Austausch-Log Israel Ich wünsche mir, dass der Tag mehr als 24 Stunden hat

Anna Kräftner, 17, ist seit fast drei Monaten in Israel und hat den Campus ihrer Schule bisher kaum verlassen. Jetzt unternahm die Schülerin aus Wien ihren ersten Ausflug: in die Wüste.

Anna Kräftner

Das erste Mal in der Wüste - wie würde es werden? Heiß? Schön? Haben wir die richtige Ausrüstung? Seit Anfang Oktober gehen mir diese Fragen durch den Kopf, als ich erfuhr, wo unser erster Ausflug in Israel hingehen sollte: in die Wüste Negev. Jetzt ist es soweit.

Drei Stunden sitze ich mit meinen Mitschülern aus China, Kanada und Tansania im Bus. Auch sie waren noch nie in der Wüste und sind aufgeregt. Wir steigen aus und sind sprachlos über den Anblick vor uns: endloser Himmel über leuchtenden Hügeln, selbst in weitester Ferne nichts als Felsen und Sand. Wandern bedeutete für mich bis jetzt immer grüne Wälder und Berge, jetzt ist alles ganz hell um mich herum. Stundenlang marschieren wir durch diese unendliche Weite, die kein Ende zu nehmen scheint. Es ist still, sehr still. Wir durchwandern ein Naturschutzgebiet, in dem wir bei Tieren und Pflanzen ja eigentlich nur zu Besuch sind. Wir achten daher ganz besonders darauf, leise zu sein und keinen Müll zu hinterlassen.

Kalt, das heißt in Israel 18 Grad

Ich bin froh, dass ich mich heute für die kurze Sporthose und ein T-Shirt entschieden habe, obwohl es schon Ende Oktober ist. Jetzt wissen wir auch, warum unsere Internatseltern uns nicht gehen lassen wollten, ohne drei Liter Wasser im Gepäck und einer Kappe für den Kopf. Doch dann, als die Abendsonne den weiten Himmel rot färbt, wird es schlagartig kalt. Naja, kalt. Nach fast drei Monaten in Israel bedeutet das für mich etwa 18 Grad.

In Jacken, Pullis und langen Hosen sitzen wir um das knackende Lagerfeuer und hören unserem Tourguide zu, der uns mehr über die Wüste Negev erzählt. Alle sind erstaunt, dass Israel zu zwei Dritteln nur aus Wüste besteht. Kaum jemand von uns wusste, dass hier noch Beduinen leben. Sie gehören zu den ärmsten Menschen in Israel. Interessant fanden wir auch, dass mittlerweile sogar Erdbeeren und Tomaten in der Wüste angebaut werden können, natürlich nur mit modernen Bewässerungsanlagen.

Es sind nicht nur die 85 Schüler aus meiner Schule da, sondern auch viele Israelis der anderen Schulen, die sich ebenfalls auf dem Campus befinden. Sonst sehen wir uns immer nur kurz beim Essen, jetzt können wir mal länger reden. So ein Ausflug in die Wüste schweißt zusammen. Wir werden uns jetzt vielleicht auch auf dem Campus häufiger sehen.

Ganz anders als in Österreich: Die Meinung der Schüler interessiert

Mittlerweile habe ich mich richtig gut eingelebt. Es ist noch kein halbes Jahr her, als uns der Schuldirektor die Räume und das Gelände der Eastern Mediterranean International School zeigte, jetzt war ich selbst schon Tourguide für einige der 400 Gäste, die zur Eröffnungsfeier meiner Schule kamen. Es war ein Zusammentreffen von aufgeregten Schülern, stolzen Eltern, dem gesamten Lehrpersonal, Prominenten und Unterstützern der Schule. Während des Festakts sangen wir Schüler "Imagine", die Schulband spielte "Here Comes the Sun" und einige Schüler führten Tänze aus ihren Heimatländern vor. Es war ein gelungenes Fest.

Der Unterricht hier ist ganz anders als bei mir zu Hause in Österreich. Die Meinung der Schüler ist willkommen und wird gern gehört, das gilt auch für Fragen. Neu ist für mich auch, dass wir oft in Gruppen arbeiten, um unsere Hausaufgaben oder eine Präsentation zu machen.

Langweilig wird mir nie. Es gibt immer noch so viel über meine Mitschüler zu erfahren, die aus 35 verschiedenen Ländern kommen. Außerdem vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein Workshop eines Unternehmens oder ein Vortrag eines Journalisten angeboten wird. Das einzige, was ich mir wünschen würde ist, dass der Tag mehr als 24 Stunden hat.



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