Schüleraustausch Zum Weinen unter die Dusche

2. Teil



Während viele Schüler aus liberalen und städtischen Elternhäusern kommen, leben die meisten Gastfamilien - zumindest in den USA - auf dem platten Land, wie Cathy Johnson von der Agentur SAI in South Carolina bestätigt. Über Kirchen, Schule oder Pfadfinderorganisationen rekrutiere SAI Familien, so Johnson: "Großstädter haben keine Zeit für Gastschüler."

Kommen die jungen Deutschen und die Familien nicht miteinander klar, haben die Schüler das Nachsehen: In den meisten Austauschverträgen ist geregelt, dass sie bereits bei kleinen Verfehlungen abgeschoben werden können. Heimfliegen muss danach schon, wer schlechte Noten hat oder beim Rauchen erwischt wird.

Diese Regeln machen es den Veranstaltern leicht, unbequeme Kids abzuschieben, statt neue Familien zu besorgen - die Gebühren behalten sie so oder so. Die Eltern von Jan Hartmann aus Stuttgart etwa haben Klage gegen den Hamburger Veranstalter Eurovacances eingereicht, weil ihr Sohn schon nach sieben Wochen retour flog. Die angeblichen Gründe: Er sei bei einer Nachbarfamilie eingezogen, und er habe sich ein Buch über Sprengstoff besorgt.

In Wahrheit hatte Jans erste Gastmutter, völlig überfordert, dem Gastsohn zuvor mit Rausschmiss gedroht. Ende Dezember 2001 besuchte Jans Mutter die Frau in Pennsylvania. "Sie beschwerte sich bei mir", sagt Ilse Hartmann, "dass man ihr meinen Sohn aufgeschwatzt habe." Das Fachbuch über Explosiva habe sich Hobby-Chemiker Jan ganz legal entliehen: aus der Uni-Bücherei vor Ort. Eurovacances will sich zu dem "rechtshängigen" Fall nicht äußern.

Familie Kubach aus Schopfheim führt derzeit einen ähnlichen Streit, nachdem Tochter Marieke kurz vor Weihnachten heim musste. Ihre Hilfsbereitschaft wurde der Schülerin zum Verhängnis: Sie übernahm den Job ihrer Gastmutter und sittete deren sieben Tageskinder. Dabei schoss sie Fotos - ohne zu bemerken, dass sich zwei der Knirpse übermütig entblößten. Als ihre US-Mum die Bilder sah, rief sie sofort Mariekes Betreuerin an: "Dieses Mädchen bringt mich in den Knast" - wegen Kinderpornografie. Marieke hält den Vorwurf für einen Vorwand: "Die Chemie stimmte einfach nicht."

Wolfgang Kohl aus Mannheim wandte sich sogar ans Auswärtige Amt (AA), nachdem seine Tochter Friederike im Januar 2002 nach Deutschland zurückgeschickt worden war, weil sie sich bei ihren US-Betreuern über ihre Schule beschwert hatte.

"Leider kommt es bei den zahlreichen Schüleraustauschen in die USA immer wieder zu solchen von Ihnen beschriebenen Vorfällen", antwortete das AA und bedauerte, dass es "keinen Einfluss auf die privaten Austauschorganisationen" habe: "Wir raten, sich im Vorfeld eines Austauschs über die Seriosität eines Veranstalters zu informieren" - und zwar bei der Aktion Bildungsinformation.

Wohl ist Abi die einzige Einrichtung, die der Branche kritisch gegenübersteht. Eine Positivliste getesteter Veranstalter, wie vom AA angenommen, geben die Verbraucherschützer indes nicht heraus. "Klagen erreichen uns praktisch über alle", seufzt Abi-Frau Engler.

Wohl und Wehe der Kinder hängen vor allem von den Betreuern in den Organisationen im Ausland ab - die im Gegensatz zu den Gastfamilien eine Aufwandsentschädigung bekommen: Rund 500 Dollar pro Schüler sind in den USA üblich, dazu zahlen die Agenturen Prämien für das Ködern neuer Gastgeber. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade in einkommensschwachen Gegenden befreundete Familien gegenseitig ihre jeweiligen Gastschüler betreuen - und im Konfliktfall einseitig gegen den Schüler zusammenhalten.

Die Hamburgerin Andrea* musste im vergangenen Jahr in Australien gleich zweimal die Familie wechseln - sehr zum Missfallen ihres Betreuers. "Es gibt nur zwei Kategorien von Austauschschülern: gute und schlechte", habe der Mann ihr erklärt. "Schlechte haben Probleme mit ihrer Familie, gute nicht."

Für die Hanseatin hatte der Mann seine eigenen Methoden: Bei einem Barbecue spuckte er auf Andreas Grillfleisch. "Iss das jetzt", forderte er die Vegetarierin auf, "das trainiert deine Anpassungsfähigkeit." Allen Schützlingen aus Übersee empfahl er: "Wenn ihr weinen müsst, geht unter die Dusche. Dann fragt euch keiner, warum eure Augen rot sind."

"An eine Selbstregulierung dieses Marktes glaube ich nicht mehr"

Auch Südafrika-Reisende klagen häufig über schlechte Erfahrungen. So schilderte jüngst eine Rheinländerin ihre Not in einem Schüleraustausch-Forum im Internet. Man habe sie bei ihrer Ankunft im Februar "mitten in Soweto" untergebracht, wo ihr auf der Straße "Vergewaltigungen angedroht" worden seien - das einstige Schwarzen-Ghetto hat heute eine der höchsten Mordraten der Welt.

CDU-Mann Börnsen fordert, der Staat müsse die Veranstalter gründlicher kontrollieren: "Der Gesetzgeber muss sich kümmern", sagt er. "An eine Selbstregulierung dieses Marktes glaube ich nicht mehr."

Doch weder das Jugend- noch das Verbraucherschutzministerium sehen Handlungsbedarf. Unzufriedene Schüler und Eltern könnten ja nach einem verpatzten Auslandsaufenthalt zivilrechtlich bei den Veranstaltern "Schadensersatz geltend machen", sekundiert Eva Schmierer vom Justizministerium.

Die ehemalige Familienministerin Rita Süssmuth (CDU), die in ihrer Amtszeit auch keine Abhilfe zu Stande brachte, kennt die Ohnmacht der Geschädigten: "Wenn Schüler vor Ort vernachlässigt werden, sie gar bei Kriminellen landen, bleibt den Eltern nur der Gerichtsweg mit der Bürde der Beweislast und den immensen Kosten." Eine Klage sei "teuer, mühsam und selten erfolgreich", bestätigt die Hamburger Anwältin Monika Neubauer, die häufig Eltern gegen Austauschorganisationen vertritt. So verzichten die Eltern von Clemens Thoma aus Stuttgart auf eine Klage, obwohl sie schwarz auf weiß haben, dass die Veranstalter bei der Vermittlung ihres Sohnes an einen allein stehenden Gastvater in Texas reichlich schönfärbten: Wider besseres Wissen stellten sie den gestressten Manager als Superdad dar. Als Clemens dann vor Ort um einen Familienwechsel bat, hieß es bloß, er solle sich anpassen - "oder du fliegst heim".

Die Unzufriedenheit ihrer Kunden irritiert die Veranstalter kaum. Ein Wechsel zur Konkurrenz droht sowieso nicht: Gastschüler wird man nur einmal im Leben.

Deshalb fordert Christdemokrat Börnsen eine Ombudsstelle, "die Klagen annimmt und zur Not schnell reagiert. Zweitens aber: einen Veranstalter-TÜV, eine Zulassungsstelle für Austauschvermittler".

Denn bislang unterliegen die Veranstalter keinerlei Genehmigungspflicht: "In Deutschland ist es leichter, Minderjährige ins Ausland zu verschicken, als eine Kneipe zu eröffnen", so Branchenkennerin Schill. Zur Gewerbeanmeldung wird nicht einmal ein Führungszeugnis verlangt.

Auch ob ein Veranstalter als Verein oder als Firma auftritt, ist kein Qualitätskriterium. Beispiel: Der Veranstalter "Give" aus Heidelberg, 1987 als gemeinnütziger Verein gegründet, ließ sich mit demselben Label 1998 auch als GmbH eintragen. Mehr Schein als Sein ist auch seine Mitgliedschaft im "Deutschen Fachverband High School e. V." - einem "Lobbyverband" einiger cleverer Veranstalter, wie Abi-Frau Engler schimpft.

Das dreisteste Marketing leistet sich ein Branchenneuling aus Essen. IQ, Slogan: "Sprachreisen mit Grips", Zielgruppe: Besserverdiener. Geschäftsführer Andreas S., 39, erfand eigens das Gütesiegel "Trusted Student Exchange" - ein Werbelabel. Als Luftnummer entpuppten sich auch "VIP-Gastfamilien", die IQ im Katalog verspricht. "Meine Tochter", so die schockierte Mutter einer IQ-Schülerin aus Heidelberg, "hat mir gerade aus den USA gemailt, sie könne das Wort 'fuck' in ihrer Familie nicht mehr hören."

Mehrfach schmückt sich die IQ-Broschüre mit fremdem Schein - etwa mit einer angeblichen Empfehlung durch den Hildesheimer Sprachprofessor Jürgen Beneke. Davon erfuhr dieser jedoch erst durch den SPIEGEL. "Das Zitat habe ich nicht autorisiert", so Beneke entsetzt, "und der Mann auf dem Foto, der ich sein soll, hat mit mir nur den Vollbart gemein." IQ-Mann S. bestreitet das.

Besonders raffiniert betreibt Branchenveteran Heinz Pöschl aus Bayern das Geschäft: 2001 legte er mit dem Verein DASG eine Pleite hin, bei der für 51 Schüler der USA-Traum platzte. Mit seiner neuen Firma DASB ("Discover America Schüleraustauschberatung") ist Pöschl ein Scoop gelungen - er verdient wie vorher, nur ohne Risiko.

Der Trick: Pöschl ist nur noch Berater, nicht mehr Reiseveranstalter wie die meisten anderen Vermittler. Gegen eine üppige Gebühr - 1600 Euro - "berät" Pöschl Eltern. Der Vertrag kommt aber direkt mit dem US-Veranstalter zustande. So ist Pöschl schwer haftbar zu machen. "Ich bin frei", jubelt er in einem Brief, nicht mehr "Prellbock zwischen US-Organisation und Kunden".

Mit dieser Rolle hat er Erfahrung: Ex-DASG-Kundin Isolde Busch beschwerte sich sogar beim Justizministerium, nachdem sie im Herbst 2000 in die USA geflogen war, um ihre Tochter zu befreien. Das Mädchen war bei einem dubiosen Paar in Texas mit Kontakten in die Drogenszene gelandet. "Denen musste ich am Telefon erst mit dem Sheriff drohen", erzählt Busch, "damit sie mir den Standort ihres Wohnwagens verrieten."

Pöschls neue Kunden tragen solche Risiken allein. Gerichtsstand bei Konflikten mit amerikanischen Veranstaltern sind die USA. Beraterin Schill: "Da ist der Kunde dann so schutzlos wie einst die ersten Siedler im Wilden Westen."

* Name geändert



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