Schule Hochbegabte müssen nicht unbedingt in Förderklassen

Lernen hochbegabte Kinder unter ihresgleichen besser? Der Entwicklungspsychologe Wolfgang Schneider hat das erforscht und festgestellt: Einigen geht es auch in Regelklassen sehr gut.

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Ein Interview von


Hochbegabt! Wenn ein Kind diese Diagnose erhält, müssen Eltern eine Entscheidung treffen: Sollen sie ihr Kind mit einem Intelligenzquotienten von mehr als 130 in eine spezielle Klasse oder Schule für Hochbegabte schicken? Oder ist das Kind besser in einer Regelklasse mit durchschnittlich intelligenten Mitschülern aufgehoben?

Der Würzburger Entwicklungspsychologe Wolfgang Schneider und seine Kollegen sind diesen Fragen nachgegangen. Sie begleiteten von 2008 bis 2015 acht Gymnasien in Bayern und Baden-Württemberg, die neben regulären Klassen auch spezielle Klassen für besonders begabte Schüler anbieten.

In einer ersten Runde untersuchten sie die Jahrgangsstufen fünf bis sieben, in einer zweiten Runde den Begabtenunterricht in Jahrgang zehn. Dieser zweite Teil liegt auch SPIEGEL ONLINE vor.

Zur Person
  • Marc Darchinger
    Wolfgang Schneider ist Entwicklungspsychologe an der Universität Würzburg und Mitautor der Studien PULSS I und II (Projekt für die Untersuchung des Lernens in der Sekundarstufe). Die Studie wurde von der Karg-Stiftung für Hochbegabtenförderung mitfinanziert.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schneider, lernen hochbegabte Schüler in speziellen Förderklassen besser?

Schneider: Unsere Ergebnisse legen das nahe, ja. Wir hatten schon im ersten Teil der Studie festgestellt, dass solche Klassen für viele hochbegabte Schüler in den Jahrgängen fünf bis sieben Vorteile bieten. In der zweiten Runde war unsere Stichprobe etwas kleiner, trotzdem konnten wir auch bei Zehntklässlern feststellen, dass Hochbegabte von Förderklassen profitieren können.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Wolfgang Schneider: Wir haben eine Teilstichprobe von Schülern mit vergleichbar hohem IQ in Förderklassen und Regelklassen verglichen. Dabei haben wir festgestellt: Die besonders intelligenten Schüler in den Begabtenklassen zeigten zum Beispiel in Englisch und Mathe deutlich bessere Leistungen als ähnlich intelligente Schüler in den Regelkassen. Auch bei der Lesegeschwindigkeit hatten sie die Nase vorne. Und was ich besonders wichtig finde: Sie hatten häufiger "Freude am Denken".

SPIEGEL ONLINE: Schlau, aber sozial inkompetent, lautet ein gängiges Vorurteil über Hochbegabte, vor allem, wenn sie dauernd unter sich bleiben. Hat sich das in Ihrer Studie bestätigt?

Schneider: Nein, gar nicht. Wir konnten feststellen, dass hochbegabte Schüler in Förderklassen auch im sozialen Bereich profitieren. Die Zehntklässler fanden zum Beispiel das Lernklima in ihrer Förderklasse besser als die Schüler in Regelklassen, die öfter von Rivalität und mehr Leistungs- und Sozialdruck berichteten. Was soziale Anerkennung oder eigenes Selbstwertgefühl betrifft, konnten wir keine Unterschiede feststellen.

SPIEGEL ONLINE: Die Studie wurde von den Kultusministerien Bayern und Baden-Württemberg in Auftrag gegeben und mitfinanziert. Beide haben solche Begabtenklassen eingerichtet. Können sich die Länder durch Ihre Ergebnisse jetzt bestätigt fühlen?

Schneider: Ich denke, es hat sich gezeigt, dass solche Förderklassen Sinn machen. Aber es gibt nicht so viele hochbegabte Schüler, dass man noch weitere einrichten müsste, und außerdem haben wir durch die Studie noch eine wichtige Erkenntnis gewonnen: Hochbegabte Schüler können auch in Regelklassen mit durchschnittlich intelligenten Mitschülern sehr gut aufgehoben sein.

SPIEGEL ONLINE: Eltern müssen ihr hochbegabtes Kind also nicht zwingend in eine Begabtenklasse schicken?

Schneider: Nein. Unsere Studie hat gerade bei den Zehntklässlern gezeigt, dass es etwa in Deutsch und Mathematik keine oder nur geringe Leistungsunterschiede zwischen Hochbegabten in beiden Klassentypen gibt und hochbegabte Schüler in Regelklassen mehrheitlich gut zurechtkommen. Sie sind auch hier überdurchschnittlich gut. Letztlich muss man bei jedem einzelnen Kind entscheiden, welche Schule die richtige ist. Bei einem "Underachiever" empfehle ich eine Förderklasse.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie mit Underachiever?

Schneider: Eltern und Lehrer merken oft in der Grundschule, wenn ein Kind sich langweilt, verhaltensauffällig wird und nicht die Leistung erbringt, die es zeigen könnte. Das heißt nicht, dass jeder Störenfried hochbegabt ist. Aber ein Kind kann leiden, wenn etwa das Lerntempo in der Klasse zu langsam ist. Das Leistungsspektrum in einem Gymnasium ist inzwischen oft sehr breit. Da kann ein Kind mit einem IQ von 150 unterfordert und unglücklich sein. Diese Kind wäre in einer Förderklasse vielleicht besser aufgehoben.

SPIEGEL ONLINE: Das widerspricht der Idee der Inklusion, wonach alle Kinder zusammen und voneinander lernen sollen - egal wie verschieden sie sind.

Schneider: Ich denke, Inklusion ist für einige Kinder nicht das Richtige. Hochbegabte können in einer speziellen Förderklasse Erfahrungen sammeln, die sie sonst nicht hätten.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Schneider: Die Schüler stellen etwa fest, dass sie mit ihrem hohen IQ nicht alleine dastehen. Sie haben in der Klasse nicht automatisch die Streberrolle, sondern nehmen wahr, dass andere auch extrem schlau und leistungsstark sind. Bei einigen mag diese Erfahrung das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zunächst schmälern. Es kann aber auch entlastend wirken, nicht immer diesen Sonderstatus zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Müssen hochbegabte Schüler in einer Förderklasse mit schlechteren Noten rechnen?

Schneider: Das ist möglich. Wir haben in unserer Studie festgestellt, dass hochbegabte Schüler in Förderklassen im Schnitt nur wenig bessere Noten bekommen als Schüler der Regelklassen, obwohl ihre Testleistungen deutlich besser sind. Die Lehrer verteilen nicht an alle Einsen. Sie bewerten sogar offensichtlich strenger, in manchen Fällen wohl auch zu streng.

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Erwachsene Hochbegabte: Überflieger dank hohem IQ
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Mitarbeit Heike Klovert

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nickleby 31.08.2016
1. Eliteförderung ist das Gebot der Stunde
Die breite Masse erhält genug Unterstützung. Der Lernfortschritt in einer normalen Schulklasse orientiert sich an lernschwächeren Schülern. Das ist kontraproduktiv. Das dreigliedrige Schulsystem mit seinen chancengerechten Übergangsmöglichkeiten muss gerade dem Hochbegabten die Möglichkeit geben, seinen Anlagen gemäß gefördert zu werden. Das geht eben nur in besonderen Förderklassen, die eingerichtet werden müssen. Der Durchschnittsschüler unter 130 findet sich in seiner Umgebung zurecht und meistert die Anforderungen. Die Lernschwächeren haben ja Ausbildungsmöglichkeiten, die ihren Anlagen entsprechen. Da kann z.B. die praktischer Intelligenz gefördert werden.
sarkasmis 31.08.2016
2. Täuschung in der Überschrift
Die Kernaussage des Interviewten ist völlig entgegengesetzt. Im Regelfall ist eine Spezialklasse von Vorteil für Hochbegabte. Auch die Frage " Widerspricht das nicht dem Grundgedanken der Inklusion?" ist völlig suggestiv. Inklusion ist ein linke Meme, das versucht wird dem Schulsystem ohne jede demokratische Legitimation aufzuzwingen. In Hamburg gab es einen Volksentscheid vor einigen Jahren in dem sich die linksliberalen Hamburger gegen die Gesamtschule für alle entschieden haben. Dieses demokratische Votum sollten die "Bildungsforscher" die Inklusion als politisches Projekt pushen gefälligst zu Kenntnis nehmen. Gerade bei Hochbegabten zeigt sich ja auch, dass sie von der Segregation profitieren und die soziale Enticklung nicht leidet. Stattdessen gibt es Tonnen an Umsetzungsproblemen bei Inklusionsklassen, sei es das Behinderte effektiv einzelbetreut werden müssen, während sich die normalen Schüler zu 30 einen Lehrer teilen müssen, sei es, dass das Konzept mehrer Lehrer pro Klasse zu haben nicht funktioniert und zum Phänomen des Heizkörperlehrers führt. Die Japaner haben vor über 100 Jahren das rigide preßische Schulsystem kopiert und fahren damit brilliante Ausbildungsergebnisse ein. Das lässt mich zu dem Schluss kommen, dass der Großteil der Reformvorschläge aus der Wissenschaft in diesem Zeitraum nichts taugte, mkt Ausnahme der Abschaffung der Körperstrafen.
strixaluco 31.08.2016
3. Es gibt viele abweichende Bedürfnisse
Warum muss man abweichende Lernbedürfnisse von Schülern immer im Einzelfall betrachten und sich extrem aufwendige Sonderlösungen wie spezielle Förderklassen ausdenken? Ich finde, jedes einzelne Kind hat ein Recht darauf, seine Fähigkeiten bestmöglich entwickeln zu können, ganz unabhängig davon, ob es schneller oder langsamer als andere lernt, ob es eine Sache besonders gut kann oder sehr viele. Es ist sehr wichtig, in der Schule zu erkennen, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen und wie man diese in Zusammenarbeit mit anders veranlagten Menschen am Besten unterbringen kann. Das gilt gerade auch für überdurchschnittlich intelligente Menschen. Was hilft es irgendjemandem, wenn man sonstetwas rechnen, es aber niemandem erklären kann... ? - und noch einige ganz praktische Überlegungen: 1. Die feste Grenze "IQ ab 130" ist ziemlich unsinnig, auch Kinder, die nur "überdurchschnittlich intelligent" mit ein paar Punkten weniger oder einseitig begabt sind, können sich in der Schule langweilen. Haben die dann keinen Anspruch darauf, gefördert zu werden? Wieso? 2. Förderklassen sind selten, und Eltern, die ihre Kinder lieben, geben sie nicht ohne Not auf ein Internat, selbst, wenn das Bildungsangebot vor Ort eher unzureichend ist - da versucht man lieber selbst, zu fördern. 3. Jeder bekannte IQ-Test ist ein Anspruch und ein Etikett. So etwas möchten manche Leute gar nicht, es kann auch Konflikte und Vorurteile befördern, Noten sind da schon schlimm genug. Um die bittet man als neugieriger Mensch auch nicht, der Drang zum Lernen und Wissen ist da ein selbstverständliches, alltägliches Bedürfnis, der Erkenntnisgewinn eine Belohnung für sich selbst, und nichts, das man zum Angeben oder als "Zirkuskunststück" macht. So etwas erwarten aber viele Leute, wenn sie hören, dass jemand gute Noten oder einen hohen IQ hat. 4. Auch in Sachen Konfliktvermeidung wäre es wirklich besser, wenn die oberste Priorität in der Bildung die Erfüllung von Lernbedürfnissen und nicht das Messen und eine scheinheilige (siehe Arbeitsbedingungen an den Unis, Zeitarbeit und oft miese bis gar keine Bezahlung) Heroisierung bestimmter intellektueller Leistungen wäre.
permissiveactionlink 31.08.2016
4. Soziale Kompetenz
Zu diesem hochinteressanten Beitrag möchte ich noch einige Anmerkungen machen. Hochbegabten mangelt es keineswegs an sozialer Kompetenz, und dies bestätigt Herr Schneider ja auch. Sie leiden oft geradezu an sozialen Ungerechtigkeiten, auch wenn sie sich gegen andere richten. Ihr Gespür für Gerechtigkeit ist sogar extrem ausgeprägt. Allerdings meiden sie auch die Kehrseiten dessen, was man für soziale Kompetenz hält : Das Schmieden von "eingeschworenen" Gemeinschaften, das "Netzwerken", das Nutzen von "Beziehungen", das "Andere über den Tisch ziehen", die "Gerissenheit". Das macht sie eher sympathisch. Die wahren Probleme finden Hochbegabte nicht in den Schulen vor, sondern in den Familien, in die sie hineingeboren werden, und denen sie sich nicht entziehen können. Es ist schon für Normalbegabte von großem Nachteil, in einem Bildungsfernen Haushalt aufzuwachsen, der keinerlei Intellektuelle Angebote macht. Für Hochbegabte ist das verheerend ! In einem Jahre zurückliegenden Kriminalfall in Saarbrücken ("Tosa-Klause") spielte die Wirtin der verwahrlosten Schmuddelkneipe als Zeugin eine Rolle. Ihr IQ lag über 140. Sie hatte aber keine Chancen im Leben gehabt.
legatrain 31.08.2016
5. Legasthenie und Hochbegabung
Leider ist es so, dass hochbegabte Kinder nicht selten auf einer Förder(Sonder)schule landen, wenn sie eine Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) oder eine Rechenstörung (Dyskalkulie) aufweisen. Diese Schüler brauchen eine Besondere außerschulische Förderung oder Therapie in einem der betroffenen Teilbereiche, werden jedoch stattdessen oft auf die o.g. Schule "abgeschoben". Als Folge treten starke psychische Störungen bis zu Suizidversuchen auf. Ich spreche aus Erfahrung, da ich mit diesen Schülern arbeite. Das ist jedoch aus mehreren wissenschaftlichen Studien längst bekannt. Es ändert sich in dieser Hinsicht leider seit vielen Jahren nichts. Dr. N. Hellwig
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