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17. Juni 2010, 08:24 Uhr

Schülerin mit Leukämie

Im neunten Bett stirbt man nicht

Conny Schmidt ist elf, als sie erfährt, dass sie an Leukämie erkrankt ist. Dem Gedanken an den Tod begegnet sie, wie nur ein Kind es kann. Von Connys Zeit auf der Krebsstation erzählt Veronika Widmann, 19 - es ist die beste Reportage im Schülerzeitungswettbewerb des SPIEGEL.

"Du musst sofort ins Krankenhaus. Nimm am besten ein paar Sachen mit, es kann sein, dass du die Nacht drin bleiben musst." Es ist der 26. Dezember 1999, die elfjährige Conny Schmidt sitzt im Behandlungszimmer ihres Hausarztes. Schon den ganzen Tag lang hat sie Bauchschmerzen, sie kann kaum noch aufrecht stehen. Der Arzt hat festgestellt, dass ihre Milz um das Dreifache angeschwollen ist und sie viel zu viele weiße Blutkörperchen hat.

Und jetzt soll sie also ins Krankenhaus. Am zweiten Weihnachtsfeiertag, wo doch gerade die Ferien begonnen haben. Und dann auch noch über Nacht.

Wenig später liegt sie in einem Krankenwagen, der mit Blaulicht in Richtung München rast, zur Kinderpoliklinik. Conny hat keine Ahnung, was mit ihr nicht stimmt, aber sie weiß, dass es ernst ist. In diesem Moment ist sie sicher, dass sie sterben muss.

Als sie am nächsten Morgen aufwacht, liegt sie in einem kleinen, engen Raum, doppelt so hoch wie breit, mit kahlen, weißen Wänden. Es gibt nur ein einziges winziges Milchglasfenster. Überall stehen Überwachungsgeräte und Monitore mit roten und blauen Graphen. Es sieht aus wie in den Arztserien, die Connys Mutter immer anschaut. An der Decke dreht sich ein riesiger Ventilator. Er ist so laut, dass es ihr vorkommt, als würde sie mitten auf einem Flughafen stehen.

Menschen kommen an ihr Bett und beugen sich über sie: Sie sind dick vermummt, von ihren Gesichtern sieht Conny nur die Augen, denn alle tragen Kittel, Handschuhe, Mundschutz und eine Haube auf dem Kopf - sogar ihre Mutter! Wenn sich andere Menschen nur in Schutzkleidung eingepackt an ihr Bett trauen, dann muss ihre Krankheit wohl wirklich schlimm und extrem ansteckend sein.

Jeder dritte Patient überlebt - Conny zählt die Betten auf der Station

Wahrscheinlich habe ich nur noch ein oder zwei Tage zu leben, denkt sie sich. "Was ist denn eigentlich los mit mir?", fragt sie immer wieder nach. "Das wissen wir noch nicht sicher, wir müssen die Ergebnisse der Untersuchungen abwarten", antworten ihr die Ärzte nur, und auch aus ihrer Mutter bekommt sie nicht mehr heraus.

Als sie das Isolationszimmer kurz verlassen darf, sieht sie draußen auf dem Gang die anderen Kinder der Station, die alle keine Haare mehr haben. Conny weiß, dass das ein Zeichen für Krebs ist, und in diesem Moment ist das für sie eine riesige Erleichterung. Dann hat sie selbst also auch "nur" Krebs und keine schreckliche, ansteckende Seuche! Warum hat ihr das nur keiner früher gesagt? Krebs kann man doch behandeln, und ansteckend ist er auch nicht - sie hätte sich also keine so großen Sorgen zu machen brauchen!

Als nach einer Knochenmarkpunktion endgültig feststeht, dass sie an Leukämie erkrankt ist, beginnt sofort die Suche nach einem Knochenmarkspender. Ihre Eltern und ihre vier Geschwister lassen sich testen, in Marktl, ihrem Heimatdorf, und im gesamten Landkreis gibt es einen Spendenaufruf. Doch alle Bemühungen bleiben vergeblich, und nach drei Monaten Suche wird sie in die Hochrisikogruppe eingestuft.

Conny sieht sich regelmäßig die Protokolle des Therapieverlaufs an, denn sie möchte genau wissen, wie es um sie steht und was gerade in ihrem Körper passiert. Auf den Protokollen gibt es drei verschiedene Spalten für die Risikogruppen.

Bis jetzt lag sie in der Mitte, das war okay für sie. Jetzt liegen ihre Werte im Bereich der rechten Spalte, bei der Überlebenschance steht eine neue Zahl: 30 Prozent. Conny legt sich daraufhin eine ganz eigene Theorie zurecht: 30 Prozent, das bedeutet, dass jeder dritte Patient überleben wird. Conny zählt also die Betten auf der Station durch - ihres ist das neunte! Also wird sie überleben. Von nun an denkt sie nicht einmal mehr daran, dass sie sterben könnte, es gibt einfach keine solche Option mehr.

Das ganze Dorf lässt sich testen für eine Knochenmarkspende

Und noch etwas anderes gibt ihr Kraft und Sicherheit: Ganz Marktl hat sich für eine Knochenmarkspende testen lassen. Menschen, zu denen sie früher nur auf der Straße "Hallo" gesagt hat, denken an sie und wollen ihr helfen, wieder gesund zu werden. Ihre alte Grundschule veranstaltet ein Schulfest, um auf ihren Fall aufmerksam zu machen und Geld zu sammeln. Connys Klasse schreibt ihr jeden Tag einen Brief und mit ihrer besten Freundin telefoniert sie täglich. Ihre Mutter hat ihren Job aufgegeben und lebt jetzt in einem Elternwohnheim direkt neben der Klinik. Obwohl es für ihre Geschwister schwer ist, verzichten sie auf ihre Mutter, damit diese immer bei Conny sein kann. Wenn von so vielen Seiten so viel für sie getan wird, kann sie doch eigentlich gar nicht mehr sterben!

Wie viel kann ein Mensch aushalten? Was ist wirklich "schlimm"? Wann ist die Grenze erreicht? Immer wieder stellt Conny sich diese und ähnliche Fragen, als ihr Blick auf den Infusionsbeutel fällt, der an einem Ständer neben dem Bett hängt.

Sie weiß, dass von ihm aus durch den Schlauch und die Nadel in diesem Moment ein Schmerzmittel in ihr Blut fließt. Da kommt ihr eine Idee: Sie setzt sich auf und greift nach dem Schlauch. Das kleine Rädchen dort dreht sie bis zum Anschlag zurück - jetzt ist der Schlauch blockiert, die Flüssigkeit gelangt nicht mehr in ihren Körper.

Die Schmerzen werden stärker. Erst fühlt es sich an, als würde jemand das Knochenmark aus ihrer Wirbelsäule ziehen, dann plötzlich so, als wäre zu viel drin und ihre Knochen müssten zerspringen. Ihr Hals und ihr Mund, von der Chemotherapie angegriffen, brennen wie Feuer. Connys Kopf fühlt sich an, als wäre ihr Gehirn lose und jemand würde ihn kräftig hin und her schütteln. Sie muss würgen, Säure aus ihrem Magen trifft auf die wunden Stellen in Hals und Mund.

Sterben tut nicht weh

Als die Monitore schließlich Alarm schlagen und die Krankenschwester ins Zimmer stürmt, bekommt Conny das längst nicht mehr mit - sie ist ohnmächtig. Kurze Zeit später wacht sie wieder auf. Rasch geht es ihr besser, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch, denn sie hat sich selbst bewiesen, dass etwas wirklich Schlimmes einem Menschen eigentlich gar nicht passieren kann. Wenn die Schmerzen so stark werden, dass man es nicht mehr aushält, dann wird man sowieso ohnmächtig.

Sterben tut also nicht weh.

Und nach dem Tod, das steht für sie fest, muss irgendetwas kommen. Sie weiß nicht genau was, aber weitergehen wird es auf jeden Fall. Da die Station sehr klein ist und lediglich zwölf Betten umfasst, kennen sich Kinder und Eltern gut, die Atmosphäre ist familiär. Das bedeutet aber auch, dass Conny regelmäßig mit dem Tod konfrontiert wird. Sie findet im Krankenhaus einen sehr guten Freund. Jakob ist acht Jahre alt und wird kurz nach ihr eingeliefert. Seine Diagnose ist dieselbe wir ihre: Akute Lymphatische Leukämie, und auch ihre Therapieverläufe sind genau gleich.

Doch Jakob bekommt nie denselben Rückhalt zu spüren, wie Conny ihn von ihrer Familie erfährt. Seine Eltern sind geschieden, nur selten erhält er Besuch. Also "adoptiert" Connys Mutter ihn gewissermaßen. Wenn es den beiden Kindern so schlecht geht, dass schon aufrechtes Sitzen sie anstrengt, schiebt Connys Mutter die Betten zusammen und stellt die Lehnen hoch, so dass sie gemeinsam "Mensch ärgere Dich nicht" spielen können.

Als die Blutwerte der beiden gut sind, dürfen sie einen Tag in der Wohnung von Connys Mutter verbringen - sie fühlen sich wie im Urlaub. Wochen später geht es Jakob zunehmend schlechter. Er wird sterben, sowohl er als auch Conny sind sich dessen bewusst. "Schau, Conny", sagt er zu ihr, "du hast so eine nette Familie, so eine liebe Mama, so einen lieben Papa und so liebe Geschwister. Das habe ich alles nicht. Meine Familie ist dumm. Für dich ist das Leben in deiner Familie schön, mein Leben ist nur anstrengend. Für mich ist das ganz in Ordnung, wenn ich jetzt sterbe."

Zurück in der Schule: Conny will nicht die Kranke sein

Insgesamt verbringt Conny neun Monate im Krankenhaus, während dieser Zeit darf sie immer nur tageweise nach Hause. Ihre Lehrer haben sich dazubereit erklärt, ihr zu Hause Einzelunterricht zu geben. "Wenn du mal zu Hause bist, ruf uns sofort an. Wir kommen dann vorbei und erklären dir alles, was deine Klasse in den letzten Wochen durchgenommen hat", lassen sie ihr ausrichten. Auch als sie im Oktober 2000 aus dem Krankenhaus entlassen wird, darf sie nicht gleich unter Menschen. Ihr Immunsystem ist noch schwach, die Gefahr, sich eine Infektion zu holen, wäre viel zu groß.

Trotzdem ist es ihr größter Wunsch, wieder einmal in den Urlaub zu fahren. Also kaufen ihre Eltern ein Wohnmobil: Mit dem kann man dorthin in den Urlaub fahren, wo sonst keiner ist.

Nach drei Monaten zu Hause steht Conny an einem ihrer ersten Schultage vor dem Schulgebäude. "Kann ich dir den Schulpack abnehmen?", fragt ein Klassenkamerad eifrig. Conny brodelt innerlich. Sie weiß, dass er es lieb meint und ihr nur helfen will, aber es stört sie ungemein. Alle betrachten sie als die "Kranke". Aber sie ist doch wieder gesund! Sie bekommt die ersten Schulaufgaben zurück und hat das Gefühl, dass die Lehrer bei ihr absichtlich Fehler übersehen oder sie besser bewertet haben als die anderen. Während ihrer Zeit im Krankenhaus war sie unheimlich froh über die Briefe, die ihre Klasse jeden Tag geschickt hat.

Sie ist auch jetzt keinem böse, aber sie fühlt sich nicht mehr richtig wohl in ihrer alten Klasse und beschließt deshalb, trotz guter Noten, das Gymnasium zu verlassen. Keiner kann es verstehen, und sie kann es auch keinem erklären, aber sie wird die Entscheidung nie bereuen. Auf der Realschule ist sie so normal wie jeder andere. Dort kennen sie nur die gesunde Conny, nicht die kranke.

Zwei Jahre nach der Genesung trifft Conny der nächste Schlag

Zwei Jahre nachdem sie wieder gesund ist, macht Conny eine Erfahrung, die sie viel mehr erschüttert als ihre eigene Krankheit: Ihr Vater bekommt Krebs. Seine Überlebenschancen sinken auf unter fünf Prozent, Priester besuchen ihn im Krankenhaus, um ihm die Letzte Ölung zu geben. Conny wird bewusst, wie sehr ihre Familie damals gelitten haben muss. Immer war sie während ihrer Leukämieerkrankung zuversichtlich, aber jetzt bekommt sie richtig Angst. Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn sie ohne ihren Vater leben müsste. Aber das geht nicht, er muss einfach dableiben!

Sie versucht, etwas von dem zurückzugeben, was ihr damals geschenkt worden ist. Sie will ihm zeigen, dass er wichtig ist und gebraucht wird, dass er jetzt noch nicht gehen darf. Er soll dasselbe Gefühl der Sicherheit und des Rückhalts bekommen, das für sie so wichtig war. Sie schreibt ihm Briefe und schickt Videobotschaften ins Krankenhaus. Entgegen aller Erwartungen wird Connys Vater wieder vollständig gesund.

Conny ist jetzt 21 Jahre alt und studiert Chemie und Biologie an der TU München. Sie ist sich sicher, dass sie mit dem Gedanken an den Tod während ihrer Krebserkrankung nicht nur deshalb so gut umgehen konnte, weil sie ein zuversichtlicher Mensch ist, sondern auch, weil sie damals noch so jung war: "Meine Mutter hatte gesagt, ich darf mir jeden Tag eine Bibi-Blocksberg-Kassette wünschen. Darüber, welche Kassette ich am nächsten Tag möchte, habe ich viel länger nachgedacht als über den Tod."

Und noch etwas steht für sie fest: Die Angst, jemanden zu verlieren, den man liebt, ist viel schlimmer als die Angst, selbst zu sterben.

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