Schulausschluss wegen Burka "Lehrer müssen Schülern ins Gesicht sehen"

Weil zwei Schülerinnen einige Tage lang total verschleiert erschienen, hat eine Bonner Gesamtschule die 18-Jährigen vom Unterricht ausgeschlossen. Die Entscheidung findet Beifall in der Politik, auch der Zentralrat der Muslime hält Burkas in Schulen für falsch.


Zwei Schülerinnen der Bonner Bertolt-Brecht-Gesamtschule sind wegen ihres Ganzkörper-Schleiers für zunächst zwei Wochen vom Unterricht ausgeschlossen worden. Der Schulleiter sah durch das Tragen der Burkas den Schulfrieden gefährdet.

"Nachdem die Schülerinnen am Montag erstmals mit der Burka zum Unterricht erschienen, war ein geregelter Schulbetrieb nicht mehr möglich", erklärte eine Sprecherin der zuständigen Kölner Bezirksregierung. Sowohl bei den Mitschülern wie auch im Lehrer-Kollegium habe es großen Gesprächsbedarf gegeben. Einige der etwa 1300 Schüler seien auch verängstigt gewesen.

Nach Angaben von Schulleiter Ulrich Stahnke waren die Schülerinnen der Jahrgangsstufe elf am Montag erstmals von Kopf bis Fuß verhüllt zur Schule gekommen. Eine der beiden sei zuvor in Kleidung und Auftreten stark westlich geprägt gewesen. Die andere habe schon früher Kopftuch getragen, sich an den Vorschriften des Islam orientiert und es beispielsweise vermieden, Männern die Hand zu geben. Als die Schülerinnen auch am Donnerstag noch in gleicher Kleidung zur Schule kamen, entschloss sich Stahnke zur Suspendierung. Eine Identifizierung solcher völlig verhüllter Personen sei n ur noch über die Stimme möglich, sagte er. "Dies kann auch Ängste auslösen. Unsere Schüler wussten nicht, ob die beiden überhaupt zur Schule gehörten."

Einem Sprecher der Stadt Bonn zufolge handelt es sich um türkischstämmige Migrantinnen, eine mit deutschem, eine mit türkischem Pass. Dass die 18-Jährigen sich plötzlich dazu entschlossen, sich mit dem bodenlangen Gewand bedecken, kam offenbar völlig überraschend. "Von Seiten der Schule hat es in den letzten Tagen wiederholt Gesprächs- und Beratungsangebote gegeben, die leider bislang nicht angenommen worden", so die Sprecherin der Bezirksregierung. Deshalb billige die Behörde den Schulausschluss.

Lehrerkollegium trägt Entscheidung mit

"Die Lehrerinnen und Lehrer sehen sich außerstande, Schüler zu unterrichten, denen man nicht ins Gesicht schauen kann", erklärte Schulleiter Stahnke. Auch sei der Unterricht in Fächern wie Sport, Chemie oder Werkkunde wegen der Gewänder praktisch nicht möglich: "So gesehen können wir die Leistungen der Schülerinnen nicht sachgemäß beurteilen."

Man habe zunächst gehofft, dass der Freundeskreis die Mädchen zu einem Verzicht auf die Burka bewegen könnte. Bei religiösen Fragen seien junge Erwachsene in diesem Alter allerdings "kaum von außen erreichbar", so Stahnke. Dennoch sei für die Schule nicht nachvollziehbar, was die beiden Schülerinnen in den Osterferien "zu diesem doch sehr drastischen Schritt" bewogen habe "Wenn man in Mitteleuropa plötzlich mit einer solchen Kleidung in die Schule kommt, dann überlegt man sich doch vorher, was für Reaktionen man damit auslöst." Er sei von Schülern und Lehrerkollegen einhellig aufgefordert worden, die Burka-Auftritte zu untersagen, sagte Stahnke. "Es gab keinen im Kollegium, der die Entscheidung kritisiert hat." Ob die Burka etwas mit Religion zu tun habe, sei hier nicht das Thema.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) begrüßte die Entscheidung. "Die Schule reagiert richtig und angemessen auf eine kulturelle Provokation, die von diesen Schülerinnen wohl so gemeint ist", sagte Thierse den "Stuttgarter Nachrichten". Eine Schule dürfe nicht zulassen, "dass sich zwei Schülerinnen unsichtbar machen und sich der Kommunikation zwischen Menschen demonstrativ entziehen". Mit einem Verbot religiöser Symbole habe das nichts zu tun.

Bonns Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann (SPD) bezeichnete den Unterrichtsausschluss ebenfalls als "abgewogen und konsequent". Es dürfe keine Parallelgesellschaft entstehen, "wir leben in einer Gesellschaft, in der sich die Menschen in die Augen sehen können". Auch der Zentralrat der Muslime in Deutschland kritisierte das Auftreten der beiden Schülerinnen. Die islamische Lehre sage nichts über die Ganz-Verschleierung des Gesichts, so der Vorsitzende Ayyub Axel Köhler im Sender RBB. "Ich bin der Ansicht, dass ein Lehrer in das Gesicht des Schülers oder der Schülerin sehen muss." Das Unterrichtsverbot sei angemessen. "Ich würde raten, dass die Mädchen sich theologisch von einem Fachmann beraten lassen, dahingehend, dass sie dann das Gesicht im Unterricht wieder frei machen", sagte Köhler.

"Gelenkte und geplante Aktion"?

Das Schulverbot kann laut Bezirksregierung auch vor Ablauf der 14 Tage wieder aufgehoben werden, sollten sich die Schülerinnen entscheiden, die Komplettverhüllung wieder abzulegen. "Sie könnten noch zur selben Stunde wieder am Unterricht teilnehmen, und wir würden sie überaus herzlich wieder in der Schule begrüßen", erklärte Schulleiter Stahnke. Der Sprecher der Stadt Bonn sagte allerdings, dass die Frauen nun mit einem Anwalt gegen den Unterrichtsausschluss vorgehen wollen.

Die Familie einer der beiden Schülerinnen sei bei den deutschen Sicherheitsbehörden bekannt, hieß es bei der Bonner Stadtverwaltung. Es gebe Kontakte zur schon früher ins Visier der Sicherheitsbehörden geratenen Fahd-Akademie in Bonn, die von Saudi-Arabien als Schule betrieben wird. Eine gezielte Provokation der Schülerinnen könne nicht ausgeschlossen werden. Die Stadtverwaltung teilte mit, es gebe Anzeichen, dass die Schülerinnen "nicht aus eigenem Antrieb" die Burka getragen hätten. Man müsse vielmehr befürchten, "dass sie in einer gelenkten und geplanten Aktion" instrumentalisiert würden.

Die Burka ist unter anderem in Afghanistan verbreitet. Dabei handelt es um ein häufig blaues Stofftuch, das Kopf und Körper der Frau komplett verhüllt. Damit die Trägerin etwas sehen kann, ist im Bereich der Augen ein Schleier oder eine Art Stoffgitter eingesetzt. Die Taliban-Regierung Afghanistans hatte das Tragen der Burka für alle Frauen zur Pflicht gemacht. An Frankreichs Schulen sind Burkas seit zwei Jahren verboten, in der belgischen Stadt Antwerpen droht Trägerinnen der Burka eine Anzeige wegen des Vermummungsverbots.

jol/ap/ddp/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.