Schülerin mit Leukämie Im neunten Bett stirbt man nicht

2. Teil: Sterben tut nicht weh


Als die Monitore schließlich Alarm schlagen und die Krankenschwester ins Zimmer stürmt, bekommt Conny das längst nicht mehr mit - sie ist ohnmächtig. Kurze Zeit später wacht sie wieder auf. Rasch geht es ihr besser, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch, denn sie hat sich selbst bewiesen, dass etwas wirklich Schlimmes einem Menschen eigentlich gar nicht passieren kann. Wenn die Schmerzen so stark werden, dass man es nicht mehr aushält, dann wird man sowieso ohnmächtig.

Sterben tut also nicht weh.

Und nach dem Tod, das steht für sie fest, muss irgendetwas kommen. Sie weiß nicht genau was, aber weitergehen wird es auf jeden Fall. Da die Station sehr klein ist und lediglich zwölf Betten umfasst, kennen sich Kinder und Eltern gut, die Atmosphäre ist familiär. Das bedeutet aber auch, dass Conny regelmäßig mit dem Tod konfrontiert wird. Sie findet im Krankenhaus einen sehr guten Freund. Jakob ist acht Jahre alt und wird kurz nach ihr eingeliefert. Seine Diagnose ist dieselbe wir ihre: Akute Lymphatische Leukämie, und auch ihre Therapieverläufe sind genau gleich.

Doch Jakob bekommt nie denselben Rückhalt zu spüren, wie Conny ihn von ihrer Familie erfährt. Seine Eltern sind geschieden, nur selten erhält er Besuch. Also "adoptiert" Connys Mutter ihn gewissermaßen. Wenn es den beiden Kindern so schlecht geht, dass schon aufrechtes Sitzen sie anstrengt, schiebt Connys Mutter die Betten zusammen und stellt die Lehnen hoch, so dass sie gemeinsam "Mensch ärgere Dich nicht" spielen können.

Als die Blutwerte der beiden gut sind, dürfen sie einen Tag in der Wohnung von Connys Mutter verbringen - sie fühlen sich wie im Urlaub. Wochen später geht es Jakob zunehmend schlechter. Er wird sterben, sowohl er als auch Conny sind sich dessen bewusst. "Schau, Conny", sagt er zu ihr, "du hast so eine nette Familie, so eine liebe Mama, so einen lieben Papa und so liebe Geschwister. Das habe ich alles nicht. Meine Familie ist dumm. Für dich ist das Leben in deiner Familie schön, mein Leben ist nur anstrengend. Für mich ist das ganz in Ordnung, wenn ich jetzt sterbe."

Zurück in der Schule: Conny will nicht die Kranke sein

Insgesamt verbringt Conny neun Monate im Krankenhaus, während dieser Zeit darf sie immer nur tageweise nach Hause. Ihre Lehrer haben sich dazubereit erklärt, ihr zu Hause Einzelunterricht zu geben. "Wenn du mal zu Hause bist, ruf uns sofort an. Wir kommen dann vorbei und erklären dir alles, was deine Klasse in den letzten Wochen durchgenommen hat", lassen sie ihr ausrichten. Auch als sie im Oktober 2000 aus dem Krankenhaus entlassen wird, darf sie nicht gleich unter Menschen. Ihr Immunsystem ist noch schwach, die Gefahr, sich eine Infektion zu holen, wäre viel zu groß.

Trotzdem ist es ihr größter Wunsch, wieder einmal in den Urlaub zu fahren. Also kaufen ihre Eltern ein Wohnmobil: Mit dem kann man dorthin in den Urlaub fahren, wo sonst keiner ist.

Nach drei Monaten zu Hause steht Conny an einem ihrer ersten Schultage vor dem Schulgebäude. "Kann ich dir den Schulpack abnehmen?", fragt ein Klassenkamerad eifrig. Conny brodelt innerlich. Sie weiß, dass er es lieb meint und ihr nur helfen will, aber es stört sie ungemein. Alle betrachten sie als die "Kranke". Aber sie ist doch wieder gesund! Sie bekommt die ersten Schulaufgaben zurück und hat das Gefühl, dass die Lehrer bei ihr absichtlich Fehler übersehen oder sie besser bewertet haben als die anderen. Während ihrer Zeit im Krankenhaus war sie unheimlich froh über die Briefe, die ihre Klasse jeden Tag geschickt hat.

Sie ist auch jetzt keinem böse, aber sie fühlt sich nicht mehr richtig wohl in ihrer alten Klasse und beschließt deshalb, trotz guter Noten, das Gymnasium zu verlassen. Keiner kann es verstehen, und sie kann es auch keinem erklären, aber sie wird die Entscheidung nie bereuen. Auf der Realschule ist sie so normal wie jeder andere. Dort kennen sie nur die gesunde Conny, nicht die kranke.

Zwei Jahre nach der Genesung trifft Conny der nächste Schlag

Zwei Jahre nachdem sie wieder gesund ist, macht Conny eine Erfahrung, die sie viel mehr erschüttert als ihre eigene Krankheit: Ihr Vater bekommt Krebs. Seine Überlebenschancen sinken auf unter fünf Prozent, Priester besuchen ihn im Krankenhaus, um ihm die Letzte Ölung zu geben. Conny wird bewusst, wie sehr ihre Familie damals gelitten haben muss. Immer war sie während ihrer Leukämieerkrankung zuversichtlich, aber jetzt bekommt sie richtig Angst. Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn sie ohne ihren Vater leben müsste. Aber das geht nicht, er muss einfach dableiben!

Sie versucht, etwas von dem zurückzugeben, was ihr damals geschenkt worden ist. Sie will ihm zeigen, dass er wichtig ist und gebraucht wird, dass er jetzt noch nicht gehen darf. Er soll dasselbe Gefühl der Sicherheit und des Rückhalts bekommen, das für sie so wichtig war. Sie schreibt ihm Briefe und schickt Videobotschaften ins Krankenhaus. Entgegen aller Erwartungen wird Connys Vater wieder vollständig gesund.

Conny ist jetzt 21 Jahre alt und studiert Chemie und Biologie an der TU München. Sie ist sich sicher, dass sie mit dem Gedanken an den Tod während ihrer Krebserkrankung nicht nur deshalb so gut umgehen konnte, weil sie ein zuversichtlicher Mensch ist, sondern auch, weil sie damals noch so jung war: "Meine Mutter hatte gesagt, ich darf mir jeden Tag eine Bibi-Blocksberg-Kassette wünschen. Darüber, welche Kassette ich am nächsten Tag möchte, habe ich viel länger nachgedacht als über den Tod."

Und noch etwas steht für sie fest: Die Angst, jemanden zu verlieren, den man liebt, ist viel schlimmer als die Angst, selbst zu sterben.

Der Beitrag von Veronika Widmann, 19, erschien zuerst in der Schülerzeitung "Innfloh" am Ruperti-Gymnasium in Mühldorf am Inn. Er wurde ausgezeichnet als beste Reportage beim Schülerzeitungswettbewerb des SPIEGEL - und die "Innfloh"-Redaktion holte auch den Gesamtsieg.

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Seite 1
the_flying_horse, 17.06.2010
1. Wenn der SPIEGEL schlau ist
Wow, ich habe selten im SPON so einen guten Artikel gelesen, zum Schluß kamen mir richtig die Tränen. Klasse recherchiert, aufrührend geschrieben, ein super Talent, die Veronika Widmann. Wenn der SPIEGEL schlau ist, stellt er die sofort ein.
Martinaalanya 17.06.2010
2. Phantastisch!
Glückwunsch zu dieser gelungenen Reportage. Veronika trifft mit traumwandlerischer Sicherheit genau den richtigen Ton und wandert auf dem schmalen Grad zwischen Gefühlsduselei und kalter Berichterstattung, ohne auch nur einmal in das eine oder andere Extrem abzurutschen. Hut ab! Und ich schliesse mich an: sofort einstellen, die Frau!
Nosoj 17.06.2010
3. Toll geschriebener Artikel !
Ein wirklich gelungener Artikel, gibt einen intressanten Einblick in ein Kind daß eine sehr schwere Zeit durchmachen muß. Kompliment! Wenn die Berufswahl nich schon getroffen wurde würd ich hier unbedingt empfehlen sich in diese Richtung zu orientieren.
herkurius 17.06.2010
4. Spendenaktion ist Täuschung
Jaa, nette, einfühlsame Reportage ... aber warum wird das Märchen von der lebensrettenden Knochenmarkspende immer wieder neu verbreitet? Die Chance, daß in einem Dorf unter tausend Einwohnern sich jemand findet, dessen Werte in der Millionen Spender umfassenden Knochenmarkdatei noch nicht vorhanden sind und die gerade dem betreffenden Patienten helfen könnten, sind astronomisch klein. Das Rote Kreuz nutzt nur jeden in der Presse bekannt gewordenen Leukämiefall bei Kindern zu einem weiteren Spendenaufruf. Das ist verdienstvoll (in jeder Hinsicht ...), aber die damit verbundene Täuschung nicht. In dem Fall, den ich miterlebt habe, wurde die Spendenaktion voll durchgezogen, als das angeblich zugrundeliegende Kind schon gestorben war.
Mel.M 17.06.2010
5. Was ist das denn für eine Logik
Zitat von herkuriusJaa, nette, einfühlsame Reportage ... aber warum wird das Märchen von der lebensrettenden Knochenmarkspende immer wieder neu verbreitet? Die Chance, daß in einem Dorf unter tausend Einwohnern sich jemand findet, dessen Werte in der Millionen Spender umfassenden Knochenmarkdatei noch nicht vorhanden sind und die gerade dem betreffenden Patienten helfen könnten, sind astronomisch klein. Das Rote Kreuz nutzt nur jeden in der Presse bekannt gewordenen Leukämiefall bei Kindern zu einem weiteren Spendenaufruf. Das ist verdienstvoll (in jeder Hinsicht ...), aber die damit verbundene Täuschung nicht. In dem Fall, den ich miterlebt habe, wurde die Spendenaktion voll durchgezogen, als das angeblich zugrundeliegende Kind schon gestorben war.
Klar ist die Chance den Spender für genau die eine Person in einem 1.000-Einwohner-Dorf zu finden recht gering, aber jede dieser Aktionen erhöht die Zahl der potentiellen Spender in der weltweiten Datei und damit erhöht sich für jeden Leukämiekranken die Chance einen Spender zu finden - einfache Mathematik. Und ich habe noch keine Spendenaktion erlebt, bei der das nicht klar formuliert wurde. Wer wirklich nur für den einen Menschen spenden will, der aus seinem Dorf kommt, der hat das System nicht verstanden.
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