich habe schon jetzt begonnen, mich wohlzufühlen. Zehn Prozent physischer und neunzig Prozent psychischer Zustand, hatte unsere Trainerin vor dem Lauf gesagt. So gesehen hängt der Erfolg meines Austauschjahrs zu einem kleinen Teil von meiner sehr liebevollen, unternehmungslustigen Gastfamilie ab und zu einem Großteil von meiner Freude. Ich freue mich, endlich in Union City angekommen zu ein, und ich habe mir fest vorgenommen, das Beste aus meinem Austauschjahr zu machen.



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