Schülerbesuch an der Mauer Immer an der Wand lang

Geschichte ist oft schwer zu fassen. Wenn aber klar wird, wie DDR-Grenzsoldaten einen 18-Jährigen elend verbluten ließen, wird das Leid der deutschen Teilung spürbar - ein Spaziergang mit schwäbischen Realschülern an der Berliner Mauer.

Von Mirko Heinemann


Nein, am Brandenburger Tor ist von der Berliner Mauer nichts mehr zu sehen. Die Schüler der Oscar-Paret-Schule aus dem schwäbischen Freiberg stapfen über den Pariser Platz und mustern mitleidig die Studenten, die sich eine Uniform der DDR-Volkspolizei übergeworfen haben, um als Fotomodell für die Touristen zu posieren.

Es ist früher Nachmittag, die Sonne brennt auf die Asphaltfläche. Die Realschüler, 16, 17 Jahre alt, sind auf Klassenfahrt in Berlin. Es ist ihre Abschlussreise. Zwei Lehrer sind dabei. Dieser Spaziergang entlang der ehemaligen Mauer ist ihre letzte gemeinsame Unternehmung in der Stadt.

Sie haben keinerlei Erinnerung an die Zeit des geteilten Deutschlands. Für sie ist das Brandenburger Tor einfach ein altes Bauwerk, die neuen Gebäude am Pariser Platz finden sie "hübsch". Reiseführerin Stephanie Kissel vom Veranstalter "Stattreisen" hat alle Mühe, mit ihrer Stimme gegen den Trubel auf dem Platz anzukommen. Sie schaltet ihr Bandgerät ein und spielt historische Radioaufnahmen ab. Über Funkgeräte und Ohrhörer kann die Gruppe zuhören. "Tor auf, Tor auf", erschallen die Rufe, und eine Frau ruft schluchzend in sächsischem Tonfall: "Die Demütigung der ganzen Jahre ist endlich vorbei."

Die Schüler grinsen. Drei Tage sind sie bereits durch Berlin gezogen, haben sich den Alexanderplatz angesehen, den Ku’damm und den Potsdamer Platz. Sie waren shoppen in den Szenevierteln in Mitte und Prenzlauer Berg. Und jetzt gibt es eine Lektion in Geschichte. Die gelangweilten Blicke sprechen Bände.

In den Kopfhörern ertönen die Originalaufnahmen vom 9. November 1989, dem Tag, als die Mauer fiel. Die Menschen, die sich an den Grenzübergängen in den Armen lagen – all das soll hier wieder lebendig werden. Die Schüler aber laufen einfach durch das Tor und sehen nicht einmal den extra gepflasterten Streifen, auf dem hier einst die Berliner Mauer stand.

Die DDR? Keine freie Reden - ach ja, und kein Shoppen

Die Mauer. Die Vorstellung, eine Großstadt, ein ganzes Land zu teilen - sie ist den Schülern fremd. Kaugummi kauend spulen die Kids ihr Erlerntes ab. "Die durften nicht wohnen, wo sie wollten", sagt ein Mädchen. "Es gab keine Meinungsfreiheit", ergänzt Clemens, ein Junge mit hellblauen Augen und Basecap, pflichtgemäß. Und als der Lehrer Wilfried Hertlein nachhakt: "Was wolltet ihr denn am liebsten in Berlin machen, Shopping!", kommt es: "Ach ja, es gab nicht alles zu kaufen."

"Für die Schüler ist das alles Geschichte", sagt Wilfried Hertlein entschuldigend. Man habe sich vorbereitet auf die Abschlussfahrt nach Berlin, habe deutsche Geschichte durchgenommen, Dokumentationen angeschaut und Spielfilme wie "Das Wunder von Berlin", "Sonnenallee", "Good bye Lenin". Aber die Sonnenallee im Film hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, und die ehemalige Brachfläche rund um das Brandenburger Tor ist bebaut. Am Pariser Platz stehen jetzt das Hotel Adlon, Banken und Botschaften.

Die Schüler trotten den ehemaligen Mauerstreifen entlang Richtung Potsdamer Platz und unterhalten sich über Frisuren. "Hier laufen die Jungs alle im Militärlook herum", wundert sich ein Mädchen, "alle tragen kurze Haare. Bei uns sind eher Fransen angesagt." "In Berlin würde ich nie zum Friseur gehen", flachst ein Junge. Das Mädchen ruft mit schwäbischem Einschlag: "Bei dir nützt des auch nichts mehr."

Schon reden alle durcheinander, die Mauer ist vergessen, da kann auch Stephanie Kissel nicht viel ausrichten mit ihren Tondokumenten und Schilderungen. Die Schüler hören den Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, der erst die Absicht dementiert, eine Mauer zu bauen, und zwei Monate nach dem Mauerbau von einem "Gesundungsgürtel um West-Berlin" spricht. Das macht wenigstens ein bisschen Eindruck.

Dann erzählt im Kopfhörer ein Rias-Reporter von der Nacht des 13. August 1961, als unter dem Geräusch von Presslufthämmern die ersten Absperrungen gesetzt wurden. Jetzt spazieren hier fröhliche Menschen im hellen Sonnenlicht herum.

Ein konkretes Bild will sich nicht einstellen

Claudia, ein dunkelhaariges Mädchen mit blonden Strähnen, versucht sich vorzustellen, wie es damals aussah. Sie schüttelt mit dem Kopf. Es geht nicht. Ein Bild will sich nicht einstellen, nicht einmal, als Reiseführerin Kissel eine Aufnahme aus den achtziger Jahren hochhält, Wachturm auf der einen Seite, Aussichtsturm auf der anderen, das Warnschild mit der Aufschrift "Sie verlassen den amerikanischen Sektor". Auch das Foto verschafft ihr nicht mehr Aufmerksamkeit.

Drei Jahre arbeitet Stephanie Kissel schon als Reiseführerin. Sie sagt, sie stelle keinen Unterschied fest zwischen gleichaltrigen Jugendlichen in Ost und West. Der Wissensstand sei in etwa derselbe. Natürlich habe ein Leistungskurs Geschichte eine andere Herangehensweise.

Immerhin wird jetzt wieder über die DDR diskutiert. Clemens, der Junge mit dem Basecap, hat gehört, dass dort jeder Arbeit hatte. "Die wurden sogar zum Arbeiten gezwungen", sagt er. Nein, das würde ihm nicht gefallen. Er möchte sich selber aussuchen, ob und wie er arbeitet.

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