Schüler gründen Firma "Die Nerven lagen manchmal blank"

Vor zwei Jahren gründeten zwölf angehende Abiturienten an einem Hamburger Gymnasium eine Schülerfirma. Aus einer Patronenhülse fertigten sie einen Füller. Mit dem anschließenden Erfolg hatte keiner von ihnen gerechnet.

Pacato-Team
Hans Hähnle

Pacato-Team

Von Leopold Esser


"Social Upcycling", also aus etwas Geächtetem etwas Gutes schaffen, so nennt Leo Orth das Prinzip hinter seiner Geschäftsidee: "Wir stellen aus Gewehrpatronenhülsen Füllfederhalter her und verwandeln somit ein Symbol von Gewalt in ein Mittel der Kommunikation."

Zusammen mit seinen Klassenkameraden steht der 18-jährige Geschäftsführer in einer Hamburger Garage. Mit einer Bohrmaschine, einer Handkreissäge und viel Feingefühl bauen sie in Handarbeit die Stifte zusammen. Die Firma tauften sie Pacato, lateinisch für "Friedensstifter".

Entstanden ist ihre Idee in Teamarbeit während des Unterrichts. Im sogenannten Politik-/Wirtschaftsprofil soll den Schülern eines traditionsreichen Hamburger Gymnasiums beigebracht werden, unternehmerisch zu denken. Bei der Pacato-Gruppe hat es offenbar funktioniert - auch weil einige von ihnen in einem großzügigen und wohlhabenden Umfeld aufgewachsen sind.

Um Startkapital für die Produktion zu bekommen, verkauften die Schüler Anteilscheine an Freunde und Familie. Und sie fanden in ihrem Umfeld einen Investor, der einen Batzen Geld für ihre Idee zur Verfügung stellte. Außerdem bauten die Schüler Stände auf dem Weihnachtsbasar der Schule und der Junior Messe Nord in Hannover auf. Dort präsentierten sie den ersten Prototyp, den Kunden vorbestellen konnten. "Die Resonanz war erstaunlich gut. Mit dem eingesammelten Geld konnten wir endlich loslegen", sagt Leo.

Pacato-Füller
Hans Hähnle

Pacato-Füller

15 Minuten dauert es, um den fertigen Füllfederhalter herzustellen. Das Griffstück mit der Feder wird zurechtgesägt und mit einem Klebstoff an der Patronenhülse befestigt. Als Kappe dient ein Metallrohr, das eine weitere Patrone umschließt. "Am Anfang haben wir noch viele Rücksendungen bekommen, aber mit der Zeit haben wir die Qualität des Stifts und unsere Arbeitsschritte verbessert. Inzwischen kriegen wir nur noch positive Rückmeldungen", sagt Hans, verantwortlich für das Marketing.

800 Stifte haben sie schon während ihrer Mittagspause und in der Freizeit produziert und einen Umsatz von 30.000 Euro erwirtschaftet - und den Preis sukzessive angehoben: Ein Stift kostet inzwischen 120 Euro. Die Patronenhülsen haben sie bisher von Jägern geschenkt bekommen. Zeitweise haben die jungen Gründer sogar wesentlich mehr Bestellungen gehabt als Material.

Im Frühjahr 2017 gewann Pacato den Landeswettbewerb und anschließend den Bundeswettbewerb IW Junior des Instituts der deutschen Wirtschaft. Als Sieger durften die zwölf Firmengründer mit ihren Tutoren nach Brüssel reisen und dort an einem Europa-Wettbewerb mit 36 Firmen teilnehmen.

Schüler bei der Arbeit
Hans Hähnle

Schüler bei der Arbeit

Wie geht das - Abitur machen und nebenher eine Firma gründen? "Eine große Herausforderung war die Verteilung der Posten und die Gruppe zu koordinieren. Jeder hat seine eigenen Visionen und auch einen eigenen Zeitplan. Da lagen die Nerven manchmal blank", sagt Lucas. Besonders die Zeit vor dem Abitur war für die Schüler stressig. Nicht nur der Prüfungsdruck belastete die Gruppe, sondern auch die Frage nach der Zukunft von Pacato. "Hinschmeißen war für mich keine Option", sagt Leo heute. Alle aus der Klasse haben ihr Abitur bestanden. Vier von ihnen entschieden sich dazu, das Projekt zu verlassen.

25 Prozent des Gewinns wird gespendet

Die restlichen acht sind jedoch entschlossen weiterzumachen. Sie lösten die Schülerfirma auf und ließen Pacato im Handelsregister als Unternehmensgesellschaft eintragen. Nun warten sie noch auf das Geld eines Investors, um die Produktion vergrößern und an eine externe Firma auslagern zu können. Die Füller werden nach wie vor auf der Website angeboten, aber es gibt bereits Gespräche mit unterschiedlichen Einzelhändlern. "Unser Ziel ist es, Pacato langfristig als Marke zu etablieren. Wir sind keine Eintagsfliege", sagt Leo.

Der Verkauf der Füller dient auch einem guten Zweck. Das bisher erwirtschaftete Geld haben die Schüler ausschließlich an soziale Projekte gespendet. Ihrem Firmenmotto "Lass deine Worte deine Kugel sein" folgend, unterstützen sie mit ihrem Gewinn Kinder in Kriegsregionen. 2500 Euro konnten sie so schon an Unicef und We.Inform verteilen. Auch in Zukunft wollen sie 25 Prozent des Gewinns spenden - aber auch selbst mit dem Stift Geld verdienen.

Video: Firmenboss mit 16

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
ollis.post 23.07.2018
1.
Daran sieht man schön, das man nur mit Geld, weiter Geld verdienen kann. Schüler aus ärmerem Umfeld könnten das kaum stemmen. 120€ Für eine gebrauchte Patrone, auf die eine Füllerspitze aufgeklebt wird. Irre.
AJS 23.07.2018
2. Ganz toll...
Die Idee - uralt. Als Kugelschreiber gibt es das in jedem "Army Store", wenn auch aus Hülsen der NATO-Patrone (7,62x51) gefertigt. Das Produkt - geklebt. Passungen sind mit der Werkzeugausstattung offensichtlich nicht realisierbar. Der Preis - ohne Worte (das Kugelschreibergegenstück aus dem "Army Store" liegt weit unter 20€. Was so alles möglich ist - erstaunlich!
ingrid.friedmann 23.07.2018
3. Frieden stiften
Um eine oder zwei Patronenhülsen in einen Füller zu verwandeln, müssen sie erst einmal abgeschossen worden sein. Besser wäre es, wenn es sie gar nicht erst gäbe.
Newspeak 23.07.2018
4. ....
Der soziale Aspekt...grossartig. Als Schüleridee...ok. Wirtschaftlich betrachtet? Man konnte nur starten, weil Geld von einem Investor da war, der offensichtlich keinen Gewinn erwartet. Das Rohprodukt ist geschenkt! Also praktisch gut, um am Anfang die Kosten zu senken, aber auf Dauer nicht skalierbar. Der Preis ist eher eine Zumutung für ein solch einfaches und technisch wohl nicht sehr ausgereiftes Produkt. Etwas, das Leute vielleicht wegen des guten Zwecks kaufen, weil man die Abiturienten mag, aber nicht aus Überzeugung. Und dann die Perspektive. Wer so einen Füller hat, braucht keinen zweiten mehr. Und der Markt dürfte nun auch nicht riesig sein. Ein Produkt, das im Grunde keiner wirklich braucht. Ein Luxusobjekt. Die Firma verkaufen, bevor sie pleite geht, ist vielleicht die beste Option.
Hans_R 23.07.2018
5. Wer
Zitat von ollis.postDaran sieht man schön, das man nur mit Geld, weiter Geld verdienen kann. Schüler aus ärmerem Umfeld könnten das kaum stemmen. 120€ Für eine gebrauchte Patrone, auf die eine Füllerspitze aufgeklebt wird. Irre.
schreiben und lesen kann ich meisten im Vorteil. Zitat:"Um Startkapital für die Produktion zu bekommen, verkauften die Schüler Anteilscheine an Freunde und Familie." Vielleicht waren ja auch ärmere dabei, na ja aber hauptsaache erst mal rumstänkern und die 120 EUR infrage stellen ohne zu wisssen wie genau die Kalkulation gemacht wird.
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