Amokläufer Wenn Schüler zu Tätern werden

Was macht einen Schüler zum Amokläufer? Soziale Ausgrenzung und Frust sind Risikofaktoren. Jetzt haben Berliner Forscher einen weiteren "Schlüsselfaktor" ausgemacht: massive Konflikte mit Lehrkräften.

Von und Saskia Ibrom

Täter-Typologie: School Shooter haben im Vorfeld Probleme mit Mitschülern und Lehrern
DPA

Täter-Typologie: School Shooter haben im Vorfeld Probleme mit Mitschülern und Lehrern


Columbine, Erfurt oder Winnenden: Was bringt junge Menschen dazu, bei sogenannten School Shootings auf Mitschüler und Lehrer zu feuern und möglichst viele von ihnen zu ermorden? Eine einfache Erklärung geht so: Da ist der verbitterte Außenseiter, der von seinen Mitschülern gemobbt wird, weder Freunde noch Freundin hat und eines Tages zur Waffe greift. Eine neue Studie von Forschern der FU Berlin zeigt: So simpel ist es nicht.

Denn: Ein eindeutiges Täterprofil bei solchen Schulanschlägen gibt es nicht. Obsessives Computerspielen, dunkle Kleidung oder Einzelgängertum - alles das macht einen Jugendlichen noch lange nicht zum Amokläufer. Das bestätigt auch die am Mittwoch vorgestellte Untersuchung, die von einem Team rund um den Psychologen Herbert Scheithauer verfasst wurde.

Im Rahmen des Projekts TARGET (Tat- und Fallanalysen hochexpressiver zielgerichteter Gewalt) haben die Psychologen zum ersten Mal die gesamte Forschungsliteratur zu School Shootings analysiert. In der Metastudie wurden 37 Untersuchungen mit insgesamt 126 Fällen von Amokläufen in 13 Ländern untersucht, darunter USA, Kanada und Deutschland. Das Ziel: Erste Anzeichen für mögliche School Shootings sollen früher erkannt werden als bisher. Eine Präventionscheckliste mit klaren Risikofaktoren könne allerdings niemand erwarten, sagt Scheithauer: "Durch das Projekt soll die Sensibilität der Lehrkräfte für das Thema gestärkt werden."

Auf der Suche nach Frühwarnsignalen

Was die Erforschung von Amoktaten in Schulen schwierig macht, sind die geringen Fallzahlen, denn es lassen sich nur bedingt allgemein gültige Schlüsse ziehen.

Trotzdem gibt es klare Auffälligkeiten: So erlebten fast 90 Prozent aller zukünftigen Täter soziale Konflikte in der Schule - allerdings nicht immer nur als Opfer. Etwas mehr als die Hälfte der späteren Täter erlebten Ablehnung durch Mitschüler in Form von Hänseleien, Beschimpfungen und unterstellter Homosexualität. In neun der 126 Fälle mobbte jedoch der spätere Amokläufer selbst andere Schüler, ohne dass er schikaniert worden wäre. Diese Fälle widersprechen also der Grundannahme, dass stets nur Opfer später zu Tätern werden. Die Autoren betonen: "Die Ergebnisse zeigen, dass es Fälle von School Shootings gibt, in denen Mobbing definitiv keine Rolle spielt."

Bei rund einem Drittel der Amokläufer ging vor der Tat eine Beziehung kaputt oder wurde Liebe erst gar nicht erwidert. Bei einigen Tätern waren Probleme in Liebesbeziehungen der einzige Konflikt im Schulumfeld.

Fotostrecke

4  Bilder
Fünfter Jahrestag: Gedenken in Winnenden
Häufig Stress mit Lehrern

Darüber hinaus fanden die Forscher auch einen neuen Indikator: Massive Konflikte mit Lehrern traten bei fast der Hälfte der späteren Täter auf. Laut den Autoren ein Aspekt, der in der Forschung bisher vernachlässigt werde. Für sie sind solche Konflikte ein "Schlüsselfaktor" - etwa dann, wenn Schüler beispielsweise von der Schule geflogen waren.

Korrekturbedarf bei der Bewertung der Täterpersönlichkeit sehen die Psychologen auch an einem anderen Punkt: der subjektiv empfundenen Ausgrenzung. Laut Studie stimmt das Gegenteil: Während in fast der Hälfte der Fälle die Täter von anderen als Einzelgänger beschrieben wurden, bezeichneten sich nur 24 Prozent der späteren Attentäter selbst als Außenseiter.

Auch mit Blick auf School Shootings in Deutschland stimmt das Bild des Einzelgängers nur eingeschränkt. In einer zweiten Studie untersuchten die Berliner Wissenschaftler gezielt Amokläufe in Deutschland, indem sie Zeugenaussagen, polizeiliche Ermittlungsakten, persönliche Schreiben der Täter und mehr auswerteten. Sieben deutsche Schulanschläge zwischen 1999 und 2006 haben die Forscher dafür genauer unter die Lupe genommen, darunter die Taten in Erfurt und Emsdetten. Der Amoklauf in Winnenden dagegen gehörte wegen der zeitlichen Begrenzung der Untersuchung nicht dazu.

Hier zeigte sich: Sechs der sieben späteren Täter verbrachten ihre Freizeit mit mehreren Freunden, gingen aus, spielten Computerspiele, drehten Filme, machten Sport und mehr. Nur eine Person passte zum Klischee des Amokläufers: Er hatte sich vor der Tat komplett von Freunden und Bekannten isoliert. "Anti-Mobbing-Programme sind zwar gut", sagt Psychologe Herbert Scheithauer. "Aber wenn eine Schule sagt, sie wolle mit diesen Programmen gegen School Shootings vorgehen, dann reicht das eben nicht."

Chronologie: Junge Amokläufer in Deutschland
Winnenden - März 2009
In seiner früheren Realschule in Winnenden bei Stuttgart und auf der Flucht erschießt ein 17-Jähriger 15 Menschen und sich selbst. Die Waffe hatte er seinem Vater entwendet, einem Sportschützen.
Emsdetten - November 2006
Mit Gewehren, Sprengfallen und Rauchbomben bewaffnet, überfällt ein 18-Jähriger in Emsdetten in seine frühere Schule. Er schießt vier Schüler und den Hausmeister an. Mehr als 30 Menschen erleiden Rauchgasvergiftungen oder einen Schock.
Coburg - Juli 2003
Ein 16-jähriger Realschüler schießt im bayerischen Coburg während des Unterrichts auf seine Klassenlehrerin und verletzt eine Schulpsychologin. Die Lehrerin bleibt unverletzt. Der Junge tötet sich selbst. Seine beiden Waffen hatte er sich aus dem verschlossenen Waffenschrank seines Vaters besorgt.
Erfurt - April 2002
Mit Pistole und Pumpgun erschießt ein ehemaliger Schüler eines Erfurter Gymnasiums 16 Menschen und sich selbst. Die meisten Opfer sind Lehrer. Der 19-Jährige war der Schule verwiesen worden und Mitglied eines Schützenvereins.

Quelle: dpa

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fatherted98 27.08.2014
1. Was sind denn...
...massive Konflikte...wenn der Lehrer schimpft und der Schüler den Kopf einzieht? Was nun? Nur noch Streichelzoo in unseren Schulen...bloß keine Kritik mehr an Schülern weil man sonst den nächsten Amokläufer heranzieht?
licorne 27.08.2014
2. Ländervergleich
Mich interessiert, warum es erstens ein typisch männliches Problem ist, und warum es mehrheitlich in Ländern geschieht, deren Erziehungsmethoden eher als offen und liberal angesehen werden kann ( Finnland, Deutschland, Kanada, USA) Warum geschieht soetwas nicht in den eher konservativen, katholischen Ländern wie Italien, Griechenland oder Spanien?
Susanne133 27.08.2014
3. Überraschend..?
Weder die Tatsache, dass ein Amoklauf verschiedenste Gründe haben kann, noch die Erkenntnis, dass "massive Konflikte mit Lehrkräften" einer dieser Gründe sein kann, überrascht mich an dieser Stelle. Bleibt als Fazit der Studie: "Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor."
aki-108 27.08.2014
4.
Amok-Läufer sind nur eine von vielen Blüten die eine neurotische Gesellschaft hervorbringt. Typisch, dass nun nach neuen Wegen der "Früherkennung" gesucht wird, um sie - gerade noch rechtzeitig - zu stoppen. Eine Schulleiterin hat mir einmal gesagt: "Sie können sich gar nicht vorstellen was ein Teil unserer Kinder zu Hause durchmacht". Und ein Pädagogen-Ausbilder, der für Konfliktfälle an Schulen gerufen wird: "Die allermeisten Lehrer haben von Pädagogik nicht die geringste Ahnung". Wenn ich zu Hause ein geprügelter Hund bin, wenn ich als Kleinkind oder Baby vernachlässigt wurde, oder wenn ich einmal in der Woche den Schwanz des Vaters in den Mund nehmen muss - dann wundere ich mich darüber dass es nicht viel mehr Amok-Läufer gibt. Wenn man das und die anderen "Blüten" (Drogen, Gewalt, Spielsucht etc.) nachhaltig stoppen will, dann muss die ganze Erziehung umgekrempelt werden. Dann braucht es eine Elternschule, von deren Besuch der Bezug von Kindergeld abhängig gemacht wird, in der die Leute was über die Wesen lernen, die ihnen anvertraut sind. Heute lernt man ja alles, bloß nichts über die eigene Spezies - jeder der ein paar Geschlechtsteile hat, kann Kinder produzieren und mit ihnen machen was er will.
mr.andersson 27.08.2014
5.
Wenn ich mir die "Merkmale" der Amokläufer anschaue, sehe ich wenig Unterschiede zum Otto-Normal-Schüler. Wer hatte denn keine sozialen Konflikte in der Schule, mal Zoff mit den Lehrern, unerwiederte Liebe und Hänseleien erlebt? Ich vermute schon mein Leben lang, dass da kein identifizierbares Schema hinter steckt. Das, was die Amokläufer erleben, erleben hundertausende Schüler jeden Tag. Und schlimmeres. Und einer unter Millionen läuft dann Amok. Den Wunsch dieses Verhalten frühzeitig zu erkennen verstehe ich vollkommen, nur hege ich da keine Hoffnung. Kein Erlebnis und/oder vorheriges Verhalten führt kausal zu einem Amoklauf. Da korreleirt offenbar nicht mal wirklich was. Unter extremen innerem Stress kommt der eine klar, der nächste tut sich selbst was an und der nächste geht auf andere los. Das klingt lapidarer als ich es meine, aber sollte sich bei der Vorhersagbarkeit da keinen Illusionen hingeben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.