Initiative "Schule gegen sexuelle Gewalt" Hohe Dunkelziffer, hilflose Lehrer

In jeder Schulklasse sind ein bis zwei Kinder Opfer sexueller Gewalt, schätzt der Missbrauchsbeauftragte des Bundes. Eine Initiative an über 30.000 Schulen soll Mädchen und Jungen künftig besser schützen.

Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (Archiv)
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Johannes-Wilhelm Rörig, Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (Archiv)


Der Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs hat in Berlin die Initiative "Schule gegen sexuelle Gewalt" vorgestellt: "Es gibt an Schulen eine große Unsicherheit im Umgang mit sexueller Gewalt", sagte Johannes-Wilhelm Rörig. "Viele Lehrerinnen und Lehrer haben Angst vor Falschbeschuldigungen oder wissen nicht, was sie im Verdachtsfall tun können."

Genau hier setze die Initiative "Schule gegen sexuelle Gewalt" an. Schulleitung und Lehrkräfte würden fachlich unterstützt und ermutigt, Konzepte zum Schutz der Kinder und Jugendlichen zu entwickeln. Durch Fortbildungen und mit Informationsmaterial soll das Kollegium geschult und sensibilisiert werden. Zusätzlich präsentiert sich die Initiative über eine Website.

Die Dunkelziffer der Betroffenen ist hoch. "Wir müssen davon ausgehen, dass in jeder Schulklasse mindestens ein bis zwei Mädchen und Jungen sind, die von sexueller Gewalt betroffen sind," sagte Rörig. Kinder, die sexuelle Gewalt in der Familie, im sozialen Umfeld, in Einrichtungen, durch Gleichaltrige und zunehmend auch durch die digitalen Medien erlitten, benötigen Schulen als Orte, an denen sie Schutz und Hilfen finden, so Rörig weiter.

Mit der Initiative sollen die über 30.000 Schulen in Deutschland erreicht werden. Als erstes Bundesland startet Nordrhein-Westfalen in der kommenden Woche, bis Ende 2018 sollen die anderen 15 Bundesländer folgen. Neben den Kultusministerien des Länder begrüßen auch die Gewerkschaften und Betroffenenverbände die Initiative.

Marlis Tepe, Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sagte, mit guten Präventionskonzepten könnten die Schulen eine Schlüsselrolle für gelebten Kinderschutz spielen. "Die GEW setzt sich dafür ein, Schulen für Fragen sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu sensibilisieren und sie bei der Entwicklung von Schutzkonzepten zu unterstützen."

"Offenheit und Transparenz sollen helfen, das Tabu zu durchbrechen", sagte Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verband Bildung und Erziehung (VBE). Und Catharina Beuster, Mitglied im Betroffenenrat, betonte dabei die besonderen Möglichkeiten an Schulen und mahnte, dass niemals die Kinder und Jugendlichen schuld an ihrem Missbrauch seien.

"Die Verantwortung für die Verhinderung, Unterbrechung und Hilfe bei sexueller Gewalt liegt einzig und allein in den Händen Erwachsener. Schule ist ein Ort, an dem wir nicht isoliert und hilflos sein müssen, sondern Seite an Seite gezielt sexuellen Missbrauch verhindern und beenden können."

sun



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