Schul-Separatisten Fünf Bundesländer planen gemeinsames Süd-Abitur

Wenn's nicht bundesweit klappt, dann eben zu fünft: Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt wollen einheitliche Abiprüfungen in Deutsch und Mathematik einführen. Ein Zentralabitur soll das aber nicht sein, beteuern die Kultusminister.


Kein Zentral-Abi, aber ein Süd-Abi: Fünf unionsregierte Bundesländer wollen ihre Schüler fortan zu einheitlichen Abi-Prüfungen antreten lassen, zunächst in Deutsch und Mathematik. Darauf haben sich Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt am Montag verständigt. Losgehen solle es 2012, sagte Bayerns Kultusminister Siegfried Schneider (CSU).

Schülerinnen bei Abi-Klausur: Bald gleiche Aufgaben in München und Magdeburg?
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Schülerinnen bei Abi-Klausur: Bald gleiche Aufgaben in München und Magdeburg?

Andere Länder seien willkommen, sich den Bemühungen um "mehr Vergleichbarkeit und Bildungsgerechtigkeit" anzuschließen, so der thüringische Kultusminister Jens Goebel (CDU). Die fünf Länder seien kein "closed shop". Das "Süd-Abitur sei außerdem auf keinen Fall der Vorläufer eines Zentralabiturs. "Nirgendwo steht eine Zentrale", sagte der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau (CDU).

Gemeinsame Bildungsstandards haben die deutschen Kultusminister bereits beschlossen. Noch im letzten Herbst hatte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Kultusministerkonferenz aufgefordert, ein bundesweites Zentralabitur einzuführen. Doch fast alle Bildungsminister blockten ihren Vorschlag ab - unter ihnen auch der bayerische. Nur die Kollegen aus Baden-Württemberg und Sachsen waren schon damals für mehr Einheitlichkeit.

Bayerns Kultusminister Schneider fürchtete bisher stets, dass eine Vereinheitlichung der Abitur-Prüfungen zu einem Qualitätsverlust beim bayerischen Abitur führen könne. Mario Voigt, Landesvorsitzender der Jungen Union in Thüringen, erklärt den Vorstoß so: "Wir sind in der Bildung in Thüringen und den Südländern viel weiter als andere, und wir wären töricht, nun mit Ländern wie Bremen oder Berlin nach Gemeinsamkeiten zu suchen."

"Wir wollen keine Eingeborenentänze"

Vor allem die Kultusminister von Bayern oder Baden-Württemberg reklamieren stets, das Abitur dort sei mehr wert als das der anderen Bundesländer. Ihr ewiges Mantra: Die Abihürden im Süden seien viel höher als etwa bei den Bremern oder Nordrhein-Westfalen, die ihre Schüler gern lau baden ließen. Das sei unfair und könne die Süd-Abiturienten bei der Studienplatz-Bewerbung um ihre Chancen bringen. Begründet wird dies oft mit den Leistungsunterschieden in den Pisa-Vergleichstests.

Bei Pisa werden allerdings die Leistungen 15-Jähriger getestet - nicht die von Abiturienten. Ist das Geraune über das "strenge" Abitur im Süden und das "lasche" im Norden mehr als bildungspolitische Folklore? Der gefühlte Qualitäts-Unterschied ist dem Beweis bisher kaum zugänglich. Das wollen die Unions-Kultusminister ändern, für Klarheit sorgen und sich stärker profilieren.

Nach dem Treffen mit seinen vier Amtskollegen sprach Siégfried Schneider von einem "Meilenstein". Falls das Süd-Abi in Deutsch und Mathe ein Erfolg wird, soll es auf weitere Fächer übertragen werden. "Das ist nicht das Ende eines Weges. Wir beginnen einen gemeinsamen Weg", so der sächsische Kultusminister Steffen Flath. Er schlug Probeläufe des Süd-Abis in den drei Ostländern bereits vor 2012 vor. Dort gilt bereits die achtjährige Gymnasialzeit. In Bayern und Baden-Württemberg dagegen ist vorher keine Umstellung möglich, weil dort die Umstellung auf die verkürzte Schulzeit bis zum Abitur noch läuft.

"Wir sind überzeugt, dass wir den Föderalismus stärken, indem wir die Vergleichbarkeit der Abituraufgaben erhöhen", sagte Schneider. Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz (parteilos) sagte: "Wir wollen keine Eingeborenentänze, wir wollen gemeinsame Maßstäbe." Bis vor kurzem wollte Sachsen-Anhalt bei der Süd-Lösung nicht beteiligen, ist jetzt aber umgeschwenkt.

Auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner

Die Segnungen des Zentral-Abiturs sind bildungspolitisch seit Jahren umstritten. Zu den Nachteilen gehört, dass eine Standardisierung den Ländern, Schulen und Lehrern die Chance nimmt, die Abi-Aufgaben eigenständig zu entwickeln und zum Beispiel regionale Besonderheiten zu berücksichtigen. So könnte man sich am Tegernsee durchaus in einer Deutschklausur mit dem bayerischen Schriftsteller Ludwig Thoma beschäftigen, in Husum vielleicht eher mit Theodor Storm.

Daneben gibt es ein ganz handfestes Argument: Es könnte große logistische Probleme geben, wenn Schüler in vielen oder gar allen Bundesländern zugleich ihr Abitur schreiben. Außerdem können einheitliche Ferientermine in allen Bundesländern zu Ärger mit der Tourismusbranche führen.

Tilman Rohde-Jüchtern, Direktor des Zentrums für Lehrerbildung in Jena, beobachtet die Fünf-Länder-Pläne mit großer Skepsis: "Das klingt als Programm gut, ist aber praktisch voller Fallstricke." Ein länderübergreifendes Abitur verspreche keinen Mehrwert, sondern führe eher zur "Senkung des Niveaus", weil stets der kleinste gemeinsame Nenner zähle. Für gemeinsame Abituraufgaben müssten die Länder vorab ihre Bildungsziele, ihre Fach-Verständnisse und die Lehrinhalte vereinheitlichen. "Es ist kaum ein Prozess denkbar, in dem dieser Konsens zügig und nachhaltig erzeugt werden kann", so der Professor. "Die Erfahrungen aus der Kultusministerkonferenz sprechen nicht gerade dafür, und eine neue Kommissionsarbeit dauert Jahre."

Selbst wenn es einen solchen Konsens eines Tages gebe, müsse man die Aufgabenkommissionen genau unter die Lupe nehmen. "Solche Kommissionen sind bei Lehrplänen wie bei Abituraufgaben hochgradig eigensinnig und personengeprägt", sagte Rohde-Jüchtern, der selbst jahrelang an Aufgaben für das Zentralabitur in Thüringen mitgearbeitet hat.

Zudem sei nie auszuschließen, dass in den Aufgaben unbemerkt Fehler oder Uneindeutigkeiten steckten. Die Ländergrenzen seien auch ein Schutz vor bundesweiten Pannen und vor ungewollten ideologischen Schlagseiten bei den Abituraufgaben. Die angestrebte Vergleichbarkeit garantiere noch nicht die Qualität eines Abiturs. Nach Ansicht von Rohde-Jüchtern kann es weiterhin zu Scheingenauigkeit kommen: "Es schaffen trotzdem Schüler das Abitur ohne hoch entwickelte Sprach- und Lesekompetenz."

maf/jol/dpa/AP

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Seite 1
anin, 14.04.2008
1.
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Das Zentralabitur ist der erste Schritt hin zu einem einfachen "multiple choice test". Eine bundeseinheitliche Prüfung bei zugleich hohem Niveau läßt sich gar nicht durchhalten. Damit ist das Ende der "abgangsbezogenen" Prüfungen in Deutschland eingeleutet. Zukünfig wird nur noch "eingangsseitig" z.B. in den Universitäten geprüft werden. Nach Bachelor und Master wieder ein konsequenter Schritt zur "Demontage" unserer Gymnasialausbildung und der Entmündigung der dort Lehrenden.
Severine1985, 14.04.2008
2. Kein Fortschritt
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Ich denke nicht, daß es sich da um einen Fortschritt handelt. Außerdem dürften die Lehrpläne der einzelnen Bundesländer noch immer ziemlich voneinander abweichen. Vermutlich wird man sich da also auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, und wie soll damit ein hohes Niveau gehalten oder erreicht werden?
Peter-Freimann 14.04.2008
3.
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Zentralabitur ja, aber man sollte den Maßstab schon so anlegen, dass die Bildungspolitik fortschrittlicher Bundesländer wie Bremen, Hamburg, NRW oder Berlin zugrundegelegt wird. A: Deutschabitur: wie war die Zeit von 33-45 für Deutschland a) irgendwie nicht so prickelnd b) teils-teils, immerhin wurden Autobahnen gebaut Erörtere das Thema! B) Mathematik: ein/e MaurerIn arbeitetet acht Stunden und fügt in einer Stunde zwanzig Steine aufeinander. Wieviele MaurerInnen sind an der Baustelle beschäftigt? Gebe die Lösungsmenge an, suche Dir ein/e Schüler/in aus einer anderen Ethnie und diskutiere mit ihr/ihm das Ergebnis.
freeopinion 14.04.2008
4. Wenigstens ein Anfang!
Nachdem ich meine eigene und die Schulzeit meines Sohnes nicht wegen, sondern trotz der jeweiligen KultusministerInnen überstanden habe, kann ich es eigentlich kaum fassen, dass in diesem Bereich die Vernunft greifen könnte. Dass tatsächlich fünf Bundesländer einheitliche Abiprüfungen in zwei Fächern einführen wollen, führt allerdings auch zu der Frage: Geht es nur in Mathe und Deutsch und wenn ja, warum? Aber auch dieser zaghafte Schritt in die richtige Richtung sollte nicht davon ablenken, dass mindestens genauso dringend der generelle Systemfehler im Bildungswesen behoben werden muss. Und der liegt darin, dass sich bei uns Lehrer wie Hochschullehrer im geschützten Biotop statt im Wettbewerb befinden. Solange deren Engagement, Wissensvermittlungs- und soziale Kompetenz ihren Arbeitgebern egal sind, wenn nur der Stellenschlüssel stimmt (oder auch nicht), werden wir hier weiterhin Professoren haben, die 20 Jahre alte Skripte austeilen, und Gymnasiallehrer, die sich für die Gartenarbeit besser anziehen als für den Unterricht...
Emmi 14.04.2008
5.
Zitat von sysopFünf Bundesländer wollen einheitliche Abiturprüfungen in Deutsch und Mathe einführen: Fortschritt oder Rückschritt für die Schulbildung?
Einheitliche Prüfungen machen nur Sinn bei einem einheitlichen Lehrplan und gleichen Voraussetzungen. Das soll kein Plädoyer gegen das Zentralabitur sondern gegen die Kleinstaaterei im Bildungswesen sein. Emmi
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