Schüleraustausch Zum Weinen unter die Dusche

Tausende Austauschschüler zieht es jedes Jahr in andere Länder ­ ein gutes Geschäft für nicht immer seriöse Veranstalter. Die meisten Jugendlichen machen eher gute Erfahrungen, aber viele werden auch ausgebeutet oder misshandelt.


Ein Jahr in Amerika, das war einmal ein Traum für die Gymnasiastin Kristina Worbs aus Oberursel im Taunus. Im Sommer 2001 sollte er in Erfüllung gehen, und das auch noch im sonnigen Kalifornien. Doch die Monate als Gastschülerin wurden eine Odyssee, bis das Mädchen im Januar vergangenen Jahres vorzeitig heimkehrte: frustriert und krank.

Es fing noch recht harmlos an, mit dem beißenden Gestank im Haus der ersten Gastfamilie in Bakersfield: "Seit den USA habe ich etwas gegen Tiere", erzählt Kristina, 18. "Meine erste Familie hatte zehn Katzen, die überall ins Haus schissen."

Schnell wechselte die Hessin zu einer Familie, bei der bereits ein Gastschüler wohnte. "Die Familie war so arm, dass sie Essensmarken bezog", berichtet Kristina. Sie biss die Zähne zusammen und beschloss, ohne Vorurteile das Leben ihrer farbigen Unterschichtfamilie zu teilen.

Doch schon bald wurde dem blonden Mädchen der Gastvater unheimlich. Besonders gern kam er - versehentlich natürlich - ins Badezimmer, wenn Kristina duschte. Aber auch wenn sie sich umzog, platzte er in ihr Zimmer. Eines Nachts, etwa einen Monat nach ihrem Einzug, wurde Kristina dann rüde geweckt. Auf seinem Po fühlte das Mädchen eine Hand - es war die seines Gastvaters. Kristina schrie und wehrte sich, bis der Mann von ihr abließ.

Am nächsten Tag floh sie zu der Gastfamilie, bei der ihre deutsche Freundin Anna wohnte. Doch Kristina erholte sich nicht mehr. Sie entwickelte schwere Akne und entschloss sich heimzufliegen. Das Abenteuer Amerika hat ihre Eltern 12.664 Mark allein an Programmgebühr gekostet. "Viel Geld für sehr viel Kummer", findet Mutter Worbs.

Rund 12.000 deutsche Schüler zieht es jedes Jahr in die Fremde - vor allem in die USA. Ein glänzendes Geschäft für mehr als 50 Vermittlungsagenturen. In deren Hochglanzbroschüren verheißen sympathische Teens "das beste Jahr deines Lebens" (EF), andere Veranstalter locken mit "change your life forever" (Aspect) oder schlicht "feel the spirit" (Team). Schüleraustausch ist eine Art Initiationskult des globalisierten Bürgertums - "so entsteht der Kitt, den das transatlantische Verhältnis in Zukunft vielleicht noch stärker braucht", wirbt etwa der deutsche Botschafter in Washington und Ex-US-Austauschschüler Wolfgang Ischinger im Programm des Veranstalters AFS.

Für die Mehrzahl der Schüler erfüllt sich der Traum vom unbeschwerten Leben und Lernen in der Neuen Welt - rund zwei Drittel fühlen sich in Gastfamilie und High School gut aufgehoben. Wehe aber denjenigen, die schlechte Gastgeber oder lausige Betreuer erwischen: "Da gehen Jahr für Jahr junge Leute kaputt", warnt Wolfgang Börnsen (CDU), der für das Parlamentarische Partnerschafts-Programm (PPP) des Bundestags zuständig ist und die Gefahren kennt, die den Jugendlichen drohen.

Nach einer Studie des US-Außenministeriums von 2000 war fast ein Fünftel aller US-Gastfamilien von den Vermittlungsagenturen nicht "adäquat durchgecheckt und ausgewählt": Ein Drittel aller Gastschüler habe mindestens einmal die Familie wechseln müssen - meist mit handfesten Gründen: Da müssen Mittelstandskinder mit ihrem Taschengeld ein karges Familienbudget in Übersee aufbessern, da werden Oberstufenschüler als Gratis-Au-pairs und Arbeitskräfte im Haushalt ausgebeutet oder Minderjährige fern der Heimat gar sexuell genötigt.

Christa Schmoll, die in Hamburg eine Elterninitiative für Austauschopfer betreut, schätzt, dass "jeder Dritte große Kümmernisse hat". So wurde ein US-Veranstalter 1999 zur Zahlung von 1,2 Millionen Mark Schmerzensgeld an eine Berlinerin verurteilt: Als 16-Jährige war sie über Monate von ihrem US-Gastvater missbraucht worden. Ex-Austauschschüler Lars Bock aus Schleswig-Holstein, den die Organisation EF vermittelt hatte, wurde 1997 von seiner Mutter regelrecht befreit. "Lars war nur noch Haut und Knochen", erzählt Elisabeth Bock. "Das Haus war ein Saustall, die Gastfamilie völlig überfordert. Aber EF hat allein meinem Sohn die Schuld gegeben."

"Im Zweifel ist immer der Schüler schuld", bestätigt die Verbraucherschützerin Barbara Engler von der Aktion Bildungsinformation (Abi) in Stuttgart, "egal, wie ungeeignet die Familie ist."

Der Traum vom Auslandsjahr kostet rund 10.000 Euro

An die 10.000 Euro müssen Eltern berappen, um ihrem Kind den Traum vom Auslandsjahr zu ermöglichen. 6500 Euro kosten im Schnitt Familienvermittlung, Betreuung und Flug. Der Rest geht für Taschengeld, Kleidung und Telefon drauf - gerade wenn's schief läuft, können die Kosten für Letzteres ins Astronomische steigen.

Schüleraustausch funktioniert weltweit nach demselben Muster: Die Schüler bewerben sich bei einem Veranstalter. Nach einem Aufnahmegespräch leitet dieser die Bewerbungen an seine Partnerorganisationen im jeweiligen Zielland weiter. Diese wiederum suchen Familien und organisieren Schulplätze. Sobald das gelingt - oft erst in letzter Minute -, erhalten die künftigen Gastschüler die Adressen ihrer Gastgeber. Bis zum Abflug kümmert sich der deutsche Veranstalter um die Schüler; im Ausland ist dann die Partnerorganisation mit Betreuern vor Ort zuständig.

Für die meisten Länder gilt dasselbe wie für die USA, das unangefochtene Lieblingsland deutscher Teens: Die Familien erhalten kein Geld. Sie sollen aus purer Gastfreundschaft handeln. Das schließt weniger hehre Motive nicht aus. "Eine Familie hat sich mal ganz gezielt ein Tennis-Ass ausgesucht", erzählt Austauschberaterin Sylvia Schill aus Hamburg, "der musste schon morgens vor der Schule seinem kleinen Gastbruder Tennisstunden geben."

Das größte Problem im Austauschgeschäft ist, dass es regelmäßig mehr Schüler als Gastfamilien gibt. Nach Erkenntnissen des US-Außenministeriums landeten 1999 14 Prozent aller Gastschüler in Amerika provisorisch bei "Welcome Families" - eine höfliche Umschreibung für Notfall-Familien.

Auf sie trifft verschärft das zu, was die US-Ministerialen auch bei regulären Gastfamilien bemängelten: Viele seien schlecht ausgesucht, und rund die Hälfte nicht, wie vorgeschrieben, auf ihre neue Rolle vorbereitet. "Da fühlt sich dann die fromme Baptistenfamilie verletzt, weil die neue Gasttochter aus Berlin partout nicht in den Gottesdienst will", so Schill.

  • 1. Teil: Zum Weinen unter die Dusche
  • 2. Teil


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