Maulkorb-Posse in Niedersachsen Behörde zensiert Schul-Homepage

An einem Gymnasium in Niedersachsen protestieren tausend Schüler gegen die Kultusministerin. Die Schule verlinkte einen Bericht auf ihrer Internetseite - zum Ärger der Behörden, die eine sofortige Löschung anordneten.

Buhrufe für die Ministerin? Bitte nicht auf der Schulhomepage
Gymnasium Brake

Buhrufe für die Ministerin? Bitte nicht auf der Schulhomepage

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Die 9c gewinnt ein Handballturnier. Die 5a freut sich über Buchgutscheine. Grundschüler waren zum Schnuppertag da. Das erfährt man, wenn man die Homepage des Gymnasiums in Brake bei Bremen aufruft.

So weit, so unaufregend.

Bis vergangenen Freitag konnte man auf der Internetseite der Schule außerdem lesen, dass die Schüler wütend sind. Dass sie sich am Mittwochmorgen auf dem Schulhof versammelt hatten, um gegen die niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) zu protestieren, die an diesem Tag in der Stadt zu Besuch war. Ein Link führte von der Seite der Schule auf den Artikel in der Lokalpresse, die über die Demonstration berichtete.

Das missfiel der Schulaufsicht offenbar so sehr, dass sie zu einem ungewöhnlichen Mittel griff. Am Freitagvormittag rief die Behörde in der Schule an. Seither heißt es auf der Homepage lapidar: "Auf Anordnung des Leiters der Niedersächsischen Landesschulbehörde (Regionalabteilung Osnabrück) wurde der Artikel 'Protest wegen Klassenfahrten - Buhrufe in Brake für Kultusministerin' am 08. Mai um 12:27 Uhr entfernt".

Ministerium gibt nach

In der Schule herrscht Unverständnis über die Zensur. "Wir verlinken häufiger Presseartikel über unsere Schule auf der Homepage", sagt Christian Müller, Koordinator für die Sekundarstufe 1 des Gymnasiums. Bisher habe es nie Probleme gegeben. Auch Schülersprecher Johannes Wilbertz, 17, ist sauer: Die Löschaktion sei eine "Beschränkung der freien Meinungsäußerung".

Zwischenzeitlich verteidigte die Schulaufsicht ihre Anordnung noch: Die Darstellung auf der Website habe den Eindruck vermittelt, "dass es sich bei dem abgebildeten Geschehen um eine offizielle Veranstaltung im Rahmen der Gesamtverantwortung der Schule handeln würde", sagte eine Behördensprecherin der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" am Freitag.

Am Montag kam plötzlich die Rolle rückwärts aus dem Ministerium: Sie habe die Anweisung der Behörde an das Gymnasium zurückgenommen, teilte Kultusministerin Heiligenstadt mit. "Ich nehme die Meinung der Schülerinnen und Schüler sehr ernst und habe mich nie vor unbequemen Diskussionen gescheut", sagte Heiligenstadt. Die Behörde habe die Zensur-Aktion zwar mit dem Kultusministerium abgestimmt - die Ministerin selbst will aber nicht einbezogen gewesen sein: "In der Abwägung der Argumente komme ich zu dem Ergebnis, dass eine Löschung nicht erforderlich war und ist."

Schulleiter muss zum Disziplinargespräch

Die Demonstration der Schüler hat auch ein Nachspiel für den Schulleiter, der sich selbst daher derzeit nicht äußern möchte: Er ist für diesen Mittwoch zum Disziplinargespräch bei der Landesschulbehörde in Osnabrück geladen.

Rund tausend Gymnasiasten, fast die komplette Schülerschaft, hatte sich in der vergangenen Woche an der Demonstration auf dem Schulhof beteiligt - obwohl sie eigentlich im Unterricht hätten sein müssen. Hat die Schulleitung sie zum Protest gegen die Ministerin aufgefordert oder ermutigt?

"Schulleitung und Lehrer haben nicht zu der Demo aufgerufen", sagt Schülervertreter Johannes Wilbertz. Die Initiative sei von den Schülern ausgegangen. So ähnlich äußert sich auch das Gymnasium: Die Schule wusste zwar von den Plänen der Schüler, sei aber selbst überrascht gewesen vom Ausmaß des Protestes, sagt Lehrer Christian Müller. Man habe die Schüler allerdings darauf hingewiesen, dass sie dem Unterricht nicht einfach fernbleiben dürften - sie gingen trotzdem demonstrieren und riskierten einen Klassenbucheintrag.

Niedersachsens Kultusministerin Heiligenstadt hat in jüngster Zeit öfter mit protestierenden Gymnasiasten zu tun. Aus Ärger über eine Stunde Mehrarbeit boykottieren Gymnasiallehrer vielerorts seit über einem Jahr Klassenfahrten - so auch in Brake.

Die Landesschülervertretung in Niedersachsen hatte vergeblich versucht, zwischen Lehrervertretern und Ministerium zu vermitteln. Zuletzt hatte Ministerin Heiligenstadt Mitte April eine bessere Kostenerstattung für Klassenfahrten angekündigt, ohne aber an der Mehrarbeitsregelung für Gymnasiallehrer zu rütteln.

Mit der Zensur-Aktion hat sich die Schulbehörde derweil Spott eingehandelt - vielleicht ist auch das ein Grund, warum das Ministerium die Löschanordnung widerrief. Wo früher der Artikel über die Protestaktion verlinkt war, hagelt es über das Wochenende böse Kommentare. "Lasst euch von diesem Rückschlag nicht entmutigen", schreibt ein Kommentator dort ins Gästebuch. "Wo soll so ein Maulkorberlass hinführen?", fragt ein anderer. Und ein Lehrer der Schule postet im Kommentarbereich einfach von Neuem den Link zum Demo-Artikel.



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insgesamt 108 Beiträge
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Seite 1
henryvv 11.05.2015
1. Nur ein erster Schritt....
Wenn jetzt die Veröffentlichung wieder erlaubt wird ändert das noch nichts an dem eigentlichen Problem, nämlich der Vernichtung der Zukunftschancen der jungen Lehrerinnen und Lehrer in Niedersachsen. Die für die Gymnasien katastrophalen Folgen der rot-grünen Schulpolitik werden gerade im Schulverwaltungsblatt selbst dokumentiert: Nur noch 70 von 1500 Stellen (das entspricht nicht mal 4,7%) werden den Gymnasien zugewiesen!!!! Dies ist eine der Folgen der Arbeitszeiterhöhung und der Einschränkungen der zugesagten Altersermäßigung. Diese zeitgleich mit der Senkung der Sollstunden durch den Übergang zu G9 zu realisieren, ist neben anderen Aspekten ein bewusste und planmäßige Schwächung der Gymnasien in Niedersachsen. Vgl. http://www.gymnasium-brake.de/protest-wegen-klassenfahrten-buh-rufe-in-brake-fuer-kultusministerin/#comment-157 und http://www.nwzonline.de/wesermarsch/bildung/buh-rufe-fuer-kultusministerin-buh-rufe-in-brake-fuer-kultusministerin-buh-rufe-in-brake-fuer-kultusministerin_a_27,0,1658510951.html
trubitz 11.05.2015
2.
So geht Demokratie Frau Frauke Heiligenstadt. Ich wäre sehr enttäuscht hätten diese Schüler nicht so gehandelt. Ich bin aber sehr enttäuscht, dass Sie so gehandelt haben.
m.m.s. 11.05.2015
3. Staatsschule
ist nicht Schule sondern Behörde. So ist es.
dernordenrockt 11.05.2015
4. Rot-Grün und die freie Meinungsäusserung...
stehen auf Kriegsfuß: was vor allem den grünen Ideologen nicht passt, wird mundtot gemacht oder diffamiert: Landwirte, Jäger, Schulprojekte, die über die Methoden der Gentechnik aufklären oder Kooperationen mit der Energie-Industrie, wenn es mal nicht die Windmühlen- oder Solar-Mafia ist. Das Gute daran: Die Schüler in Niedersachsen lernen hautnah, was Ideologen anrichten können. Hoffentlich merken sie sich das, wenn sie wählen!
imforeverblowingbubbles 11.05.2015
5. Wenn schon
wenn sie dieses wirklich wichtige Thema ansprechen, dann schauen sie bitte auch, was bisher dazu im Landtag gelaufen ist...
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